Eine Droge namens Politik

Politiker als Suchtkranke: abhängig von äußerer Bestätigung, unfähig aufzuhören. Ein Gespräch mit dem »Spiegel«-Journalisten Jürgen Leinemann über sein Buch »Höhenrausch«

DIE ZEIT: Herr Leinemann, wenn Sie sich am Sonntagabend die Politiker bei Christiansen anschauen, was sehen Sie da?

Jürgen Leinemann: Wenn ich es sehe – es ist nur noch sehr selten –, sehe ich ein ziemliches Elend. Es ist die schiere Langeweile. Ich habe das Gefühl, ich kenne jeden Satz, jede Bewegung, jeden Gesichtsausdruck. Die Art, wie der eine den anderen unterbricht, wie er sich in den Vordergrund spielt. Ich kenne alles. Ganz selten bin ich schlauer als vorher.

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ZEIT: Ist dieses Bild stellvertretend für die politische Klasse in unserem Land?

Leinemann: Es ist symptomatisch für das öffentliche Bild dieser Klasse. In Wirklichkeit ist es etwas differenzierter.

ZEIT: Die Darstellung der Politiker ist langweiliger, als sie eigentlich sind?

Leinemann: Ja, die Darsteller schauen immer aufs Publikum: Was wollen die Leute von uns? Was erwarten sie? Was müssen wir jetzt bringen? Wie hätten sie mich gern? Was die Kommunikation in unserem Land so schwierig macht, sind die Barrieren der Erwartung. Die Zuschauer, die Medien, die Politiker, alle erwarten was. Und alle haben Angst, die Erwartungen nicht zu erfüllen.

ZEIT: Was unterscheidet die heutige Fernsehrepublik von früheren Zeiten?

Leinemann: Heute ist das Publikum ganz dicht an den Politikern – die werden in Nahaufnahme gezeigt, aber sie sehen das Publikum nicht. Sie bekommen keine direkten Reaktionen. Sie versuchen es zwar mit Umfragen, aber das nützt nicht viel.

ZEIT: Sie zitieren in Ihrem Buch den früheren hessischen Ministerpräsidenten Holger Börner mit dem Satz: Fehlende Menschenkenntnis ist eine der wichtigsten Führungsvoraussetzungen in der Politik. Stimmt das wirklich?

Leinemann: Ich denke, das stimmt. Fehlende Menschenkenntnis, verweigertes Einfühlungsvermögen ist ein Selbstschutz. Man ist selbst am wichtigsten. An den anderen zählt nur, ob sie nützen oder schaden. Für Feinde und Rivalen, für Menschen, die genauso machtgeil sind wie sie und ihnen gefährlich werden könnten, haben Politiker aber einen ganz feinen Blick. Da sehen sie jede Regung.

ZEIT: Sie beschreiben die Welt der Politiker als dramatisch wirklichkeitsleer. Die Politiker bezeichnen Sie als Süchtige.

Leinemann: Die beiden Begriffe hängen für mich zusammen. Sucht signalisiert, dass Entscheidendes im Leben fehlt. Dafür schaffen Drogen Ersatz. Die Wirklichkeit wird als unerfüllt und beängstigend erlebt, also hellt sich der Mensch diese Wirklichkeit künstlich auf – ob nun mittels chemischer Substanzen oder stimulierender Aktivitäten. Wenn sie von sich reden, benutzen viele Politiker den Begriff Sucht ja selbst gerne, aber mehr als harmloses Bild für eine peinliche Besessenheit. Auch Selbstzweifel lassen sich eben gut vermarkten.

ZEIT: Wonach sind Politiker süchtig, was ist es, das sie süchtig macht?

Leinemann: Vor allem die öffentliche Aufmerksamkeit. Mikrofone, Blitzlichter, Fernsehkameras – die eigene Dauerpräsenz in den Medien. Je weiter man kommt, desto höher die Dosis. Das gilt auch für die Faszination der Macht. Jede Tür wird aufgerissen, jede Fahrkarte wird dir besorgt. Die Umwelt dienert. Und wer oben angelangt ist, führt ein scheinbares Königsleben. Gepanzerte Limousine, Luftwaffenjet, Luxussuite. Aber zu welchem Zweck? Sie wollen die Welt verbessern, aber der Handlungsspielraum ist eng. Also müssen sie erst einmal ihre Wiederwahl sichern. So verselbstständigt sich der Betrieb. Die Betäubung beginnt schon ganz banal mit der Arbeit, die nicht öffentlich stattfindet: 16- bis 18-Stunden-Tage, 90-Stunden-Wochen. Das reicht bald, um nicht mehr zur Besinnung zu kommen.

ZEIT: An was mangelt es Politikern?

Leinemann: Vielen an einer konkreten Vorstellung von einem besseren Leben, einer besseren Gesellschaft, den meisten an Lebenserfahrung, allen an Muße. Der Politikbetrieb tötet alles, was ein normales Leben erfüllt: Beziehung und Familie, intensive Freundschaften, Kunst und Literatur, Hobbys. Alles dreht sich um Politik – die der Politiker irgendwann mit der Wirklichkeit verwechselt, so wie sich selbst mit seiner öffentlichen Rolle. Wer von Drogen und von Sucht redet, redet also zugleich von Realitätsverlust. Das ist natürlich umso schwerwiegender, wenn es sich um die Leute handelt, die damit beauftragt sind, einen guten Teil dieser Realität zu organisieren.

ZEIT: Im Moment werfen sich nicht nur Regierung und Opposition gegenseitig Realitätsverlust vor. Auch Hunderttausende Demonstranten klagen die Regierung an. Die Wahlkämpfe in Sachsen und Brandenburg standen unter dem Zeichen des Protests.

Leinemann: In dem Zusammenhang geht es aber nicht nur um den Realitätsverlust von Politikern. Die Bürger sind an diesem Prozess unterschlagener Wirklichkeiten beteiligt. Sie sind enttäuscht, dass die illusionären Versprechen von 1990 nicht gehalten wurden: Arbeit und Wohlstand für alle. Nun hinterfragen sie keineswegs ihre Erwartungen, sondern machen die Politiker dafür verantwortlich, dass sie nicht zaubern können – oder überzeugender lügen. CDU und SPD wirken nicht mehr, also nimmt man PDS und NPD, die noch mehr versprechen. Hauptsache, man muss die Realität nicht zur Kenntnis nehmen. Ob nun mittels Ideologie, Drogen oder Dauerglotzen. Die Leute suchen schmerzlose Wege und betäuben sich wie die Politiker. Wir leben in einer Suchtgesellschaft. Da sind die Politiker im wahrsten Sinne des Wortes Volksvertreter.

ZEIT: Sie sind persönlich vertraut mit dem Thema Sucht. Vor 30 Jahren erlitten Sie einen körperlichen und psychischen Zusammenbruch. Diagnose: Alkoholiker. Sie schreiben, Sie hätten am Ende eine Flasche Wodka pro Tag gebraucht, um funktionieren zu können. Seit dieser Krise haben Sie keinen Alkohol mehr getrunken.

Leinemann: Und vieles in meinem Leben geändert. Nur darum traue ich mich, Suchtkategorien zur Beschreibung von Politikern zu verwenden. Wir reden nicht von charakter- und disziplinlosen Menschen, wir reden von einer inneren Leere. Ich kenne die Unfreiheit, die man aber nicht wahrhaben will. Man kann sich nicht mehr selbst beurteilen, man hält die absurdesten Sachen für normal, sogar eine Flasche Wodka. Nach außen war ich erfolgreich, mit Anfang 30 Korrespondent in Washington, große Fassade. Aber innen? Ich habe nach Modellen gesucht, denen ich nachleben konnte.

ZEIT: Zum Beispiel?

Leinemann: Kennedy, der mich damals sehr beeindruckt hat. Heute muss ich wohl sagen: das Bild, das er abgab. Ich habe mich nie genau mit ihm beschäftigt, weil ich erst 1968 nach Washington kam, also fünf Jahre nach dem Attentat. Aber wenn man weiß, wie angeschlagen seine Gesundheit war, wie er mit Schmerztabletten und einem Stützkorsett den Sunnyboy spielte, muss man ihn wohl auch einen Süchtigen nennen.

ZEIT: Ein abschreckendes Beispiel waren Leben und Tod des früheren Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Uwe Barschel.

Leinemann: Selten habe ich mich als Wahlbeobachter so unwohl gefühlt wie damals beim Wahlkampf in Schleswig-Holstein. Wie Barschel ganz kurz nach seinem Flugzeugabsturz sich auf Krücken in eine Veranstaltung quälte und dann auch noch zittrig auf einen Stuhl stieg, damit ihm die Leute »Uwe, Uwe« zurufen konnten. Der Mann hätte in eine Rehabilitationsklinik gehört. Sein Problem war: Wenn er die politische Bühne nicht hatte, war da nichts, gar nichts.

ZEIT: Es scheint der Regelfall zu sein, dass Politiker nach körperlichen Einbrüchen weitermachen wie bisher. Genscher nach mehreren Herzinfarkten oder in jüngerer Zeit Horst Seehofer und Peter Struck.

Leinemann: Bei Struck hat die Droge Politik schon lange gewirkt, der kann den Entzug kaum aushalten. Schon ein paar Wochen Rehabilitationskur nach seinem Schlaganfall langweilten ihn zu Tode. Seehofer ist wirklich geschockt von seinem Zusammenbruch. Er hat den Suchtcharakter des Politikerlebens durchschaut. Doch mit diesem Wissen glaubt er, die Sucht im Griff zu haben. Wir werden sehen.

ZEIT: Was haben Sie zurzeit für einen Eindruck von Oskar Lafontaine?

Leinemann: Das ist wirklich trostlos. Ich habe selten so etwas Trauriges, beinahe Anwiderndes gesehen wie seinen Auftritt bei dieser Montagsdemonstration in Leipzig.

ZEIT: Er war für viele mal ein Hoffnungsträger.

Leinemann: Sicher, auch für mich persönlich. Und ich dachte, durch das Attentat sei er menschlich gereift. Stimmte aber nicht.

ZEIT: Wie sehen Sie Wolfgang Schäuble, der ebenfalls Opfer eines Attentats wurde und dann weitergemacht hat?

Leinemann: Wenn Politik eine Droge ist, dann war sie für Schäuble ein heilendes Medikament. Sicher, als er nach dem Attentat im Krankenhaus gelähmt aufwachte, hatte er seine Familie, die zu ihm hielt. Das war ganz wichtig. Aber er brauchte noch was anderes: Eine Perspektive, und das konnte die Politik ihm geben. Er begann ja schon in der Klinik, mit Kollegen vom Spiegel an seinem Einheitsbuch zu arbeiten. Was für ein Bild: er, noch im Bett, vor ihm die Journalisten.

ZEIT: Sogar im Krankenhaus sucht Schäuble noch die Öffentlichkeit.

Leinemann: In dem Fall denke ich aber: Es war ein Segen.

ZEIT: Welcher Politiker hat Sie außer Kennedy noch beeindruckt?

Leinemann: Willy Brandt. Von dem hängt ein Porträt in meinem Arbeitszimmer.

ZEIT: Beeindruckt Sie der wirkliche Brandt oder das Bild von ihm?

Leinemann: Ich kann das bei ihm nicht trennen. Mich hat sicher auch das Bild fasziniert, das er abgegeben hat, im Grunde war er der erste Medienkanzler. Säße er hier mit uns am Tisch, könnten wir das Gefühl kriegen, er wäre ein paar tausend Kilometer weit weg, völlig in sich versunken, den anderen kaum wahrnehmend. Wenn er in diesem Moment aber gefilmt werden würde, hätten die Zuschauer den Eindruck, er springe ihnen vor Lebendigkeit entgegen.

ZEIT: Und der Mensch Willy Brandt?

Leinemann: Er hatte früh ein schweres Leben, und er machte es sich später nie einfach. Er stellte sich dem Leben. Dafür habe ich eine große Sympathie. Er lief nicht davon, wie Oskar, der seine Förmchen wegwarf und rief: Ich spiele nicht mehr mit, als es ein bisschen unbequem wurde.

ZEIT: Der amtierende Kanzler kommt bei ihnen nicht immer so gut weg: Sie beschreiben, wie Schröder 1993 nach der Niederlage gegen Rudolf Scharping im Rennen um die Kanzlerkandidatur die ganze Welt in zwei Lager einteilte: Wer ist für Scharping, wer ist für mich?

Leinemann: Das war schrecklich. Er kannte keine Menschen mehr, er kannte nur noch Freunde oder Feinde.

ZEIT: Und Schröder heute?

Leinemann: Es soll nicht ranschmeißerisch klingen, aber er hat mich im Lauf seiner Kanzlerschaft durchaus beeindruckt. Die erste Zeit als Spaßkanzler war peinlich. Aber dann kamen die Kriege auf dem Balkan, später in Afghanistan. Da ist ihm das wirkliche Leben begegnet. Er hat sich dieser Herausforderung gestellt, das hat ihn verändert. Ich finde, man sieht ihm das auch an.

ZEIT: Eine These Ihres Buches lautet: Die alten Politiker hätten aufgrund der Erfahrung mit Armut, Krieg und Flucht ein »inneres Geländer« gehabt, was den heutigen fehlt. Das hört sich an, als brauchte es vordemokratische Stahlgewitter, um gute demokratische Politiker hervorzubringen. Sie stellen am Ende sogar die Frage: Sollen wir uns etwa einen neuen Krieg wünschen?

Leinemann: Ja, und ich beantworte diese Frage auch: Nein, das sollen wir nicht, mein Gott, natürlich nicht. Aber es ist doch keine Selbstverständlichkeit, dass man – wenn kein Schicksal von außen kommt – charakterlos sein muss. Man kann sich auch in friedlichen Zeiten dem Leben stellen. Also bleibt die Frage: Wie können Politiker das wirkliche Leben in ihr Leben hereinholen und es nicht nur immer peinlich imitieren, indem sie in Pools planschen oder Beachvolleyball spielen? Leider habe ich darauf nur eine schlichte Antwort: Jeder muss bei sich selbst anfangen. Hört sich vielleicht frustrierend an, ist aber so. Geht nicht anders. Weiß ich von mir.

ZEIT: Sie schreiben seit vier Jahrzehnten über Politik. Das ist auch Ihr Leben.

Leinemann: Ja. Ich weiß.

ZEIT: Warum tun Sie sich das an? Immer noch einen leeren Egomanen? Immer noch einen, der nicht aufhören kann?

Leinemann: Vielleicht bin ich auch so. Ein bisschen. Sonst würde mich diese Welt wohl nicht so faszinieren.

Das Gespräch führten Sven Hillenkamp und Stephan Lebert

* Jürgen Leinemanns Buch »Höhenrausch. Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker« ist diese Woche im Karl Blessing Verlag erschienen

 
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