Man hat es schon schwer als Kämpfer für die Bürgerrechte. "Es ist extrem wichtig, dass die Leute wählen gehen", sagt Matt Zimmerman, Anwalt bei der Electronic Frontier Foundation (EFF). Doch die Aktivistengruppe aus San Francisco hat trotzdem schlechte Nachrichten für die amerikanischen Wähler: Vielleicht werden ihre Stimmen gar nicht gezählt oder nach der Stimmabgabe noch mal geändert. Denn die Präsidentschaftswahl 2004, glauben Gruppen wie EFF, sei für Wahlbetrüger offen wie nie zuvor. EFF jedenfalls vertreibt seit der Wochenmitte ein neues Handbuch für jeden Wähler: "Schritt-für-Schritt-Anleitungen", wie jeder Bürger die Wahlmaschinen in den Wahllokalen auf ihre Funktionstüchtigkeit überprüfen kann.

Defekte Wahlautomaten — damit haben die Amerikaner eigentlich schon so ihre Erfahrungen gesammelt. Bei der Präsidentschaftswahl 2000 waren es defekte Lesegeräte und die (wegen ihres schmetterlingsförmigen Designs so benannten) "Schmetterlings-Wahlscheine" Floridas, die zu endlosen Neuauszählungen führten — und George W. Bush womöglich einen unverdienten Wahlsieg verschafften. Deshalb haben viele Wahlbezirke inzwischen, angetrieben von einem 2002 erlassenen Gesetz namens Help America Vote Act (HAVA), neue und teure Automaten angeschafft. Etwa 50 Millionen Amerikaner werden im November papierlos ihren Präsidenten wählen: Sie tappen an einem Bildschirm mit dem Finger auf ihren Wunschkandidaten, und ihre Stimme wandert in eine virtuelle Wahlurne. Weitere 55 Millionen tragen ihre Entscheidung traditionell auf Papier ein, füttern aber anschließend eine elektronische Lesemaschine mit dem papierenen Wahlschein.

Der Haken: Gruppen wie EFF und eigens gegründete Bürgerinitiativen wie Verified Voting oder Black Box Voting finden derzeit alle paar Wochen wieder neue Lücken in der Sicherheit der Wahlmaschinen. Erst in dieser Woche trat eine Aktivistin namens Bev Harris vor dem National Press Club auf und ließ ein paar Hacker einfache Eingriffe in verbreitete Wahlmaschinen vorführen. Im Nu waren Stimmen verschwunden oder Kandidaten ausgetauscht. "Unmöglich", entgegnete ein Sprecher der Firma Diebold, die eine Reihe besonders umstrittener Automaten herstellt. Die Hersteller pochen freilich weniger auf die Computersicherheit ihrer Maschinen, als vielmehr auf die Situation in den Wahllokalen: Schließlich könne ein Hacker nicht einfach hereinkommen, sein Laptop anschließen und das Hacken beginnen.

Doch Sicherheitsexperten finden das nicht völlig überzeugend. "Am einfachsten sind bei diesen Maschinen so genannte Insider-Attacken", erläutert Will Doherty, ein Computerexperte und Aktivist bei der kalifornischen Bürgerrechtsgruppe Verified Voting. Ein Programmierer bei einer Herstellerfirma für Wahlmaschinen hätte leichtes Spiel, eine elektronische Hintertür einzubauen: ein tief im Betriebssystem verstecktes Manipulationsprogramm, das erst am Wahltag aktiv wird und in den Qualitätskontrollen zuvor nicht auffällt. Solche Hintertüren bestehen nur aus wenigen Programmzeilen und sind fast nicht aufzuspüren, auch wenn man gezielt danach sucht.

Doch das ist nicht die einzige Technik zum Wahlbetrug, die man derzeit in Hackerkreisen diskutiert. Etliche Herstellerfirmen hatten in den vergangenen Jahren noch bis kurz vor der Wahl technische Probleme mit ihren Geräten. Drum behalten sie sich vor, manchmal noch während der Auszählung so genannte patches einzuspeisen, kleine Korrekturprogramme. Das geschieht je nach Modell durch Disketten oder Speicherkarten, durch das Anschließen eines Laptop-Computers oder sogar drahtlos über ein Mobiltelefon. Ein Wahlfälscher, getarnt als Techniker, könnte bei einigen Modellen problemlos geänderte Wahldaten einspeisen oder gar mit wenigen Handgriffen ganze Datenmodule austauschen.

Bleibt die Frage: Warum? Könnte ein geltungssüchtiger Hacker am Wahltag besonders publikumswirksam auf die Schwachstellen des Wahlsystems aufmerksam machen wollen? Würde ein einsamer Unix-Guru im Dienste eines Wahlmaschinenherstellers dem Außenseiterkandidaten Ralph Nader unter die Arme greifen? Gibt es gar dunkle Pläne der republikanischen oder liberalen Partei? Man merkt es schon: das Thema ist längst ein gefundenes Fressen für Verschwörungstheoretiker geworden. Angefeuert werden sie durch Enthüllungen, dass Politiker und Lobbyisten Beteiligungen an einigen Wahlmaschinen-Herstellern halten. Der Chef des Wahlmaschinen-Herstellers Diebold Walden O’Dell erntete im vergangenen Jahr einen Entrüstungssturm, als er ungeschickt gelobte, "dem Präsidenten seine Stimmen zu liefern". "Bisher sind das alles Gerüchte", gibt Will Doherty zu, der Aktivist von Verified Voting. "Doch es wäre ja auch niemand so dumm, im Vorfeld allen davon zu erzählen".

Immerhin hat es in den vergangenen Jahren ein paar eigenartige Zwischenfälle mit Wahlmaschinen gegeben. 2002 verzeichneten die Wahlmaschinen der Firma ES&S bei einer Ausschusswahl im texanischen Scurry County gewaltige Gewinne für zwei republikanische Kandidaten — nach der Neuzählung jedoch ging der Gewinn an ihre demokratischen Widersacher. Bei den Gouverneurswahlen in Alabama verschwanden nach Informationen der Aktivistin Bev Harris 6300 Stimmen für den demokratischen Kandidaten, und "das entschied die Wahl", so dass der Republikaner Bob Riley Gouverneur wurde. Bei der Wahl zum Bezirkschef im kalifornischen Riverside County legte plötzlich der republikanische Kandidat Bob Buster zu, nachdem zwei Mitarbeiter der Wahlmaschinenfirma mitten in der Nacht die Zählmaschinen "repariert" hatten. Verschiedene Bürgerrechtsgruppen haben mindestens 56 solcher Fälle dokumentiert, und Bev Harris will von den Entschuldigungen wie "defekte Chips" oder "fehlerhafte Speicherkarten" nichts wissen: Solche Dinge hätten "ganz andere Symptome. Sie funktionieren gar nicht, oder sie geben unsinnige Daten aus".