Chile Das zweite Leben von Valparaíso

Die Stadt auf den 45 Hügeln war die Heimat der Hippies und der Boheme, als das Militär 1973 in Chile die Macht übernahm. Erst jetzt, viele Jahre nach dem Ende der Diktatur, holen sich die Menschen langsam zurück, worum sie lange betrogen worden waren

Von unten im Tal sehen die Häuser an den Hängen aus wie Bücherstapel, die jeden Augenblick zu kippen drohen, schmutzig und abgestoßen, mehr Wagenburg als Weltkulturerbe. Aber die ganze Wahrheit ist das nicht. Wer sie sehen will, muss mit einem der alten Aufzüge nach oben fahren, muss fühlen, wie die Stahlseile am Boden der Kabinen zerren und die Eingeweide schütteln, vorbei am Rücken der Gebäude, die ihre Gesichter in Richtung Meer halten, an Blumentöpfen, Wäscheleinen, Kaffeetassen in Küchenfenstern, bis das zerschrammte Glas der Aufzugkabine den Blick auf Hafen und Horizont freigibt. Oben, auf dem Felsen, steht der Schaffner in seiner Kabine wie ein Kapitän, der die Hügel von Valparaíso in den Pazifik steuert.

Es sind Details, die die Stadt ausmachen, la perla del Pacífico, Kleinigkeiten, die aus nächster Nähe sichtbar werden, bei Streifzügen über die Hügel. Die Bonbonfarben der Wellblechfassaden, die häufig noch von den Schiffen stammen, die sie zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts von Europa nach Chile gebracht haben. Ein Stück Dub-Musik, das durch die Schlitze eines Holzrolladens dringt, von dem drei Schichten Lack blättern. Der Himmel, von Stromkabeln zerschnitten. Schmale Gassen, die so steil aufwärts führen, dass erst schiefe Treppen sie begehbar machen. Jugendliche in Schuluniform versinken küssend auf den Stufen. Junge Graffiti-Künstler teilen sich die Häuserwände mit einer Hand voll Punks, die mit der Spraydose in der Hand auf das System scheißen. Fenster, Türen und Metallgeländer tragen ornamentale Spuren der Vergangenheit, als habe die Belle Époque vor der Küste Valparaísos Schiffbruch erlitten.

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Offiziell ist diese Stadt nie gegründet worden. Seit 1536, als ein sehnsüchtiger spanischer Leutnant den Flecken 120 Kilometer westlich von Santiago nach seinem Heimatdorf »Paradiestal« nannte, wuchert Valparaíso anarchisch nach allen Seiten, vor allem 45 Hügel hinauf, die die Bucht wie ein Amphitheater rahmen und jedem Grundstück einen Logenplatz garantieren. Trotzig widersetzen sich die Straßen dem kolonialen Schachbrettmuster, das die Zentren so vieler lateinamerikanischer Städte rastert. Es mag mit dieser immanenten Rebellion zu tun haben, dem liebenswerten Chaos seiner Infrastruktur, der Freizügigkeit seiner Hafenspelunken, der Radikalität seiner Tresenmanifeste, dass Valparaíso früh die Boheme des Landes angezogen hat, Maler, Dichter und Intellektuelle. Bis heute vermittelt Valparaíso dem das Gefühl einer Behinderung, der mit seinen Händen nicht zu zeichnen, zu malen oder ein Instrument zu spielen versteht.

Einem der Hügel hat sich die Freude an den Namen geheftet. Cerro Alegre, fröhlicher Hügel, heißt er, angeblich wegen der vielen Klaviere, deren Musik früher aus den Fenstern der Wohnzimmer drang, zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Alten sind mit den Sonaten im Ohr groß geworden. Die Jüngeren haben erlebt, wie die Musik verstummte und vom Takt der Militärstiefel in den Straßen verdrängt wurde. Die Jüngsten sind gerade dabei, ihren eigenen Soundtrack zum Cerro Alegre zu finden.

Von der Calle Fisher führen Stufen zum Atelier Valarte von Cecilia Lauga. Eine Piratenfahne baumelt von einem Ast im Vorgarten, auf der Erde glänzen Glasscherben in der Sonne, die Überreste verworfener Schmuckarbeiten. Pflanzen und Blumen wuchern aus Töpfen, Kesseln und Kisten. Weiß der Himmel, wo die Streichhölzer geblieben sind. Cecilia kommt mit Kerzen aus der Küche zurück an den Tisch im Freien, Feuer für die Zigaretten. Am rechten Zeigefinger trägt sie einen Ring aus der Kollektion ihres Mannes. Cecilia malt, naive Kunst.

Sie ist auf dem Cerro Alegre aufgewachsen, kein besonders exklusives Wohnviertel damals. »Aber hier lebten Leute mit einem gewissen kulturellen Niveau, Bildungsbürgertum«, sagt Cecilia, die heute 47 Jahre alt ist. Die Nachbarn, Einwanderer englischer Abstammung mit mehr Stil als Vermögen, nahmen den Fünfuhrtee ohne Zucker, mit silbernen Löffeln. Wenn Cecilia vom »Glanz vergangener Zeiten« spricht, meint sie die Jahrhundertwende, als Emigranten aus Großbritannien, Italien und Deutschland den Cerro Alegre bevölkerten, mit dem Inventar der alten Heimat im Gepäck. Die andere Zeit, die in Cecilias Erinnerung funkelt, sind die Jahre, als Chile unter der Präsidentschaft Salvador Allendes (1970 bis 1973) antrat, der Welt den friedlichen Weg zum Sozialismus zu weisen. »Es gab den Glauben daran, eine neue Welt schaffen zu können, die Hippie-Bewegung mit all ihren Hoffnungen.« Die Studenten diskutierten über neue Gesellschaftsmodelle, demonstrierten auf den Straßen, brachten Analphabeten Lesen und Schreiben bei. Die Kupferminen wurden verstaatlicht. Die Regierung gab Milch für die Kinder der Armen. Cecilia war jung. Sie streichelt den Stoff ihrer bunten Weste. »Diese Jahre waren ein ewiger Frühling.« Dann, sagt sie, sei mit einem Schlag alles vorbei gewesen.

Valparaíso markiert einen Knotenpunkt chilenischer Geschichte. Sitz der ersten Börse des Landes, wichtigster Hafen des Kontinents bis zum Bau des Panamakanals, Wiege des Mercurio, der ältesten Tageszeitung Lateinamerikas, seit 1990 Sitz des Parlaments. Salvador Allende wurde hier geboren. Der Dichter Pablo Neruda baute sein Haus, La Sebastiana, auf dem Cerro Bellavista. Auch Augusto Pinochet stammt aus Valparaíso. Cecilia war 16 Jahre alt, als am 11. September 1973 Marineeinheiten die Hafenstadt besetzten und das Militär putschte.

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