Diese Biskys

Vater Lothar ist Chef der PDS, Sohn Norbert erfolgreicher Maler, Mutter Almuth war IM – und Sohn Jens hat über all das ein Buch geschrieben. Porträt einer deutschen Familie

Sonntagabend, die Wahlen in Brandenburg und Sachsen sind entschieden; Jens Bisky zieht sein Fazit um viertel nach sieben. »Für die Familie war das eine gute Wahl«, sagt er, »gutes Ergebnis für Vater, und trotzdem muss er nicht Ministerpräsident werden.« Er war doch gar nicht Spitzenkandidat, sagt man. Da seufzt der Sohn, was wohl heißen soll: Wenn sie ihn gebeten hätten, hätte er es wohl gemacht. Ich kenne ihn doch.

Was wäre daran so schlimm? »Er ist seit 15 Jahren in der Politik«, sagt Jens Bisky, »noch fünf Jahre in einem solchen Amt, und ich könnte ihn aus dem Kreml tragen. Außerdem habe ich gesagt, wenn er Ministerpräsident wird, muss er mich zum Verteidigungsminister machen.« Er lacht. Er war Offiziersanwärter in der Nationalen Volksarmee, vor fast 20 Jahren. Wir hatten uns zum gemeinsamen Fernsehen in der Berliner Redaktion der ZEIT verabredet, weil, wie Jens Bisky sagte, »mein Fernseher so klein ist und im Schlafzimmer steht, das kann ich Ihnen unmöglich zumuten«.

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Es ist die letzte Begegnung mit Jens Bisky im Zuge einer Recherche um diese deutsche Familie, deren Mitglieder einen ziemlich ereignisreichen Herbst erleben, 15 Jahre nach dem Mauerfall. Da ist Vater Lothar, 63, Vorsitzender der PDS, der Triumphe feiert als selbst ernannter Partei-Protestler gegen Hartz IV und überhaupt gegen Reformen im Land. Da ist Sohn Norbert, 34, einer der erfolgreichsten Maler seiner Generation, der die vielen Aufträge kaum erfüllen kann, Ausstellungen in New York eröffnet und in Rotterdam. Da ist Sohn Jens, 38, das älteste von drei Kindern, Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung. Er hat ein Buch über sich und seine Familie geschrieben, es heißt Geboren am 13. August – der Sozialismus und ich und erscheint in dieser Woche im Rowohlt Verlag; 25 Lesungen sind geplant. Nur der jüngste Sohn, Stephan, 21, hält sich der Öffentlichkeit fern. Er studiert Hirnforschung in Australien.

Es läuft für die Familie. Die Biskys sind derzeit ganz oben. Erzählt ihr Erfolg etwas über die Deutschen, über Ost und West, über die Politik und über den Umgang mit der eigenen Vergangenheit?

Anfang September, kurz nach Mitternacht. In seiner Lieblingsbar Roses, einem Lokal in Kreuzberg, erzählt der Journalist Jens Bisky nach dem dritten oder vierten Bier, wie er dazu kam, ein Buch über seine Familie zu schreiben. Als vor zwei, drei Jahren ein Generationen-Buch nach dem anderen erschien, sagte eine Kollegin zu ihm: »Jens, jetzt schreibst du Generation IM!« Jens Bisky lacht kurz auf, als er das erzählt. Er tänzelt ein paar Schritte vor und zurück zur lauten House Music, die im Roses läuft, dann klingelt sein Handy, er entschuldigt sich und tritt vor die Tür. Eine ganz charmante Anekdote. Der ostdeutsche Autor aus der berühmten ostdeutschen Familie macht sich lustig über sein Image und die Vorurteile, die es im Westen und im Osten über seinesgleichen gibt.

Eine Woche vor der Wahl, Sonntagnachmittag, in Hohen Neuendorf im Brandenburgischen, einem Ort vor den Toren Berlins. Lothar und Almuth Bisky wohnen in einem weiß verputzten Häuschen mit Garten. Schon am Zaun wird deutlich, warum Lothar Bisky der perfekte Vorsitzende einer Partei ist, die ihren Erfolg vor allem mit Larmoyanz produziert. Der Hausherr kommt einem in dunkler Hose und dunklem Hemd entgegen, das über dem stattlichen Bauch hängt. Bisky trägt Schlappen, öffnet das Gartentor, reicht dem Besucher die Hand. Als man ein Kompliment macht, schön haben Sie es hier, sagt er: »Danke, ja. Wir wohnen nur zur Miete. Wir müssen bald raus, in einem Jahr. Die Besitzerin aus dem Westen hat geklagt auf Eigenbedarf.« So funktioniert es im kleinen Garten, so klappt es in der großen Politik. Und doch: Es wird ein Gespräch in freundlicher Atmosphäre. Vater Bisky lacht seinen Sätzen hinterher, genau so, wie sein Sohn im Roses gelacht hat. Beide beugen ihre Oberkörper dabei leicht zurück, als ob sie die Reaktion des Gegenübers abwarten wollen, um ihm dann doch zuvorzukommen. Es ist ein gewinnendes, aber gleichzeitig auf Abstand bedachtes Lachen.

Wir setzen uns im Wohnzimmer auf eine rote Couch-Garnitur, an den Wänden hängen Frühwerke von Norbert, dem Maler, Naturlandschaften. Die Eltern sind stolz auf ihren Künstler – und dessen Erfolg. »Ich könnte mir heute keinen Bisky mehr leisten«, sagt der Vater, lacht das Bisky-Lachen. 35000 Euro kostet ein Bisky, Tendenz steigend.

Sohn Jens tanzt in Kreuzberg, Vater Lothar gärtnert in Brandenburg

Lothar Bisky bietet Fachinger Mineralwasser an, das schonende. Wenn er nachgießt, betrachtet er das Etikett, als ob es ein besonders guter Jahrgang wäre. Bisky hat den Alkohol aufgegeben und das Rauchen auch. Sein Arzt hat ihn gewarnt: »Zwölf Jahre Aggression gegen den eigenen Körper«, zwölf Jahre in der Politik seit 1989, mit drei Jahren Unterbrechung, wenn er so weitermache, habe er nicht mehr lange. Seine Frau hingegen, die nie einen Raucher heiraten wollte, wie sie sagt, hat selbst damit angefangen, vor Jahren. Ihr Mann ist ansteckend, sie, eine zierliche Person mit dunkler Haut, kommt nicht davon los. Im Gespräch zündet sie sich eine HB nach der anderen an.

Vielleicht wirkt Lothar Bisky wie der perfekte Ostdeutsche, weil er sich die DDR antrainiert hat. Er kommt aus dem Westen. Geboren im Krieg, aufgewachsen in Brekendorf, einem Ort in Schleswig-Holstein, der Vater Analphabet, die Mutter Putzfrau. Biskys Vater wurde als Dieb verurteilt, weil er nachts Kühe molk, um Milch für Biskys Bruder zu bekommen. Es war kein Geld da. Lothar Bisky wollte aber nach oben, studieren, da stieß er im örtlichen Buchladen auf Karl Marx. Der Sozialismus entstand zuerst in seinem Kopf. Im Sommer 1959 ging er in die DDR, freiwillig. Er machte Abitur, studierte Philosophie in Ost-Berlin und Kulturwissenschaften in Leipzig, und 1975 habilitierte er sich. 1963 trat er der SED bei, zwei Jahre nach dem Bau der Mauer. Er empfindet tiefe Dankbarkeit gegenüber der DDR, sie hat ihm den Aufstieg ermöglicht. Muss man seine Arbeit in der PDS heute auch als Verteidigung der eigenen Biografie verstehen? »Wenn Sie wollen, meinetwegen«, antwortet er, fügt hinzu, dass in der DDR viel Unrecht geschehen sei, das nicht zu entschuldigen sei. Aber die Kinderhorte! Die soziale Absicherung! Manches sei besser gewesen.

Als Student lernt Lothar Bisky die Kommilitonin Almuth kennen, »nach 14 Tagen«, sagt sie, »stand fest, dass wir heiraten«. Almuth studiert Kultursoziologie und macht ebenfalls Karriere. Sie arbeitet als »Sektorenleiterin Kunstpolitik«. In seinem Buch schreibt Jens, der Sohn: »Meine Eltern waren ein schönes Paar: er ein etwas zu kurz geratener Belmondo, sie eine Lollobrigida.« 1979 zieht die Familie nach Ost-Berlin, von 1980 an ist der Vater Dozent an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften am Zentralkomitee, 1986 wird er Rektor der Filmhochschule in Babelsberg.

Lothar Bisky erzählt, die Zeit an der Filmhochschule sei die beste seines Lebens gewesen. Sein Ruf als Vorzeige-Sozialist entsteht: Er öffnet den Studenten Freiräume und unterstützt ihre Projekte, innerhalb der engen Grenzen der DDR. Was sein Freund Gregor Gysi für die Partei wird, ist er für seine Studenten: ein Held. Umso härter trifft es ihn Jahre später, 2003, als in der ZEIT veröffentlicht wird, dass er bei der Auslandsspionage der Stasi registriert war. »Ja«, hat er damals gesagt, »ich habe Berichte geschrieben, es gab Kontakte, aber ich war nie ein Spitzel.« Er wirft jetzt, auf der roten Couch, die Hände in die Luft, lacht sein Lachen nicht mehr, tippelt mit den Fingern auf dem Tisch. »Ich weiß, der beste Zweck heiligt nicht die Mittel.« Er sagt wirklich: Der beste Zweck. Dann sagt Lothar Bisky: »Damit ist jetzt aber Feierabend.«

Seine Frau, Jens’ Mutter, Almuth Bisky, 61, hat dunkle Haare, trägt Kajal um die Augen und weiße Hausschuhe. Ihr Äußeres: hell und dunkel, im starken Kontrast, man denkt sofort an die Schauspielerin Hannelore Elsner im Film Die Unberührbare. Almuth Bisky arbeitet seit einigen Jahren in der Altenpflege in Berlin-Wedding, in ihrem früheren Leben war sie einflussreiche Kulturbeamtin in der DDR. »Ich war im Apparat«, nennt sie das. Und sie war IM, Spitzel für die Staatssicherheit. Sie hat in Leipzig unter anderem Berichte über den Schriftsteller Erich Loest geschrieben. »Ich will eines klarstellen«, sagt sie, »ich habe mich nie verführt gefühlt. Ich übernehme die Verantwortung für mein Handeln.«

Almuth Bisky ist derzeit krankgeschrieben, sie hat es im Rücken und wird im Krankenhaus behandelt. Sie sagt: »Ich habe Herrn Loest nie geschadet. Sehen Sie, ich habe sogar ein Exemplar seines Romans Es geht seinen Gang mit Widmung von ihm!« Sie habe dafür gekämpft, dass das Buch erscheinen konnte, sagt sie. Nie geschadet – der altbekannte Spruch.

Anruf bei Erich Loest in Leipzig. »Ja, die Frau Bisky«, sagt Loest, »sie war der korrekteste Spitzel, den ich hatte. Sie hat nichts übertrieben, hat nichts erfunden. Damit war sie die Gefährlichste. Durch ihre Berichte hat die Stasi wirklich erfahren, was mit mir los war.« Genau habe Frau Bisky berichtet, wer bei welchen Treffen dabei war, Verleger oder Freunde, und wie erregt Loest über die Zustände in der DDR gewesen sei. Erzählt man Erich Loest nun, Frau Bisky behaupte, ihm nie geschadet zu haben, so entfährt ihm ein »Scheiße, natürlich hat sie mir geschadet!«. Es sei völlig zwecklos, mit ihr zu reden. »Die Biskys! Die guten Genossen! Bei denen hat’s geklappt«, sagt Loest noch, »die sind wieder ganz oben. Die waren es früher und sind es heute. Die waren damals Täter und sind heute Täter. Auf Wiederhören.« Ende des Telefonats.

Jens Bisky sieht aus wie sein Vater in jung, nur ist die Stirn höher. Die schwarzen Haare beginnen zu ergrauen. Die kräftigen Hände, sagt er, habe er vom Vater, »Bauernfinger«. Jens Bisky hat sein Abitur in Ost-Berlin gemacht, anschließend besuchte er die Offiziershochschule, vier Jahre lang. Das war Mitte der achtziger Jahre keineswegs üblich: Pflicht waren gerade einmal anderthalb Jahre, entschloss man sich freiwillig zu drei Jahren, konnte man leichter sein Wunschfach studieren. Warum dann vier? Jens Bisky zögert: »Ich habe gedacht, es ist für das richtige Land, tu mal was für den Frieden. Und ich hatte nicht genug Energie, da wieder rauszufinden. Es war bequem in der DDR: Wenn man funktionierte, wurde einem alles abgenommen.« In seinem Buch beschreibt Bisky die Zeit im Militär als Zeitverschwendung, Quälerei, Demütigung. Das ist seine Perspektive von heute.

Das Bisky-Lachen: Oberkörper zurück, wieder nach vorne, Distanz

Was wäre aus Jens Bisky geworden, wenn es die DDR noch gäbe? »Unmögliche Vorstellung«, sagt er, »die DDR mit Internet und Handy hätte nicht funktioniert.« Das Bisky-Lachen, Oberkörper zurück, wieder nach vorne, Distanz. »Ich weiß nicht. Ich wäre wohl zurechtgekommen. Ich hätte ein Schwein werden können in der DDR, aber ich glaube es nicht.« Der Vater glaubt, »Jens wäre an der Universität geblieben«. Ein Kollege, der Jens Bisky aus der gemeinsamen Zeit bei der Berliner Zeitung kennt, meint, aus ihm wäre ein Schriftsteller geworden; das waren in der DDR die vergleichsweise Unabhängigen.

Wie haben die Biskys die Wende geschafft? Oder anders gefragt: Ist ein System vorstellbar, in dem sie es nicht schaffen würden? Der eine Sohn schreibt darüber, der andere malt, der Vater macht Opposition – und will auch ein Buch schreiben, erzählt die Mutter. Die Biskys haben sich in der neuen Welt schnell orientiert. Almuth Bisky sagt: »Mittelmäßigkeit war in dieser Familie nie akzeptiert.« Es habe sie größte Überwindung gekostet, den Kindern zu erlauben, sich der Unterhaltungskultur zu nähern. Zum Beispiel? Sie flüstert, als ob sie etwas Verbotenes sagt: »Zum Beispiel Bücher von… Karl May.« Streng hat Almuth Bisky darauf geachtet, dass die Kinder kein Sächsisch sprechen. Nur wenn Jens Bisky heute Russisch spricht, sagt er, habe er einen sächselnden Dialekt – über den Russisch-Unterricht hatte die Mutter keine Kontrolle.

Gern hätte man darüber mit dem Künstler der Familie gesprochen, dem Maler Norbert. In seinen Bildern spiegelt sich die Geschichte der Biskys: die sozialistische Ästhetik der DDR, gemischt mit der Pop-Art des Westens, im Hintergrund durchschimmernd Anleihen bei der Nazikunst. Doch dessen Galerist hat ihm abgeraten, im Zusammenhang mit der Familie in der Öffentlichkeit aufzutauchen. Hätte der Sozialismus Norbert Biskys Marktwert geschadet?

Das Gespräch mit Jens Bisky dreht sich längst um ein anderes Thema, da unterbricht er sich, sagt: »Ich denke noch einmal über die Frage der Karriere in der DDR nach. Dahinter steckt der Vorwurf der Anpassung. Mein Gefühl ist schon: Ich komme überall zurecht. Aber ist das automatisch Anpassung?« Sein Leben seit 1989 scheint Beweis zu sein für die These, dass aus Anpassung Energie entstehen kann.

Wie bei den Manns: Der starke Vater und die schwulen Söhne

Hatte er sich jemals gefragt, ob seine Eltern bei der Stasi sind, bevor alles herauskam? »Nein«, sagt er, »das lag außerhalb meiner Vorstellungswelt.« Er hat sie, die zur Elite des Landes gehörten, nie gefragt. Und sie haben nie davon erzählt. Auch wenn man den Nationalsozialismus und den Realsozialismus schwer vergleichen kann, wiederholt sich im Umgang mit der eigenen Familiengeschichte das alte deutsche Muster: Du fragst nicht, ich erzähle nichts. Man schweigt.

Bei der letzten Begegnung mit Jens Bisky fragt man, ob denn die Familiengeschichte der Manns jemals ein Thema in der Familie Bisky gewesen sei. »Nein, wieso?« Weil es eine auffallende Parallele gibt: der starke Vater – und die schwulen Söhne. »Ach so, nein, das war nie ein Thema.« Wenn Almuth Bisky erzählt, wie sie von der Homosexualität ihres ältesten Sohnes erfuhr, fällt sie in jenen DDR-Slang zurück, der möglichst wenig Informationen transportieren soll. Sie sagt nicht, wie es war, als jemand, der Jens in einer Berliner Schwulenbar gesehen hatte, sie anrief. Sie sagt: »Ich wurde informiert.« Ein Schock für die Eltern. Später das Gleiche mit Norbert. Schwule kamen im realsozialistischen Weltbild nicht vor. Vater Bisky sagt, dass er damit zunächst nichts anfangen konnte. »Lothar ist eben ein Landjunge«, sagt seine Frau. Sie hatte sich so auf Enkel gefreut und musste nun akzeptieren, dass ihr weder Jens noch Norbert diesen Wunsch erfüllen konnten. Heute, sagen die Eltern, hätten sie ihren Frieden damit gemacht. »Meinetwegen könnte sich Jens auch in ein Tischbein verlieben«, sagt die Mutter. Vielleicht sind beide entspannter, weil ihr Jüngster, Stephan, nicht schwul ist. Sein Bruder Jens sagt dazu nur, »dass Stephan sich also überlegen kann, ob er diese Aufgabe übernimmt«.

Jens Bisky ist mit seinem Vater öfter mal nicht einer Meinung. Während der Vater mit seiner Anti-Hartz-IV-Politik Wählerstimmen sammelt, unterstützt der Sohn in Leitartikeln die Reformpolitik. Er ist Journalist geworden und arbeitet für eines jener Westmedien, über die der Vater in der DDR wütende Bücher geschrieben hat. Der Sohn erklärt die DDR zu einer »Totgeburt«. Seine Eltern aber leben im Geiste noch in diesem Land, das 1989 untergegangen ist. Der Vater profitiert immer noch davon, dass Ostdeutsche benachteiligt werden. »Es gibt eine Sonderzone Ost«, klagt er. Und die Mutter gratuliert sich selbst: »Wir haben die Wende überlebt.« Den Sohn ärgert diese Larmoyanz, und doch bleibt seine Familie seine Familie. Er erinnert sich gut daran, wie es war, als seine Mutter eines Tages sagte: »Wir müssen mal reden«, und ihm beichtete, dass sie bei der Stasi war und Bild darüber berichten werde. Jens Bisky sagt: »In diesem Moment musste ich mir sagen, ich habe nur eine Mutter. Ich finde auf keinen Fall richtig, was sie gemacht hat. In der Sache habe ich ein deutliches Urteil. Aber das trifft nicht ihre Person als Ganzes.« Sein Buch ist der Versuch, diese Widersprüche auszuhalten, nicht auszublenden.

Nach der Wende stellte sich heraus, dass auch Jens’ Freund für die Stasi gearbeitet hat. »Biografische Enteignung« nennt Bisky das. Er sagt, dass sein Menschenbild damals geprägt wurde. Skeptisch sei er den Menschen gegenüber, »allzu großes Vertrauen und Hingabe sind nicht gut«, sagt er.

Bei den Recherchen zur Familie Bisky ist ein Wort wieder und wieder aufgetaucht. Vater Bisky hat es verwendet, als er nach der wichtigsten Eigenschaft bei sich und Freunden gefragt wurde. Mutter Bisky hat es verwendet, als sie erklärte, welche Tugend im Mittelpunkt ihrer Erziehung gestanden habe. Es war das Wort »Verlässlichkeit«. Jens Bisky hat es kein einziges Mal in den Mund genommen.

 
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