Den Rattenfängern bleibt zuweilen der Erfolg versagt: In Rostock verirrten sich nur ein paar Kinder zum Pressefest der NPD

Foto: Mark Mühlhaus/attenzione

Dresden

Vergessen wir für einen Moment die Wahlergebnisse des vergangenen Wochenendes und schauen uns einen Pullover an, denn er sagt mehr über den Rechtsextremismus in Ostdeutschland als die Prozente von NPD und DVU: Wer als Neonazi wirklich etwas auf sich hält (und wer es sich leisten kann), trägt neuerdings Thor Steinar. So heißt die erste Designermarke von und für Rechte, gegründet vor zwei Jahren von ein paar Jungmännern aus der brandenburgischen Provinz. Die Qualität der Strickwaren hebt sich ab von den vielen üblichen Billigimporten. Die Schnitte sehen wirklich gut aus. Die Bestellseite im Internet macht einen edlen Eindruck. Und das Markenlogo ist so gestaltet, dass es nur Insider entschlüsseln können: Zwei altgermanische Runen sind darin zusammengesetzt, die Tyr- und die Gibor-Rune. Die erste ist nach dem nordischen Kriegsgott benannt und wurde unter Hitler im Abzeichen der Reichsführerschulen verwandt. Die zweite Rune war das Erkennungszeichen der Nazi-Werwolf-Einheiten. Solche Anspielungen machen den Reiz der Marke aus: Wer sie trägt, gibt sich diskret als Insider zu erkennen. Und läuft bislang kaum Gefahr, von irgendeinem Polizisten oder Antifa-Aktivisten belästigt zu werden.

Diese Mischung aus Pop und Politik ist es, die den Rechtsextremismus in den neuen Ländern besonders und gefährlich macht. Auf den Schulhöfen im Osten ist es chic, ein Nazi zu sein. Um dazuzugehören, braucht man nicht einmal mehr Springerstiefel, Bomberjacke und Glatze zu tragen.

In Ostdeutschland hat sich in den vergangenen 15 Jahren eine Jugendkultur etabliert, die auf beunruhigende Weise modern und lebendig ist, ein Patchwork aus Runenkunde und Rassismus, aus Alkohol und der Ablehnung alles Fremden (gern auch des Westdeutschen). Stile werden wild gemischt, ästhetische Grenzen verschwimmen. Am 1. Mai tauchte auf der Demonstration der NPD in Berlin ein neuer schwarzer Block auf: rechtsextremistische Autonome. Und der Wikingerversand im bayerischen Geiselhöring, einer der einschlägigen Händler, hat neuerdings Palästinensertücher im Angebot, einst das Erkennungszeichen der Linken.

Die rechte Szene bietet alles, was für Jugendliche attraktiv ist. Jeder kann klein einsteigen – zum Beispiel – mit einer CD rechter Musik. Wer ein größeres Abenteuer sucht, fährt zu einem verbotenen Konzert. Rechtsextreme Kameradschaften organisieren Fußballturniere und Fantasieschlachten in Germanenkostümen. Beim nächsten Mal sitzt man vielleicht schon auf einem Schulungsabend. In Sachsen steigt laut Verfassungsschutzbericht die Zahl der Kameradschaften nicht mehr – allerdings aus einem unerfreulichen Grund: Sie sind »mittlerweile in allen Regionen des Freistaates präsent«. Udo Voigt, der Bundesvorsitzende der NPD, bekennt in der Woche vor der Wahl freimütig bei einer Tasse Kaffee: »Ich kenne in Sachsen keine Kameradschaft, die nicht mit uns zusammenarbeitet.«

Am vergangenen Sonntag hat die NPD bei der Wahl zum Dresdener Landtag fast jede zehnte abgegebene Stimme erhalten. Besonders erfolgreich war die Partei bei jungen Wählern. Von den Männern unter 30 haben 21 Prozent rechtsextrem gewählt. Bei den Erstwählern beiderlei Geschlechts holte die Partei 20 Prozent der Stimmen. Die demokratischen Parteien versuchen sich damit zu beruhigen, NPD und DVU hätten den Zorn über Hartz IV ausgenutzt und »Protestwähler« eingefangen. Möglicherweise. Aber es sind Protestwähler mit zumindest teilweise rechtem Weltbild, von denen viele früher ihr Kreuz bei der CDU gemacht haben. Eine Nachwahlumfrage in Sachsen ergab, dass 96 Prozent der NPD-Wähler in Ausländern eine Überfremdungsgefahr sehen – in einem Bundesland mit gerade 2,8 Prozent nichtdeutscher Bevölkerung.

Die rechten Kader denken nicht im Rhythmus von Legislaturperioden

Wenn Rechtsextremisten wie jene Politiker vorgingen, die sie zu bekämpfen suchen, hätten sie bei der Wahl am Sonntag kaum Erfolg gehabt. Denn dann hätten sie auch bloß alle paar Jahre ein Sonderprogramm aufgelegt, später Schritt für Schritt dessen Finanzierung zusammengekürzt und sich erst wenige Tage vor dem Wahltermin mit einem alarmistischen Aufruf an ihre potenziellen Anhänger gewandt. Aber die Rechtsextremen denken nicht in Legislaturperioden, sondern langfristig.