Zu den fünf rituellen Pflichten, die sich dem religiösen Muslim stellen, gehört als größte die Hadsch, die Pilgerfahrt nach Mekka, von dort weiter in die Wüste, wo Abraham seinen Sohn opferte und Adam und Eva sich nach der Vertreibung aus dem Paradies wiederfanden. Doch die schwierigste Aufgabe ist nicht diese große Reise, sondern das Gebet. Ilija Trojanow, der damals noch in Bombay lebte, hat dies auf die harte Tour gelernt. Um sich auf die Pilgerfahrt nach Arabien vorzubereiten, nahm er Religionsunterricht bei einer karitativen muslimischen Organisation. Er gab den zehn jungen Leuten, die alle den Namen Qasri trugen, Unterricht in Englisch und Schreiben, dafür wiesen sie ihn in die Feinheiten des Gebets und des Rituals ein. Bereits eine oberflächliche Liste der Fehler, die dabei begangen werden können, füllen in seinem Reisebericht Zu den heiligen Quellen des Islam zwei Seiten: falsche Haltung des Kopfes, falsche Blickrichtung, falsche Haltung der Hände und der Finger, falsche Intonation, zu schnelle Rezitation der vorgeschriebenen Anrufungen, zu langsame Rezitation.

Schon in seinem ersten Reisebuch, Hüter der Sonne, befand sich der 1965 in Bulgarien geborene, in Kenia und Deutschland aufgewachsene Weltenbummler auf Pilgerfahrt: Er hatte darin die Weisheiten ostafrikanischer Stammesältester gesammelt. Auch in Indien zog es ihn an die Pilgerorte, an den Berg Kailash, zur Gangesquelle, doch die bedeutsamste Pilgerfahrt unternahm er 2003 nach Mekka. Seine Islamische Reise steht allerdings in größtem denkbaren Gegensatz zu der, die der Literaturnobelpreisträger V. S. Naipaul Ende der siebziger Jahre unternahm. Trojanow ist nicht gereist, um herauszufinden, wie man unter dem Islam lebt, sondern wie man den Islam lebt, und zwar in einem seiner ekstatischen Momente.

Er findet in seinem Bericht, den er ein Jahr danach verfasste, um sich die Reise in anderer Umgebung zu vergegenwärtigen, erstaunlich klare Worte. Ihm geht nicht, wie anderen Frischbekehrten, der Mund über – gerade deshalb gelingen ihm Schilderungen, in denen sich seine euphorische Stimmung gesteigerter religiöser Intensität ohne jeden missionarischen Eifer dem Leser unmittelbar mitteilt. Trojanow deckt keine Geheimnisse auf, enthüllt nichts über den Islam. Die Stationen seiner etwa vierwöchigen Reise, die ihn von Bombay nach Dschidda und von dort im saudisch-arabisch versorgten Pilgerpulk nach Mekka und nach Medina führte, sind Schritte einer Initiation, von der er mit Ernst und Gelassenheit erzählt. Es sind zunächst die Erfahrungen der Gleichheit – alle Pilger tragen nur zwei weiße Tücher als Kleidung – und der Gemeinschaft der Betenden, die den westlich Erzogenen faszinieren. Doch immer deutlicher tritt als drittes Element die Disziplin hinzu. Anschaulich wird dies in der Passage, in der er beschreibt, wie er mit seinem Lehrer das Zikr zu beten versucht, eine gemeinsame rhythmische Rezitation von Gottesanrufen, die in ihrer höchsten Form dazu befähigt, mit jedem Atemzug Allah zu sagen. Dies kann nur durch jahrelange Disziplin erreicht werden, in der Trojanow eine eigene spirituelle Schönheit erkennt.

Erfahrungen und Überlegungen, die eingebettet sind in Schilderungen des Ausnahme-Alltags der Pilgerschaft: die Pausen vom Gebet im MacDonald’s von Mekka, die hysterischen Drängeleien beim Steinwurf auf die Säulen Satans, die immer noch zum Tod oder zu schweren Verletzungen von Pilgern führen, die Arroganz der saudischen Bürokratie, die zwar den Ablauf der Hadsch für zwei Millionen Menschen gleichzeitig gewährleistet, aber auch zu ihrer intellektuellen Entleerung beiträgt. Ein Buch, das die guten Seiten des praktizierten Islams herausstellt, wichtig gerade heute.