Die große Studie der britischen Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong über Ursprünge und Geschichte des religiösen Fundamentalismus ist ein ebenso lehrreiches wie verwirrendes Buch. Die Konfusion wird eigenartigerweise gerade durch die klare These gestiftet, in deren Korsett die Autorin ihren beeindruckenden Überblick über fünfhundert Jahre jüdischer, christlicher und islamischer Erneuerungs- und Erweckungsbewegungen geschnürt hat.

Fundamentalismus, lautet ihr zentraler Gedanke, ist eine Angstreaktion gegen die moderne säkulare Welt. Vom Vormarsch des Säkularismus und seiner Verabsolutierung der Ratio fühlen sich Menschen, die am "Mythos", an der unmittelbaren Offenbarung ihres Glaubens festhalten wollen, in ihrer Existenz bedroht. Ihre Rückbesinnung auf die vermeintlich reine Lehre und Lebensweise der Religion setzt die Erfahrung der Säkularisierung also bereits voraus. Der Fundamentalismus ist demnach kein Relikt aus der Vormoderne, sondern eine eminent moderne Bewegung.

Die gewaltigen Kräfte der Moderne, die von ihrem Beginn an oft genug zerstörerisch auftraten, rufen in der Denkweise der Vormoderne verhafteten Gesellschaften akute Vernichtungsängste hervor. "Fundamentalismus" ist der Versuch, die bedrohte Existenzform zu retten, indem die vermeintlich unverfälschte religiöse Überlieferung rekonstruiert und dogmatisch konserviert wird. Die Fundamentalisten – Armstrong sieht bei allen gravierenden Unterschieden in diesen Zügen die Gemeinsamkeit zwischen Islamisten, protestantischen Erweckungsbewegungen in den USA und extremen jüdischen Orthodoxen in Israel – zogen sich zuerst in die militante Isolation von der modernen Welt zurück, um schließlich selbst in die politische Offensive zu gehen. Mit immer radikaleren Thesen – und immer moderneren Methoden – versuchen sie nun, die Schalthebel der weltlichen Macht unter Kontrolle zu bekommen und den scheinbar unwiderstehlichen Vormarsch der Säkularisierung umzukehren. Und so wandeln sie am Ende ihre Auslöschungsängste in aktive Vernichtungsfantasien und -aktionen um.

Diese modernekritische Prämisse – ohne Moderne kein Fundamentalismus, ohne den gewalttätigen Angriff auf tradierte Lebensweisen keine gewalttätige Reaktion auf die Moderne – durchzieht Armstrongs Buch wie ein Refrain. Ihre Studie ist auch ein Appell: Das säkulare Bewusstsein dürfe das rationale Denken nicht länger verabsolutieren, sondern müsse die Mythen und Rituale des Glaubens wieder in seinen Horizont aufnehmen – als Korrektiv einer entfesselten Vernunft. "Trotz unseres Kults um die Rationalität", resümiert sie, "ist die Geschichte der Neuzeit eine Aufeinanderfolge von Hexenjagden und Weltkriegen, die gleichsam Explosionen der Unvernunft waren. Ohne Zugang zu den tieferen Regionen der Seele, zu denen die alten Mythen, Liturgien und mystischen Praktiken der besten konservativen Religiosität einst hinführten, scheint die Vernunft in unserer schönen neuen Welt manchmal völlig den Verstand zu verlieren."

Deshalb fordert Karen Armstrong, das fundamentalistische Denken, so paranoid es uns auch zuweilen scheinen mag, nicht einfach zu verdammen, sondern sich mit mehr Empathie den darin zum Ausdruck kommenden Ängsten und Sorgen zuzuwenden. Doch diese Schlussfolgerung wirft mehr neue Fragen auf, als sie alte beantworten kann.

Die ewige Wiederkehr mythischer Ursituationen

Denn immer wieder betont Karen Armstrong, wie fremd und letztlich unverständlich das fundamentalistische religiöse Denken dem modernen säkularen Bewusstsein bleiben müsse. Ratio und Mythos seien in der vormodernen Welt als zwei gleichberechtigte Seiten der Erkenntnis anerkannt worden. Die Moderne aber habe die Ratio verabsolutiert und dem Mythos jeden Wahrheitsgehalt abgesprochen, um ihn in den Bereich privater Glaubensüberzeugung abzuschieben. Wenn sich das fundamentalistische Denken aber tatsächlich auf eine von der Wirklichkeit säkularer Menschen völlig verschiedene Quelle der Wahrheit beruft, wie soll dann eine rationale Einfühlung in seine Sorgen und Ängste möglich sein? Stammen sie doch aus einer ganz anderen Dimension von Wirklichkeitswahrnehmung und einer radikal anderen Vorstellung von Geschichte, die, wie Armstrong ausführt, im fundamentalistischen Denken als ewige Wiederkehr mythischer Ursituationen betrachtet wird.

Die Autorin konstatiert eine unheilbare Trennung zwischen dem Denken der Vormoderne und der Neuzeit, die sich in dem unversöhnlichen Gegensatz zwischen rationalistischem und fundamentalistischem Bewusstsein widerspiegele. Ihre Hoffnung, der Riss könne sich durch ein verständnisvolleres Aufeinanderzugehen heilen lassen, wirkt vor dem Hintergrund ihrer eigenen Analyse nahezu naiv. Die Frage ist allerdings, ob die Grenze zwischen säkularer Moderne und religiösem Antisäkularismus tatsächlich so linear und strikt gezogen werden kann, wie es Armstrongs Paradigma suggeriert.