Die einen sind die bewunderten Chefs, die akademischen Lehrmeister. Die anderen sind die lernwilligen Nachwuchsforscher, die sich noch Jahrzehnte später als »Schüler von Professor Meier« bezeichnen – Doktorväter und Doktoranden sind ein ungleiches Paar. Jetzt stellen Deutschlands Doktoranden und Doktorandinnen ihren Professoren ein schlechtes Zeugnis aus: Jeder fünfte Nachwuchswissenschaftler meint, dass sein Professor sich mit dem Thema der Promotion zu wenig auskennt. Fast jeder dritte klagt darüber, dass der Doktorvater ihn nicht motivieren kann. Jeder vierte schimpft darüber, dass sein Betreuer schlecht vorbereitet zu gemeinsamen Treffen kommt. Bei jedem siebten Doktoranden fallen diese Treffen sogar komplett aus: Sie werden überhaupt nicht von ihren Professoren betreut.

Das sind vier Ergebnisse einer groß angelegten Umfrage unter 10000 Doktoranden, die das Promovierenden-Netzwerk thesis von Mitte Mai bis Mitte August durchgeführt hat. Die ersten Ergebnisse liegen der ZEIT schon jetzt vor. Am 5. November werden sie auf einer Tagung der Bertelsmann-Stiftung vorgestellt, am 3. Dezember wird eine ausführliche und von Experten kommentierte Fassung im Universitätsmagazin duz erscheinen. Die 40 Fragen umfassende thesis-Erhebung gibt erstmals darüber Aufschluss, was Promovierende bewegt. Statistisch ist diese Gruppe schwer zu fassen, thesis geht von insgesamt bis zu 150000 Doktoranden aus.

»Dass sich 20 Prozent der Doktoranden schlecht betreut fühlen, ist schon eine ziemlich große Zahl«, sagt der thesis-Vorsitzende und Mathematik-Doktorand Christopher Mues. »Ein Professor mit vielen Doktoranden hat eben ein großes Prestige.« Darunter leide dann der persönliche Kontakt zum Doktorvater.

Dieser persönliche Kontakt besteht häufig vor allem nur noch darin, dem Professor zuzuarbeiten, Veranstaltungen zu übernehmen, selbst zu lehren. 73 Prozent der Doktoranden arbeiten an einem Lehrstuhl, an Forschungseinrichtungen oder in Projekten – oft bis zur Selbstaufgabe. »Zehn bis zwölf Stunden auch an Wochenenden und Feiertagen sind fast schon zur Regel geworden«, zitiert thesis einen Doktoranden, dies werde »inzwischen nicht nur stillschweigend erwartet, sondern offen von den jeweiligen Chefs verlangt«.

Mehr als jeder fünfte Doktorand hat seine Promotion daher schon für einen längeren Zeitraum unterbrochen – in der Hauptsache machen die Jungforscher die Arbeitsüberlastung an einem Lehrstuhl dafür verantwortlich. »Oft heißt es: Übernehmen Sie!«, berichtet Christopher Mues. »Und dann übernehmen Doktoranden die Aufgaben der Assistenten.«

Flucht in die Promotion aus Furcht vor Arbeitslosigkeit ist ein Mythos

Umso erstaunlicher ist deshalb ein weiteres Ergebnis der Umfrage: In der Mehrzahl sind die Doktoranden glücklich. Fast jeder vierte behauptet von sich, mit der Betreuung »völlig zufrieden« zu sein, zwei von fünf geben an, dass sie »eher zufrieden« sind. Christopher Mues erklärt sich das mit der geringen Erwartungshaltung an eine Promotion: »Wenn ich keine großen Ansprüche stelle, erwarte ich auch besonders wenig – und dann ist die Enttäuschung später nicht so groß.«