Memory der Sucht
Schon kleine Schlüsselreize reichen aus, um einen Abstinenten rückfällig werden zu lassen. Jetzt untersuchen Hirnforscher, warum sich Alkohol so tief in das Gedächtnis Abhängiger gräbt
Erika N. steht auf der Dachterrasse der Salusklinik in Friedrichsdorf bei Frankfurt am Main. Doch statt an diesem sonnendurchfluteten Morgen die Aussicht über das Dorf, das weite Tal bis hin zu den Ausläufern des Taunus zu genießen, klammert sie sich verzweifelt an ihre Therapeutin. Sie zittert am ganzen Körper, Schweiß steht auf ihrer Stirn. Sie ist den Tränen nahe. Erika N. hat Höhenangst, und die soll sie nun überwinden lernen.
Der Horrortrip in schwindelerregender Höhe ist Teil ihrer Therapie. Ursprünglich ist sie nicht wegen ihrer Höhenangst in die Salusklinik gekommen, sondern wegen ihres Alkoholproblems. Das ist nun schon die vierte Klinik, die sie von ihrer Sucht befreien soll – allerdings hatten früher weder Ärzte noch Therapeuten ihren Ängsten je Beachtung geschenkt. In Friedrichsdorf aber berücksichtigt man, dass Alkoholismus in vielen Fällen mit psychischen Störungen einhergeht. Deshalb gehört hier die besondere Behandlung von Angststörungen, Depressionen oder anderen Süchten wie Nikotinabhängigkeit mit zum Programm. Die Überlegung dahinter: Wer gesund ist, bleibt länger trocken. Da der schnelle Entzug allein selten viel bringt, wird die Verhinderung des Rückfalls in der Salusklinik regelrecht trainiert.
Im erneuten Griff zur Flasche nach der Entlassung liege noch immer die Schwachstelle jeglicher Klinikbehandlung, sagt Karl Mann, Inhaber des ersten deutschen Lehrstuhls für Suchtforschung an der Universität Heidelberg und Direktor der Klinik für Suchtmedizin am Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit. Zwar sei die Arbeit solcher Einrichtungen hervorragend, »aber die Patienten sind dort geschützt wie unter einer Glasglocke«. Zurück im eigenen Umfeld, werde das geübte neue Verhalten schnell vergessen. Nur etwa die Hälfte der Alkoholiker wird nicht rückfällig.
Das sei zwar vor dem Hintergrund anderer schwerer Krankheiten »relativ erfolgreich«, sagt Mann. »Heilen Sie mal 50 Prozent Diabetes oder Krebs!« Trotzdem konzentriert sich seit ein paar Jahren das Bemühen der Wissenschaft stark auf dieses Phänomen. Der 12. Weltkongress für Biomedizinische Alkoholforschung, der an diesem Mittwoch in Heidelberg begann, setzt hier einen deutlichen Schwerpunkt – was noch immer fast einem Tabubruch gleichkommt. Denn Rückfälle gelten nicht nur im Bewusstsein der Kranken und ihrer Angehörigen, sondern auch bei vielen Therapeuten und Ärzten als ein Zeichen des Versagens: der eigenen Willenskraft, der sozialen Unterstützung, der Therapie. Erst in letzter Zeit wird der Rückfall sowohl von den Wissenschaftlern als auch von den Therapeuten als direkter Bestandteil der Alkoholkrankheit akzeptiert.
Die 58-jährige Frührentnerin Erika N. hatte ohnehin das Gefühl, dass die Fachleute mit ihr und ihrer Sucht wenig anfangen konnten. Sie ist viel zu »normal«, wirkt gepflegt, kultiviert, trinkt nach eigener Aussage weder, um zu vergessen, noch, um zu betäuben, sondern einfach, weil ihr der Wein so gut schmeckt. Kein Fall für die Tiefenanalyse oder die Anonymen Alkoholiker.
Die Kur, der sie sich jetzt unterzieht, unterscheidet sich deutlich von ihren früheren Therapien. Die Klientel der Salusklinik wird nicht etwa, weitab in der Pampa, von allen weltlichen Versuchungen fern gehalten. Im Gegenteil. Die Heilanstalt liegt mitten im Ort. Cafés, Kneipen und Geschäfte sind ein paar Schritte entfernt und für die Patienten keineswegs tabu; sie können in der Freizeit unkontrolliert besucht werden.
Im Gebäude selbst hat es den Anschein, man sei auf eine Wellness-Farm geraten: Die Klinik bietet ein umfangreiches Fitness- und Freizeitangebot mit Schwimmkursen im hauseigenen Pool. Außerdem gibt es große Sonnenterrassen, Musikzimmer und einen Kinosaal. »Täuschen Sie sich nicht«, sagt Dietmar Kramer, der leitende Suchtarzt der Klinik, »die Arbeit an sich selbst ist für die Patienten alles andere als ein Vergnügen, sie ist das Härteste überhaupt.«
- Datum 30.09.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 30.09.2004 Nr.41
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