Unglück in Glück verwandeln
Dienstagabend, Hamburger Bahnhof, die Eröffnungsreden sind gehalten. Es hat alles nichts geholfen, nicht das Beschwichtigen und das Abwiegeln, die nachgereichte Geste des Wohlwollens und der Angriff auf die Kritiker: Auf der Flick Collection liegt ein Schatten, und er will nicht weichen. Zu durchsichtig waren die Versuche, bedeutende Kunst für geschichtspolitische Zwecke zu benutzen; zu schamlos die Absicht, die »Berliner Republik« im Glanz einer neu gewonnenen Unschuld strahlen zu lassen und, wie es in der Hauptstadt hieß, »Unglück in Glück zu verwandeln«. Die Flick Collection, daraus hat weder die Bundesregierung noch der Berliner Senat einen Hehl gemacht, sollte der deutschen Selbstversöhnung zu Diensten sein und »einen Teil der Wunde schließen, die die Nazizeit gerissen hat« (Christina Weiss).
Es konnte nicht gut gehen. Nur Bundeskanzler Schröder selbst hätte den Nebel der Fragwürdigkeit lichten können, den die Betreiber haben aufsteigen lassen. Der Kanzler hat darauf verzichtet. Er bat den Leihgeber, die Ausstellung auf immer in Berlin zu lassen, und er hat dem Publikum mit Selbstverständlichkeiten gute Laune verschafft: dass »man die Menschen bestrafe, wenn man diese herrliche Sammlung nicht zeigen würde«, dass der Sammler seine »Verantwortung vor der Geschichte annimmt« und auch sonst viel Gutes tut. Natürlich. Aber dann stellte Schröder die Sache auf den Kopf. Der Streit um die Ausstellung und der Protest der Öffentlichkeit sei der beste Beweis dafür, dass »nichts totgeschwiegen oder in die Geschichtsbücher verbannt« werde. »Nichts wird umgeschrieben oder geschönt.« Die Aufmerksamkeit, die die Ausstellung errege, ermögliche es, intensiv über die Geschichte der Flick-Dynastie und das Schicksal von Zwangsarbeitern zu diskutieren.
Man begreift es nicht: Schröder erklärt die moralische Empörung darüber, dass die Opfer in der ästhetischen Selbstfeier gar nicht vorkommen sollten, zum innersten Bestandteil der Ausstellung. Er macht den Widerstand der Öffentlichkeit zum Alibi. Das ist nicht redlich. In Wahrheit sollte die kulturnationale Selbstfeier geräuschlos abgewickelt werden. Es gab einen manifesten Unwillen, die Umstände des Erwerbs kenntlich und die Ausbeutung der Zwangsarbeiter zum Thema zu machen, um den ästhetischen Betriebsfrieden nicht zu stören. Und der offene Brief der Flick-Schwester Dagmar Ottmann wurde als Privatsache unter den Tisch gekehrt (ZEIT Nr. 33/04). »Israelische Sklavenarbeiter«, schreibt Micha Brumlik, Leiter des Frankfurter Fritz Bauer Instituts, hätten die Bundesregierung inständig »gebeten, die Ausstellung nicht unkommentiert zu zeigen«. Ihr Brief wurde nie beantwortet. Aber das ist wohl nur die Oberflächengeschichte. Gegenstand der wahren Kunst aber, so rief Kurator Eugen Blume den Festgästen im Jargon der Berliner Eigentlichkeit, seien die »Tiefengeschichte«, in der der »Sinn von Sein« verborgen liegt, die »Urgründe der Erfahrung« und das »Purgatorium« von Kunst und Weltgeschichte. Ja, das »Fegefeuer«, das schicksalhaft aufsteigt aus der Tiefe des Seins. Und darauf ein Glas Champagner.
- Datum 23.09.2004 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 23.09.2004 Nr.40
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