Diese BiskysSeite 4/4
Hatte er sich jemals gefragt, ob seine Eltern bei der Stasi sind, bevor alles herauskam? »Nein«, sagt er, »das lag außerhalb meiner Vorstellungswelt.« Er hat sie, die zur Elite des Landes gehörten, nie gefragt. Und sie haben nie davon erzählt. Auch wenn man den Nationalsozialismus und den Realsozialismus schwer vergleichen kann, wiederholt sich im Umgang mit der eigenen Familiengeschichte das alte deutsche Muster: Du fragst nicht, ich erzähle nichts. Man schweigt.
Bei der letzten Begegnung mit Jens Bisky fragt man, ob denn die Familiengeschichte der Manns jemals ein Thema in der Familie Bisky gewesen sei. »Nein, wieso?« Weil es eine auffallende Parallele gibt: der starke Vater – und die schwulen Söhne. »Ach so, nein, das war nie ein Thema.« Wenn Almuth Bisky erzählt, wie sie von der Homosexualität ihres ältesten Sohnes erfuhr, fällt sie in jenen DDR-Slang zurück, der möglichst wenig Informationen transportieren soll. Sie sagt nicht, wie es war, als jemand, der Jens in einer Berliner Schwulenbar gesehen hatte, sie anrief. Sie sagt: »Ich wurde informiert.« Ein Schock für die Eltern. Später das Gleiche mit Norbert. Schwule kamen im realsozialistischen Weltbild nicht vor. Vater Bisky sagt, dass er damit zunächst nichts anfangen konnte. »Lothar ist eben ein Landjunge«, sagt seine Frau. Sie hatte sich so auf Enkel gefreut und musste nun akzeptieren, dass ihr weder Jens noch Norbert diesen Wunsch erfüllen konnten. Heute, sagen die Eltern, hätten sie ihren Frieden damit gemacht. »Meinetwegen könnte sich Jens auch in ein Tischbein verlieben«, sagt die Mutter. Vielleicht sind beide entspannter, weil ihr Jüngster, Stephan, nicht schwul ist. Sein Bruder Jens sagt dazu nur, »dass Stephan sich also überlegen kann, ob er diese Aufgabe übernimmt«.
Jens Bisky ist mit seinem Vater öfter mal nicht einer Meinung. Während der Vater mit seiner Anti-Hartz-IV-Politik Wählerstimmen sammelt, unterstützt der Sohn in Leitartikeln die Reformpolitik. Er ist Journalist geworden und arbeitet für eines jener Westmedien, über die der Vater in der DDR wütende Bücher geschrieben hat. Der Sohn erklärt die DDR zu einer »Totgeburt«. Seine Eltern aber leben im Geiste noch in diesem Land, das 1989 untergegangen ist. Der Vater profitiert immer noch davon, dass Ostdeutsche benachteiligt werden. »Es gibt eine Sonderzone Ost«, klagt er. Und die Mutter gratuliert sich selbst: »Wir haben die Wende überlebt.« Den Sohn ärgert diese Larmoyanz, und doch bleibt seine Familie seine Familie. Er erinnert sich gut daran, wie es war, als seine Mutter eines Tages sagte: »Wir müssen mal reden«, und ihm beichtete, dass sie bei der Stasi war und Bild darüber berichten werde. Jens Bisky sagt: »In diesem Moment musste ich mir sagen, ich habe nur eine Mutter. Ich finde auf keinen Fall richtig, was sie gemacht hat. In der Sache habe ich ein deutliches Urteil. Aber das trifft nicht ihre Person als Ganzes.« Sein Buch ist der Versuch, diese Widersprüche auszuhalten, nicht auszublenden.
Nach der Wende stellte sich heraus, dass auch Jens’ Freund für die Stasi gearbeitet hat. »Biografische Enteignung« nennt Bisky das. Er sagt, dass sein Menschenbild damals geprägt wurde. Skeptisch sei er den Menschen gegenüber, »allzu großes Vertrauen und Hingabe sind nicht gut«, sagt er.
Bei den Recherchen zur Familie Bisky ist ein Wort wieder und wieder aufgetaucht. Vater Bisky hat es verwendet, als er nach der wichtigsten Eigenschaft bei sich und Freunden gefragt wurde. Mutter Bisky hat es verwendet, als sie erklärte, welche Tugend im Mittelpunkt ihrer Erziehung gestanden habe. Es war das Wort »Verlässlichkeit«. Jens Bisky hat es kein einziges Mal in den Mund genommen.
- Datum 22.12.2008 - 16:37 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 23.09.2004 Nr.40
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