Kino Ein vorzeigbarer Hitler
Die ausländische Presse belächelt Oliver Hirschbiegels Film »Der Untergang«
Mein Albtraum«, sagte der Produzent Bernd Eichinger vor dem Start von »war ein Film aus Hollywood, der uns per Import zeigt, wie es bei uns zugegangen ist.« Merkwürdige Ironie: Hirschbiegels Film wird nirgends so enthusiastisch gelobt wie im Fachblatt (vom 16. September 2004). Da ist die Rede von »einem der besten Kriegsfilme, die je gemacht wurden«, von »Schlachtszenen auf der Höhe der Zeit«, von »einem künstlerischen Triumph« der Darsteller, die alle sehr »glaubwürdig deutsch« seien. Die Begeisterung des ist echt, besonders über den »Realismus« des »schrecklichen epischen Gemetzels in den Straßen von Berlin«, das an Spielbergs erinnert. Wir hätten es nicht besser machen können – so lautet das Lob, das den Anti-Hollywood-Rebellen Ei-chinger seltsam berühren muss.
Nicht ein einziger Filmkritiker einer führenden Zeitung weltweit vermochte dem hymnischen Ton des amerikanischen Branchenblatts zu folgen. Beim Filmfestival in Toronto ging der Film als ein »Biopic« unter vielen anderen unter: Bruno Ganz als menschelnder Hitler erschien dem Festivalpublikum keineswegs interessanter als etwa Che Guevara, Alfred Kinsey oder Ray Charles in den Konkurrenzfilmen. Indifferenz ist schlimmer als Ablehnung für diesen Film, der mit dem Anspruch des Tabubruchs daherkommt und dessen Macher viel Wirbel um seine Gewagtheit erzeugt haben. Man muss freilich auch in den unaufgeregten Texten lange nach jenem bedenklichen Kopfwiegen suchen, mit dem üblicherweise jede neue Welle deutscher Vergangenheitsbewältigung begleitet wird.
Zwar berichtet La libre Belgique vom 16. September, dass die Premierenzuschauer »vor Schrecken erstarrt« seien angesichts des »Todeskampfs von Berlin«. Und der Wiener Standard (17. September) will im neuen Interesse am »menschlichen« Hitler gar eine Wende im deutschen Umgang mit der Vergangenheit sehen. Die Vermenschelung Hitlers liest der Rezensent als Abschied von der »republikanischen, verfassungspatriotischen Erinnerungskultur«. Der Film, raunt der Standard unheilvoll, stehe symptomatisch dafür, dass »sich die gesellschaftlichen Fraktionen für eine konservative Hegemonie allmählich finden«.
Die Kritiker aus Frankreich, England und Amerika hingegen verweigern sich solcher Alarmroutine und üben sich, hin- und hergerissen zwischen Enttäuschung und Erleichterung, in Sarkasmus. Der Guardian (31. August) bietet einen satirischen Leserservice zur Debatte an: »Was Sie über den Hitler-Film sagen können«. Der Independent (17. September) vermag in dem Film kaum mehr als »die schlechteste Komödie des Jahres« zu erkennen. Besonders die tragende Rolle von Hitlers geliebtem Schäferhund hat es dem Kritiker angetan. Blondi beschere dem Film, wenn auch unfreiwillig, »Momente von Monty-Python-Qualität«.
Die New York Times (15. September) findet am Untergang eigentlich nur bemerkenswert, »wie wenig bemerkenswert er ist: ein geradliniges, ziemlich konventionelles Drama über den Todeskampf des Dritten Reiches«. Dass Hitler »zum akzeptablen Material für ein Stück Mainstream-Unterhaltung geworden ist«, zeige nur, »wie weit die Deutschen es dabei gebracht haben, ihre Gespenster zur Ruhe zu betten«. Und der Korrespondent von Le Monde (16. September) geht noch einen Schritt weiter. Bruno Ganz als »vorzeigbarer und häuslicher« Hitler sei zwar überzeugend, und es möge sich wohl auch alles ungefähr so abgespielt haben: »Ohne Zweifel, aber welche Langeweile!« In der Langeweile liege, mehr noch als in der Selbstgefälligkeit, die große Schwäche des »bemühten« Films, der trotz der beteiligten Talente an den gewissenhaften »Vollzug einer Amtshandlung« erinnere.
- Datum 23.09.2004 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 23.09.2004 Nr.40
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