Von unten im Tal sehen die Häuser an den Hängen aus wie Bücherstapel, die jeden Augenblick zu kippen drohen, schmutzig und abgestoßen, mehr Wagenburg als Weltkulturerbe. Aber die ganze Wahrheit ist das nicht. Wer sie sehen will, muss mit einem der alten Aufzüge nach oben fahren, muss fühlen, wie die Stahlseile am Boden der Kabinen zerren und die Eingeweide schütteln, vorbei am Rücken der Gebäude, die ihre Gesichter in Richtung Meer halten, an Blumentöpfen, Wäscheleinen, Kaffeetassen in Küchenfenstern, bis das zerschrammte Glas der Aufzugkabine den Blick auf Hafen und Horizont freigibt. Oben, auf dem Felsen, steht der Schaffner in seiner Kabine wie ein Kapitän, der die Hügel von Valparaíso in den Pazifik steuert.

Es sind Details, die die Stadt ausmachen, la perla del Pacífico, Kleinigkeiten, die aus nächster Nähe sichtbar werden, bei Streifzügen über die Hügel. Die Bonbonfarben der Wellblechfassaden, die häufig noch von den Schiffen stammen, die sie zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts von Europa nach Chile gebracht haben. Ein Stück Dub-Musik, das durch die Schlitze eines Holzrolladens dringt, von dem drei Schichten Lack blättern. Der Himmel, von Stromkabeln zerschnitten. Schmale Gassen, die so steil aufwärts führen, dass erst schiefe Treppen sie begehbar machen. Jugendliche in Schuluniform versinken küssend auf den Stufen. Junge Graffiti-Künstler teilen sich die Häuserwände mit einer Hand voll Punks, die mit der Spraydose in der Hand auf das System scheißen. Fenster, Türen und Metallgeländer tragen ornamentale Spuren der Vergangenheit, als habe die Belle Époque vor der Küste Valparaísos Schiffbruch erlitten.

Offiziell ist diese Stadt nie gegründet worden. Seit 1536, als ein sehnsüchtiger spanischer Leutnant den Flecken 120 Kilometer westlich von Santiago nach seinem Heimatdorf "Paradiestal" nannte, wuchert Valparaíso anarchisch nach allen Seiten, vor allem 45 Hügel hinauf, die die Bucht wie ein Amphitheater rahmen und jedem Grundstück einen Logenplatz garantieren. Trotzig widersetzen sich die Straßen dem kolonialen Schachbrettmuster, das die Zentren so vieler lateinamerikanischer Städte rastert. Es mag mit dieser immanenten Rebellion zu tun haben, dem liebenswerten Chaos seiner Infrastruktur, der Freizügigkeit seiner Hafenspelunken, der Radikalität seiner Tresenmanifeste, dass Valparaíso früh die Boheme des Landes angezogen hat, Maler, Dichter und Intellektuelle. Bis heute vermittelt Valparaíso dem das Gefühl einer Behinderung, der mit seinen Händen nicht zu zeichnen, zu malen oder ein Instrument zu spielen versteht.

Einem der Hügel hat sich die Freude an den Namen geheftet. Cerro Alegre, fröhlicher Hügel, heißt er, angeblich wegen der vielen Klaviere, deren Musik früher aus den Fenstern der Wohnzimmer drang, zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Alten sind mit den Sonaten im Ohr groß geworden. Die Jüngeren haben erlebt, wie die Musik verstummte und vom Takt der Militärstiefel in den Straßen verdrängt wurde. Die Jüngsten sind gerade dabei, ihren eigenen Soundtrack zum Cerro Alegre zu finden.

Von der Calle Fisher führen Stufen zum Atelier Valarte von Cecilia Lauga. Eine Piratenfahne baumelt von einem Ast im Vorgarten, auf der Erde glänzen Glasscherben in der Sonne, die Überreste verworfener Schmuckarbeiten. Pflanzen und Blumen wuchern aus Töpfen, Kesseln und Kisten. Weiß der Himmel, wo die Streichhölzer geblieben sind. Cecilia kommt mit Kerzen aus der Küche zurück an den Tisch im Freien, Feuer für die Zigaretten. Am rechten Zeigefinger trägt sie einen Ring aus der Kollektion ihres Mannes. Cecilia malt, naive Kunst.

Sie ist auf dem Cerro Alegre aufgewachsen, kein besonders exklusives Wohnviertel damals. "Aber hier lebten Leute mit einem gewissen kulturellen Niveau, Bildungsbürgertum", sagt Cecilia, die heute 47 Jahre alt ist. Die Nachbarn, Einwanderer englischer Abstammung mit mehr Stil als Vermögen, nahmen den Fünfuhrtee ohne Zucker, mit silbernen Löffeln. Wenn Cecilia vom "Glanz vergangener Zeiten" spricht, meint sie die Jahrhundertwende, als Emigranten aus Großbritannien, Italien und Deutschland den Cerro Alegre bevölkerten, mit dem Inventar der alten Heimat im Gepäck. Die andere Zeit, die in Cecilias Erinnerung funkelt, sind die Jahre, als Chile unter der Präsidentschaft Salvador Allendes (1970 bis 1973) antrat, der Welt den friedlichen Weg zum Sozialismus zu weisen. "Es gab den Glauben daran, eine neue Welt schaffen zu können, die Hippie-Bewegung mit all ihren Hoffnungen." Die Studenten diskutierten über neue Gesellschaftsmodelle, demonstrierten auf den Straßen, brachten Analphabeten Lesen und Schreiben bei. Die Kupferminen wurden verstaatlicht. Die Regierung gab Milch für die Kinder der Armen. Cecilia war jung. Sie streichelt den Stoff ihrer bunten Weste. "Diese Jahre waren ein ewiger Frühling." Dann, sagt sie, sei mit einem Schlag alles vorbei gewesen.

Valparaíso markiert einen Knotenpunkt chilenischer Geschichte. Sitz der ersten Börse des Landes, wichtigster Hafen des Kontinents bis zum Bau des Panamakanals, Wiege des Mercurio, der ältesten Tageszeitung Lateinamerikas, seit 1990 Sitz des Parlaments. Salvador Allende wurde hier geboren. Der Dichter Pablo Neruda baute sein Haus, La Sebastiana, auf dem Cerro Bellavista. Auch Augusto Pinochet stammt aus Valparaíso. Cecilia war 16 Jahre alt, als am 11. September 1973 Marineeinheiten die Hafenstadt besetzten und das Militär putschte.

Während der ersten Wochen herrschte von 18 Uhr an Ausgangssperre im ganzen Land. Nachts sammelten Soldaten Leichen von den Straßen. Reinigungseinheiten spülten das Blut von den Bürgersteigen. Zwei Monate nach dem Putsch fiel Cecilia auf, dass die jungen Männer aus der Stadt verschwunden waren. "Sie gingen entweder ins Exil, oder sie verschwanden." Cecilia erinnert sich an einen Nachmittag, an dem sie mit einem Freund durch die Stadt lief und von Soldaten angehalten wurde. Ihm schnitten sie mit den Spitzen ihrer Bajonette die langen Haare ab. Cecilia zerrten sie den Minirock so weit wie möglich herunter, um ihre Beine zu bedecken. "Mir und meiner Familie ist nichts passiert, niemand wurde ermordet. Aber diese Dinge hinterlassen Spuren. Wenn ich tanze, bin ich sehr zurückhaltend, selbst wenn ich mich ausgelassen fühle. Ich schreie nicht, selbst wenn ich wütend bin." Sie zuckt mit den Schultern.

Cecilia hatte eine Flasche Champagner aufbewahrt, die sie an dem Tag öffnen wollte, an dem Pinochet stirbt. Sie hat lange gewartet. Dann hat sie die Flasche irgendwann so getrunken. "Er ist nichts mehr", sagt Cecilia. "Er sitzt zu Hause mit kaputten Knien – er, der daran gewöhnt war, dass alle vor ihm auf die Knie fallen." Sie sagt, dass ihr die Ideale fehlen, die Diskussionen, Meinungen, der Frühling. Manchmal malt Cecilia Bilder, auf denen ein wunderschönes Haus mit der Nummer 71 zu sehen ist, daneben ein altes, zerfallenes mit der Hausnummer 73. Sie sagt, dass es Menschen gebe, denen so etwas auffällt. Ihr Hund Mao springt bellend auf, als Besucher die Gartenpforte öffnen.

Siebzehn Jahre lang hat die Diktatur in Chile gewütet, bis das Land zu Beginn der neunziger Jahre zur Demokratie zurückkehrte. Und ganz langsam kehrt auch das Leben zurück auf die Cerros von Valparaíso. Junge Künstler arbeiten nachmittags in ihren Ateliers und kellnern am Abend in den neuen Bars, die am Hafen und auf den Hügeln entstehen. Studenten mit Skizzenblöcken bevölkern den Cerro Alegre, zeichnen sich die Finger wund an winzigen Wänden und Dächern, die die Hänge bedecken. Der Pazifik schiebt sich zwischen Häuserwände wie ein Leitmotiv, eingebettet in wahnwitzige Perspektiven, die das räumliche Zeichenvermögen auf die Probe stellen.

Im Café Vinilo an der Calle Almirante Montt lehnen Bilder mit Preisschildern an den Wänden, mit sechsstelligen Peso-Summen, die sich in dreistellige Euro-Beträge übersetzen. Auf den alten Fliesen stehen Schneiderpuppen und Vitrinen mit Kleidungsstücken, weiter hinten geht der Raum in das Taller Diseñadora Textil über, wo die Designerin María Paz Bravo ihre Unikate verkauft.

Der Architekt Allan Lara, Marías Lebenspartner, ist 31 Jahre alt, ein Kind der Diktatur. Seine Adoleszenz handelt von Ausgangssperren statt elterlichen Hausarrests, von willkürlichen Verhaftungen im Freundeskreis und von Geheimpolizisten, die sich unverhofft vom Barhocker erheben und Menschen abführen, die niemals wiedergesehen werden. "Es gibt in Chile eine Generation, meine, die Paarunddreißigjährigen, die sich wegen dieser Geschichte bis heute verdammt schwer damit tut, gesellig zu sein." Eine Generation, aufgewachsen in ängstlicher Innerlichkeit, ohne freien Zugang zum öffentlichen Raum, ohne Kneipenkultur. "Eine Diktatur", sagt Allan, "zerstört als Erstes die Versammlungsräume." Allan Lara gehört zu denen, die sich auf dem Cerro Alegre zurückholen, worum sie jahrelang betrogen worden sind. "Wir wollten einen Raum schaffen, an dem man erleben kann, dass es noch gute Menschen gibt, die etwas anderes wollen, auch wenn das vielleicht kitschig klingt."

Das Café Vinilo war früher eine Metzgerei. Ursprünglich hatten sie eine Boutique eröffnen wollen, aber der Tresen war zu schön, um ihn ungenutzt zu lassen. Sie fingen an mit 1.000 Dollar Startkapital. Drei Jahre ist das her. Es gab drei Barhocker, fünf Espressotassen und 400 Schallplatten. Duran Duran, The Smiths, Nat King Cole. "Wir hatten diese Sammlung zu Hause, weil wir früher mal eine Radiostation aufmachen wollten." Manchmal bringen die Leute auch ihre eigenen Platten mit, um sie im Café Vinilo zu hören, weil ihre Plattenspieler kaputt sind und Ersatz schwer aufzutreiben ist.

Seit die Unesco Valparaíso 2003 zum Weltkulturerbe erklärt hat, steht der Cerro Alegre nicht nur bei denen hoch im Kurs, die mit Kreativität an ein verlorenes kulturelles Erbe anknüpfen wollen. Investoren und Spekulanten treiben die Immobilienpreise in die Höhe. Bewohner aus der Hauptstadt legen sich Häuschen auf den Cerros zu, die wochenlang leer stehen, plündern das Inventar alter Kneipen und Ladengeschäfte, um ein nostalgisches Ambiente zu schaffen. Piraterie im öffentlichen Raum nennt das Allan. "Ich meine, es ist nichts dagegen zu sagen, wenn Leute aus Santiago kommen und hier leben wollen. Die Frage ist, wie sie hier leben. Für die Leute aus der Hauptstadt, die Geld haben, gilt es als poetischer Akt, ein Haus in Valparaíso zu kaufen. Vielleicht weil sie glauben, dadurch der Poesie von Pablo Neruda näher zu sein, was weiß ich." Auf der Straße heult eine Alarmsirene. "Papa, dein Auto", ruft Allan. Ein älterer Mann löst sich vom Tresen, schlurft in Richtung Straße und klopft unterwegs seinem Sohn auf die Schulter, der murmelt: "Immer dasselbe mit der Karre."

Als Architekt versucht Allan Investoren davon zu überzeugen, dass sie mit einer Bar oder Galerie im Erdgeschoss eines Gebäudes der Stadt etwas zurückgeben können – und sollten. Meistens hat er mit seiner Strategie Erfolg. Die Geschäfte laufen gut auf dem Cerro Alegre, doch Allan kritisiert die mangelnde Unterstützung der Regierung. "Sie treibt die Leute in die Selbstständigkeit, kümmert sich nicht um sie, und wenn sie scheitern, dann haben sie eben persönlich versagt. Dabei hätten sie es vielleicht geschafft, wenn sie nicht auch noch komplett für die Gesundheitsvorsorge und die Erziehung ihrer Kinder hätten aufkommen müssen." Es geschieht selten, dass Allan sich zu politischen Kommentaren hinreißen lässt.

Der Cerro Alegre ist wie ein Fotopapier, das gerade belichtet worden ist und noch im Entwickler liegt. Umrisse sind zu erkennen, Schemen, die ersten Kneipen und Geschäfte. Es wäre furchtbar, würde diese Entwicklung in einem tourismusgefälligen Historizismus münden, durchbrochen von hippen Locations für die global community. Es wird darauf ankommen, das Bild zum richtigen Zeitpunkt aus dem Bad zu ziehen, bevor die Kontraste so hart werden, dass alle Wärme aus der Aufnahme weicht, die Zwischentöne, die diese Stadt ausmachen.

Wer im Café Vinilo ein Glas Leitungswasser bestellt, kann dabei bleiben, so lange er möchte. "Der Wert dieser Kneipe besteht darin, dass die Leute einfach reinkommen und hallo sagen, Kunsthandwerker, Lehrer, Ärzte, Touristen. Dahin zurückzukehren, einen Raum der Begegnung zu schaffen, das war uns wichtig", sagt Allan. Sein Vater lässt die leere Kaffeetasse auf den Tresen sinken, schlurft zur Tür, küsst seinen Sohn zum Abschied. "Ciao, Papa. Ich liebe dich, aber kauf dir ein anderes Auto."

Information

Anreise:
Zum Beispiel mit LanChile ( www.lanchile.com ) täglich ab Frankfurt am Main via Madrid nach Santiago. Ab 1. Oktober gültiger Sondertarif 791 Euro plus Steuern. Vom Busbahnhof in Santiago aus fahren mehrmals täglich Busse nach Valparaíso. Die Fahrt dauert etwa eineinhalb Stunden

Unterkunft:
Eines der schönsten Hotels von Valparaíso ist das Brighton auf dem Cerro Concepción (Paseo Atkinson 151–153, Tel. 0056-32/223513, www.brighton.cl ) mit Terrasse und Blick auf die Plaza Aníbal Pinto. Einzelzimmer von zirka 40, Doppelzimmer von 47 Euro an. Einfache Pensionen gibt es in der ganzen Stadt, zum Beispiel El Rincón de Valparaíso (Calle Atahualpa 333, Tel. 0056-32/9252544), Einzelzimmer von 19 Euro an inklusive Frühstück und Internet-Zugang

Bars und Kneipen:
Platten hören im Café Vinilo, Almirante Montt 448, Cerro Alegre. Mosaike und wechselnde Ausstellungen genießen in der Bar Ritual, Almirante Montt 48, Plán. Bei guter Musik im Design-Ambiente günstig essen im Gremio, Pasaje Gálvez 17, Cerro Concepción. Seit 1931 zum Glück kaum verändert hat sich das Café Riquet, Plaza Aníbal Pinto, Plán. In der Bar El Cinzano, Plaza Aníbal Pinto, Plán, gibt es abends oft guten Live-Tango. Die Antiguo Bar Inglés, Calle Cochrane 851, Plán, zählt zu den absoluten Klassikern Valparaísos

Sehenswert:
Sehr lohnend ist ein Besuch auf dem Sonntags-Flohmarkt auf der Plaza O’Higgins (Bücher, Antiquitäten). Die Aufzüge von Valparaíso sind schon an sich eine Reise wert. 29 Ascensores waren es früher, heute rumpeln noch 15 über die Hügel. Sie stehen unter Denkmalschutz. Am abenteuerlichsten ist eine Fahrt mit dem Ascensor Polanco, der als Einziger durch einen Felsenschacht senkrecht nach oben fährt und mit einer spektakulären Aussichtsplattform für die Platzangst beim Aufstieg entschädigt

Auskunft:
Generalkonsulat von Chile, Kleine Reichenstraße 1, 20457 Hamburg, Tel. 040/335835, www.chileinfo.de