Zeitgeschichte »Wir waren nur eine Ziffer«
Vor der Eröffnung der Flick-Ausstellung erzählten Zwangsarbeiterinnen, wie sie in den Fabriken des Konzerns fast vernichtet wurden
Natürlich hängt alles miteinander zusammen. Wie könnte es anders sein, hier in Berlin, sei es im renommierten Hamburger Bahnhof, sei es im legendären Otto-Suhr-Institut. Die Ausstellung, die Kanzlerrede, die nicht mehr ganz so neue, dafür aber frisch rot-grün gestrichene Berliner Unbefangenheit, die – wo, wenn nicht hier? – legitime jüdische Befangenheit, der ohnmächtige Versuch einiger weniger Nichtjuden, die Flick Collection und den Auftritt des Kanzlers in ihr zu skandalisieren, die Wahlergebnisse vom vergangenen Sonntag – und die Erinnerungen samt den Fragen derer, die das Nazi-Programm »Arbeit durch Vernichtung«, von dem auch das Flick-Imperium profitiert hatte, überlebt haben. Die darüber seither gelegentlich staunen, die lange geschwiegen haben, von denen viele jetzt erst erzählen.
Hier ist beisammen, was zusammengehört, finden Micha Brumlik vom Frankfurter Fritz-Bauer-Institut und Hajo Funke vom Otto-Suhr-Institut (OSI) und luden vier Frauen ein, aus jener Zeit zu berichten. Von der Zwangsarbeit, von der Erniedrigung, vom individuellen Überleben im kollektiven Sterben, von deutscher Geschichte, die nicht Kunstgeschichte war, aber spätestens seit dieser Woche mit der Kunst verknüpft ist. Am Vorabend des Normalitätsevents mit Flick, Schröder, Wowereit und der großen Koalition der Nachgeborenen, von denen alle die gemeinsame Geschichte geerbt haben – und der eine obendrein ein enormes Vermögen.
Über ihn wollen die vier ehemaligen Zwangsarbeiterinnen aus dem hessischen Allendorf (heute: Stadtallendorf) sich nicht äußern, eine sagt aber: »Ich weiß, er ist nur ein Enkel.« Das Geld, mit dem er die Kunst gekauft habe, kam vom Großvater, das wisse sie. Und fragt dann: »Aber woher hatte der das Geld?« Doch die Flick-Kunst ist nicht das eigentliche Thema der Veranstaltung (sie ist lange vorbereitet und steht im Kontext der Ausstellung des Fritz-Bauer-Instituts zum 40. Jahrestag des Frankfurter Auschwitz-Prozesses). Und was sollen die vier ehemaligen Arbeitssklavinnen auch urteilen über Flick und den Kanzler? Sie sind aus Ungarn und aus New York angereist, sie sollen und wollen von damals sprechen, sie sind Zeuginnen der unvergänglichen Vergangenheit, die Gegenwart ist Aufgabe anderer.
Aber dann doch noch dies: »Die Kunst muss veröffentlicht werden«, sagt Éva Fahidi-Pusztay aus Budapest, die ihre Allendorfer Erinnerungen aufgeschrieben hat (Anima Rerum; Vorwort von Götz Aly; herausgegeben vom Magistrat der Stadt Stadtallendorf). Und fügt, unschuldig und ohne Ironie, eher versöhnlich, am Ende hinzu: »Der Bundeskanzler weiß, was er machen muss und machen wird.« Da regen sich im vollen Hörsaal A des OSI, wo die meisten gar nicht versöhnlich gestimmt sind, andere Emotionen, ein Gemurmel und Gelächter zwischen Heiterkeit und Hohn. Micha Brumlik hatte zuvor schon an Bitburg erinnert, das unschuldige Bierstädtchen, das 1985 zum Symbol geworden war für die »etwas kruderen Methoden« Helmut Kohls, Deutschland und die Erinnerung, auch die an die Waffen-SS, zu »normalisieren«. Dafür gab’s Beifall.
Éva Fahidi (sie schreibt unter ihrem Mädchennamen) wäre übrigens, wie sie dann noch sagt, bei der Ausstellungseröffnung gerne dabei gewesen. Da blieb manchen im Saal kurz die Luft weg. Aber sie hätte wohl keine Chance dazu bekommen. Das größte Berliner Kunstereignis nach dem MoMA-Spektakel war ausgebucht. Wie man hört, war der Wunsch nach Einladungen so massiv, dass auch die Zahl der ob ihrer Nichtberücksichtigung Empörten imposant war – darunter stolze Namen, Stadt- und Bundesprominente, geschichtspolitisch untadelig und unverdächtig, durchaus offen für Normalisierung – jetzt aber gekränkt, weil kein Platz für sie war. Skandal!
Klar, auch die Zwangsarbeit war ein Skandal, ist aber lange her, nicht? Für Éva Fahidi waren es nur wenige Monate ihres langen Lebens, wie sie selbst sagt. Aber lange her ist es nicht. Auch nicht für die Bildhauerin Aniko Friedberg, geborene Weiss, ihre Schulfreundin aus dem nordungarischen Städtchen Debrezin und spätere Leidensgefährtin, mit der sie gemeinsam Auschwitz und Allendorf überlebt hat – »wir haben aufeinander aufgepasst«.
Aniko Friedberg lebt heute in New York. Wenn sie mit leiser Stimme, in knappen Sätzen, von den Monaten in der deutschen Vernichtungsmaschinerie erzählt, ist es totenstill im Raum. Sie beschränkt sich auf wenige Szenen (»the rest is repetitious«, die Geschichten des Grauens gleichen einander zu sehr…). Sie erinnert sich an die Rampe in Auschwitz und an »this German officer«, von dem sie erst später lernte, dass dieser freundliche Mann jener Mengele war, eine der Symbolfiguren des Holocaust. Selektion: Mengele schickte die Mutter mit ihrem, Anikos, kleinen geliebten Bruder, ein Baby noch, nach rechts und sie, das gesunde junge Mädchen nach links. Sie erzählt, wie der Offizier die protestierende Mutter beruhigt: »Sie ist noch jung, sie kann zu Fuß gehen, ihr werdet mit dem Bus fahren.« Der Rest ist bekannt.
Für Aniko Friedberg, wie ihre Freundin Éva Fahidi, wie Lilli Viragh, die ihren Sohn mitgebracht hat, und Elisabeth Szenes, alle vier aus Ungarn, dem Land, das die Nazis als letztes in ihr Vernichtungsprogramm einbezogen hatten, war die Sklavenarbeit die einzige Chance, zu überleben. Im Dynamit-Nobel-Werk, in dessen Aufsichtsrat der alte Flick saß, waren sie mit der Herstellung von Granaten beschäftigt. »Unser Glück war«, erzählt Lilli Viragh (auf Ungarisch), »dass da früher deutsche Arbeiter waren. Deshalb gab es einen Waschraum. Für unser Überleben war es wichtig, dass wir uns jeden Tag waschen konnten.«
In Benjamin B. Ferencz’ Standardwerk über die Zwangsarbeiter, Lohn des Grauens (Campus, 1981), werden die »Überlebensbedingungen« in Allendorf bei Kassel so beschrieben: »Die Gefangenen wurden von ihren Baracken aus in einem einstündigen Fußmarsch zu einer unterirdischen, im Wald verborgenen Munitionsfabrik geschickt. Sie arbeiteten dort in zwei Schichten zu je zwölf Stunden. Ihre Aufgabe war es, Sprengstoff auszuwiegen, den sie dann in Bomben und Granaten füllten.«
Das ist der nüchterne Historiker. Die damalige Realität – Hunger, Kälte, Erniedrigung, Todesangst – beschreiben die Überlebenden in anderer, emotionaler Sprache, ob in Weltbestsellern wie Elie Wiesels Nacht, ob in kleinen Broschüren wie Éva Fahidis Aufzeichnungen: »Wir waren Häftlinge, nur eine Ziffer. Man wollte, dass wir keine Namen und keine Persönlichkeit haben, alle SS-Mitglieder, praktisch alle Deutschen, konnten uns ohrfeigen, mit dem Fuß stoßen, schimpfen, fluchen, verdammen, zur unerträglichen Arbeit zwingen, ein Häftling ist kein menschliches Wesen. Die Erniedrigung kann man und will man nicht vergessen, auch wenn man so alt wird wie die Berge.«
Soeben erschien zu diesem Thema von Peter Kessen: »Von der Kunst des Erbens – die Flick-Collection und die Berliner Republik«; Philo Verlag; 12,90 Euro
- Datum 23.09.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 23.09.2004 Nr.40
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