[ Vom 1. bis 30. September ist der Berliner Schriftsteller Norman Ohler Stadtschreiber von Ramallah. Im Rahmen des deutsch-arabischen Literaturforums MIDAD wird er versuchen, ein Bild vom "normalen palästinensischen Leben" zu vermitteln. Sein Tagebuch ist bei ZEIT.de dokumentiert. Sein Artikel "Eine Schlange mit zwei Köpfen" beschreibt Begegnungen mit palästinensischen Bewohnern an der israelischen Sperranlage. ]

Ich wollte ein wenig am Ortsrand an der Mauer entlang spazieren, um meine Ruhe zu haben und um den Abend zu genießen, da begannen irgendwelche Jungen plötzlich, Steine in meine Richtung zu werfen. Ich hatte sie vorher bereits bemerkt, sie hatten Kiesel auf den Wachturm geschleudert, der am Kalandia-Übergang zwischen Ramallah und Jerusalem - auch "Checkpoint Charly" genannt - in den Himmel ragt. Es war den Kids nicht sonderlich ernst mit dieser Aktion gegen mich, das Abnorme der Mauer erregte sie wohl - und sie konnten nicht verstehen, wieso ein Mensch durch das Mauerbrachland streift. Sie riefen mir schließlich auf Arabisch zu, ich sei ein jüdischer Siedler und warfen wieder ein paar Brocken, die wenige Meter entfernt von mir niedergingen.

Ich sah dann eine Frau, die in den traurigen Überresten ihres Gartens die Pflanzen goss, und sie winkte mich heran und gab mir Schutz. Ihr Name ist Fatema Assad und sie erzählte mir, dass es früher hier recht idyllisch war.

"Wir besitzen sechs Dunum Land. Ein halbes Dunum davon liegt seit dem Mauerbau auf der anderen Seite und ist nun verloren für uns. Um das Monstrum zu errichten, haben die Israelis unseren Hain verwüstet: Sie fällten 300 Bäume und machten alles mit Bulldozern platt. Ich hatte Olivenbäume, Feigenbäume, Äpfel - sie haben alle zerstört. Ich stand vor ihnen und habe ihnen gesagt, sie sollen aufhören, es sei illegal, ich habe mich mit ihnen gestritten, ich habe geschrieen, aber sie meinten nur, sie hätten Befehle, und es geschähe aus Sicherheitsgründen. Ich war froh, dass meine drei Söhne nicht angefangen haben, sich mit ihnen zu streiten. Ich hatte Angst."

Wir gingen dann ins Haus hinein.

"Es ist ja keine Grenze. Auf der anderen Seite liegt ebenfalls palästinensisches Gebiet. Von hier bis zum nächsten Haus, in dem Israelis wohnen, sind es viele Kilometer. Dazwischen liegen mehrere arabische Dörfer. Diese Mauer trennt nicht Israel und Palästina. Sie verläuft irgendwo ganz anders. Ich verstehe es nicht. Sie verläuft durch unser Herz. Sie ist wie etwas Schweres auf meiner Brust, die ganze Zeit. Sie wollen uns hier einsperren. Diese Mauer verwandelt jeden Palästinenser in einen potentiellen Selbstmordattentäter. Es macht mich sehr traurig. Und überlegen Sie einmal: Wenn Sie jemanden ein Leben lang bestrafen, irgendwann hält er es nicht mehr aus und schlägt zurück. Vor zwei Tagen zum Beispiel, das 18-jährige Mädchen aus Nablus, das sich in die Luft gesprengt hat - sie war ein ganz normales Mädchen, keine Fanatikerin."

Während unseres Gesprächs im gutbürgerlichen Wohnzimmer der Familie Assad klingelt zwei Mal das Telefon. Es sind israelische Freundinnen von Fatema. Beide bitten sie um Vergebung für die Besatzung, da heute Yom Kippur ist, und man an diesem Tag im Reinen sein will mit all jenen, denen man Unrecht getan hat.