Zeitgeschichte »Wir waren nur eine Ziffer«Seite 2/2

Aniko Friedberg lebt heute in New York. Wenn sie mit leiser Stimme, in knappen Sätzen, von den Monaten in der deutschen Vernichtungsmaschinerie erzählt, ist es totenstill im Raum. Sie beschränkt sich auf wenige Szenen (»the rest is repetitious«, die Geschichten des Grauens gleichen einander zu sehr…). Sie erinnert sich an die Rampe in Auschwitz und an »this German officer«, von dem sie erst später lernte, dass dieser freundliche Mann jener Mengele war, eine der Symbolfiguren des Holocaust. Selektion: Mengele schickte die Mutter mit ihrem, Anikos, kleinen geliebten Bruder, ein Baby noch, nach rechts und sie, das gesunde junge Mädchen nach links. Sie erzählt, wie der Offizier die protestierende Mutter beruhigt: »Sie ist noch jung, sie kann zu Fuß gehen, ihr werdet mit dem Bus fahren.« Der Rest ist bekannt.

Für Aniko Friedberg, wie ihre Freundin Éva Fahidi, wie Lilli Viragh, die ihren Sohn mitgebracht hat, und Elisabeth Szenes, alle vier aus Ungarn, dem Land, das die Nazis als letztes in ihr Vernichtungsprogramm einbezogen hatten, war die Sklavenarbeit die einzige Chance, zu überleben. Im Dynamit-Nobel-Werk, in dessen Aufsichtsrat der alte Flick saß, waren sie mit der Herstellung von Granaten beschäftigt. »Unser Glück war«, erzählt Lilli Viragh (auf Ungarisch), »dass da früher deutsche Arbeiter waren. Deshalb gab es einen Waschraum. Für unser Überleben war es wichtig, dass wir uns jeden Tag waschen konnten.«

In Benjamin B. Ferencz’ Standardwerk über die Zwangsarbeiter, Lohn des Grauens (Campus, 1981), werden die »Überlebensbedingungen« in Allendorf bei Kassel so beschrieben: »Die Gefangenen wurden von ihren Baracken aus in einem einstündigen Fußmarsch zu einer unterirdischen, im Wald verborgenen Munitionsfabrik geschickt. Sie arbeiteten dort in zwei Schichten zu je zwölf Stunden. Ihre Aufgabe war es, Sprengstoff auszuwiegen, den sie dann in Bomben und Granaten füllten.«

Das ist der nüchterne Historiker. Die damalige Realität – Hunger, Kälte, Erniedrigung, Todesangst – beschreiben die Überlebenden in anderer, emotionaler Sprache, ob in Weltbestsellern wie Elie Wiesels Nacht, ob in kleinen Broschüren wie Éva Fahidis Aufzeichnungen: »Wir waren Häftlinge, nur eine Ziffer. Man wollte, dass wir keine Namen und keine Persönlichkeit haben, alle SS-Mitglieder, praktisch alle Deutschen, konnten uns ohrfeigen, mit dem Fuß stoßen, schimpfen, fluchen, verdammen, zur unerträglichen Arbeit zwingen, ein Häftling ist kein menschliches Wesen. Die Erniedrigung kann man und will man nicht vergessen, auch wenn man so alt wird wie die Berge.«

Soeben erschien zu diesem Thema von Peter Kessen: »Von der Kunst des Erbens – die Flick-Collection und die Berliner Republik«; Philo Verlag; 12,90 Euro

 
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