Während in Deutschland Demonstranten durch die Straßen ziehen, um gegen Ein-Euro-Jobs und andere Zumutungen der Hartz-Reform zu protestieren und Gewerkschafter wie der Thüringer DGB-Chef Frank Spieth über die Wiedereinführung des "Reichsarbeitsdienstes" wettern, sitzt in einem kleinen Büro knapp 100 Kilometer nördlich der deutschen Grenze Karin Rasmussen und freut sich. Über einen Null-Euro-Job.

Sieben Monate war die 28-Jährige arbeitslos, die ständigen Absagen nagten schon an ihrem Selbstvertrauen, dann begann, was in Dänemark "Aktivierung" genannt wird. In Karin Rasmussens Fall bedeutete es: Das Arbeitsamt besorgte ihr eine vom Amt subventionierte Stelle. Einen Null-Euro-Job. So nennt das niemand in Dänemark, aber es ist genau das. Karin bekam dafür kein Öre mehr als ihr Arbeitslosengeld. Seitdem formuliert die junge Dänin keine Bewerbungen mehr, sondern Projektbeschreibungen und Newsletter. Sie arbeitet in einem Unternehmen, das Forscher und Anwender von Gewächshaustechniken zusammenbringt. Sechs Monate finanzierte das Arbeitsamt die Stelle, seit Juni ist es ein regulärer Job. Die Aktivierung hat funktioniert.

In Dänemark ist das kein Einzelfall. Das kleine Königreich hat sich im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit zu einem weltweit beachteten Musterland entwickelt. Innerhalb weniger Jahre halbierten die Dänen ihre Arbeitslosenzahl (siehe Grafiken). Bemerkenswert ist das besonders, weil in keinem anderen Land der Europäischen Union so viele Männer und Frauen auf den Arbeitsmarkt drängen. Etwa 80 Prozent aller 15- bis 64-jährigen Dänen arbeiten oder suchen Arbeit, in Deutschland sind es nur 70 Prozent dieser Altersgruppe.

Fördern und Fordern hieß die Devise schon vor zehn Jahren

Vor zehn Jahren stand Dänemark ähnlich schlecht da wie Deutschland heute: Die Arbeitslosenquote verharrte bei knapp zehn Prozent, den Staat drückten Schulden, und viele Dänen spotteten schon über das Ende ihres Sozialstaats – mit ihm ginge es "per erster Klasse in den Abgrund". In dieser Situation tat die Regierung, was das Kabinett Schröder später nachahmte: Sie setzte eine Kommission ein. Die hieß nicht Hartz, sondern nach ihrem Vorsitzenden Zeuthen-Kommission. Auch sie empfahl grundlegende Reformen für den Arbeitsmarkt, und schon damals hieß die Leitidee: "Fördern und Fordern".

Das dänische Hartz-Konzept ging auf. Heute haben die Dänen nicht nur mehr Arbeitsplätze, sondern erwirtschaften auch Jahr für Jahr Haushaltsüberschüsse, bauen fleißig Staatsschulden ab – und empfangen auf einmal ungewohnten Besuch aus "Tyskland": Polittouristen wie den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch oder Frank-Jürgen Weise. Der Chef der Bundesagentur für Arbeit pilgerte erst vor wenigen Tagen von Nürnberg nach Kopenhagen, um sich erklären zu lassen: Wie habt ihr das geschafft? Was müssen wir tun, um dieses Jobwunder zu wiederholen?

Viele kleine dänische Wunder wie das von Karin Rasmussen beginnen auf dem Arbeitsamt. In ihrem Fall in Odense, der Regionalhauptstadt auf Fünen. Dort liegt die Arbeitslosenquote für dänische Verhältnisse recht hoch, bei sieben Prozent. In der jobbutik des örtlichen Arbeitsamtes hängen dennoch die unterschiedlichsten Stellenangebote aus: Da wird ein psykolog gesucht, ein elektriker, ein pædagog, ein Sales Manager ebenso wie eine smørrebrødsjomfru – eine Köchin für das dänische Nationalessen. Doch die meisten Besucher schauen nicht lange auf die Aushänge unter Klarsichtfolie, sondern setzen sich an einen der zwölf Computerbildschirme. Hier lassen sich die Stellenangebote für ganz Dänemark abrufen – und umgekehrt die Lebensläufe aller Arbeitsuchenden. Denn wer gekündigt wird, muss sich noch am gleichen Tag bei der Arbeitsvermittlung melden und innerhalb von vier Wochen seine Daten einspeisen.

An diesem Tag warten 233429 Lebensläufe darauf, gelesen zu werden. Ihnen stehen 13127 Stellenangebote gegenüber. Das klingt ähnlich niederschmetternd wie in Deutschland, doch auch in Dänemark gilt: Viele Jobs werden nicht gemeldet. Vor allem aber hat hier jeder Arbeitslose nach einer gewissen Frist Anspruch auf Aktivierung. Fördern ist in Dänemark kein vages Versprechen, sondern öffentliche Pflicht.