Memory der SuchtSeite 3/3
Dank bildgebender Verfahren kann man das sogar zeigen: Wann immer man einem Süchtigen unter einer Reihe von beliebigen Abbildungen das Bild eines Bierglases oder einer Schnapsflasche zeigt, leuchtet es in einem Affekte verarbeitenden Zentrum des Vorderhirns auf – oft ohne dass dem Betreffenden bewusst ist, dass er überhaupt reagiert. Und nicht nur das. Je stärker diese Gehirnareale auf diese Reize ansprechen, desto größer ist die Gefahr für den Betreffenden, rückfällig zu werden.
Es ist kein Zufall, dass die meisten Wissenschaftlerteams unter den rund 600 Kongressteilnehmern in Heidelberg aus den USA kommen. Die Suchtforschung wird dort mit jährlich 1,5 Milliarden Dollar gefördert – das ist ungefähr die Summe, die die Deutsche Forschungsgemeinschaft für alle wissenschaftlichen Programme ausgibt.
So ist es denn auch ein Forscherteam aus den USA, das mit einer verblüffenden Entdeckung aufwartet. Erst seit einigen Jahren ist bekannt, dass im Gehirn Nervenzellen nicht nur absterben (vor allem bei massivem Alkoholmissbrauch), sondern sich auch regenerieren können. Die Wissenschaftler entdeckten nun, dass Alkohol nicht nur zum Zellentod führt, sondern auch den Prozess der Regeneration von Zellen im Gehirn verhindert. Allerdings sei dieser Vorgang umkehrbar – mit Beendigung der Alkoholzufuhr kehre die Fähigkeit des Gehirns, neue Nervenzellen zu bilden, auch wieder zurück.
Bestätigt die Hirnforschung hier in Ansätzen, womit die Verhaltenstherapeuten in Einrichtungen wie der Salusklinik schon längst arbeiten? Vereinfacht ausgedrückt: Wenn Alkoholikergehirne den Konsummissbrauch regelrecht erlernt haben, könnte der Prozess auch umkehrbar sein. Man trainiert den Missbrauch wieder ab, auch ohne Medikamente.
Die Behandlung von Alkoholikern in Deutschland soll laut Karl Mann zukünftig aus einer Kombination verschiedener Elemente bestehen: Der Klinikbehandlung – sehr viel kürzer als bisher – folgt eine intensive ambulante Betreuung, auch mit Hilfe von Medikamenten. Das entlastet nicht nur das Gesundheitsbudget, sondern kommt vielen Patienten, vor allem den nicht ganz schweren Fällen, entgegen. Sie können in ihrer eigenen Umgebung lernen, mit der Sucht umzugehen, ohne durch wiederkehrende Klinikaufenthalte von Familie oder Arbeitsplatz getrennt zu werden. Im Mannheimer Zentralinstitut arbeitet man mit Eifer an entsprechenden Konzepten, bei denen vor allem die Hausärzte stark einbezogen werden sollen.
Erika N. hat derweil, vier Wochen nach ihrer Entlassung aus der Salusklinik, einen Rückfall erlitten und – was wirklich für sie zählt – aus eigener Kraft bewältigt. Sie hat es geschafft, ohne wieder in die Mühle der Alkoholbehandlung zu geraten: Einlieferung ins Krankenhaus zur Entgiftung, monatelanger Aufenthalt in der Suchtklinik. Unterstützung bekam sie von ihrer kleinen Privathilfegruppe – alles »Ehemalige« aus der Salusklinik, zu denen sie Kontakt hält – und von der in der Therapie gewonnenen Überzeugung, es allein schaffen zu können. Wie lange will sie die Abstinenz durchhalten? »Vorläufig erst mal für immer.«
- Datum 30.09.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 30.09.2004 Nr.41
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