Verdienen am Ressentiment
Fakt und Bild: In Polen und in Deutschland pflegt der Springer-Verlag Vorurteile gegen das jeweilige Nachbarland
Warschau
Vielleicht war es ja wirklich nur ein Versehen. Am Tag nach der einstimmig verabschiedeten Entschädigungsforderung des polnischen Parlaments an die Adresse Deutschlands berichtete die größte polnische Tageszeitung Fakt darüber - nichts. Die Inlandsreporter hätten das Ereignis einfach verschlafen, räumt der Chef des Meinungsressorts ein. Kann ja mal passieren.
Schließlich wurde gerade das hübscheste polnische Mädchen gewählt, eine Fußballmannschaft litt an Durchfall, dazu kam noch der Jahrestag des 11.
September 2001. Fakt ist das polnische Pendant zur deutschen Bild-Zeitung und gehört wie jene zum Springer-Verlag. Mit politischen Ansprüchen sollte man eine solche Redaktion nicht überfordern.
Dennoch, die Springer-Presse Polens steht unter scharfer Beobachtung. Die Anwesenheit ausländischer Konzerne auf dem polnischen Meinungsmarkt wird hierzulande nicht gern gesehen, zumal auch in anderen Wirtschaftszweigen das meiste ausländische Kapital aus Deutschland stammt. Schon warnt das Wochenmagazin Wprost (auf dessen Titelseite die deutsche Funktionärin Erika Steinbach unlängst in SS-Uniform auf dem Bundeskanzler ritt) vor dem deutschen Kolonialismus.
Am Montag, als die Schockwellen der Sejm-Entschließung Deutschland erreicht hatten und die Bild-Zeitung mit der Schlagzeile 40.000.000.000 aufmachte (Müssen wir Milliarden Euro Kriegsentschädigung an Polen zahlen?), war auch Fakt im Bilde. Sejm: Die Deutschen sollen zahlen, titelte das Blatt.
Anhänger dieser Forderung kamen ausführlich zu Wort, Kritiker fast nicht, und Chefredakteur Grzegorz Jankowski ließ keinerlei Zweifel daran aufkommen, dass er die Haltung des Parlaments für absolut berechtigt hielt - gemessen an anderen Blättern ein eher moderater Auftritt.
- Datum 23.09.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 40/2004
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