Erzählkunst Auf dem Sternenross

Warum gelingt es Patrick Roth, uns so himmlisch zu verzaubern? Eine Antwort, ja ein begeisterter Hinweis auf seinen neuen Erzählungsband »Starlight Terrace«

Patrick Roth schreibt wundervolle Erzählungen, seit vielen Jahren schon. Sie entfalten einen enormen Sog beim Lesen, weil sie Schicht auf Schicht türmen, biografische Geschichten, Filmgeschichten, literarische Geschichten, und weil sie alle aufs feinste miteinander verwoben sind. Man kann auch sagen: Sein Text zerreißt ein dichtes Gewebe von Geschichten, und durch die zerfransenden Ränder greifen wir, die Leser, ins Unendliche. Am Ende stockt einem regelrecht der Atem, und man muss sich kurz orientieren, um wieder in die eigene Haut zurückzufinden. Das ist außergewöhnlich und so gut wie von jedem, der sie liest, gewürdigt worden. Warum nur muss man bei jedem neuen Buch von Patrick Roth nachdrücklich um Aufmerksamkeit werben?

Versuchen wir es mit einer Antwort, und betrachten wir die jüngsten Bücher Patrick Roths näher, den Band mit Dramen, Hörspielen und Prosa Riding with Mary und besonders den neuen Erzählungsband Starlite Terrace. Eröffnet wird das Marienbuch mit einer ausdrücklich autobiografischen Geschichte, einem Schlüsseltext: Johann Peter Hebels Hollywood oder Freeway ins Tal von Balzac, die Patrick Roth schon häufig vorgelesen hat, hier aber zum ersten Mal in einem Buch vorlegt. Er erzählt darin, wie er nach Hollywood kam, vor über zwanzig Jahren, und wie er sich die fremde amerikanische Umgebung mittels vertrauter deutscher Literatur aneignete. Er wählte eine uramerikanische Sitte, das langsame »Cruisen«, das ziellose Durch-die-Gegend-Fahren. Dabei hörte er Hebel auf Kassette, seinen Landsmann, der knapp zweihundert Jahre früher Rektor an Roths Schule in Karlsruhe war. Er hört die Geschichte Unverhofftes Wiedersehen, und es ergibt sich das schönste Hin und Her zwischen den Motiven der Bergwerks- und Liebesgeschichte mit den Geschichten von Regisseuren und Schauspielern, wie sie die hügelige Landschaft der Berge am Rand von Los Angeles erzählt. Bei diesen Verwicklungen von Geschichten ist Roth ganz bei sich. Hier entdeckt er sein Erzählreich und gleitet über Randmotive, Namen oder auch existenzielle Momente elegant von einer Sphäre zur anderen.

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Auf dem Schreibtisch von Balzac erspürt der Autor die Spur einer Feder

Nun geschieht für den Roth-Leser allerdings etwas Besonderes: Es ist vom Autor selbst und von einer Liebesbeziehung die Rede, davon, wie sie zerbrach, wie die Frau ihn aussperrte, seine Bücher und alles beiseite schaffte, wie er nach Europa reiste, um neuen Mut zu finden. Nun ist die Erwartung groß, dass alles Folgende sich um die biografische Katastrophe herum entwickelt. Es geschieht aber etwas anderes. Der Erzähler versenkt sich buchstäblich in einen ästhetischen Zustand, der ihn an einen anderen Ort verweist. So entdeckt er im Pariser Balzac-Museum, mit dem Kopf auf dem Schreibtisch des beleibten Vielschreibers liegend, die leichte Vertiefung, die der unablässige Druck der Schreibfeder in Jahren hier erzeugt hat. Und dieses Schreibtisch-Tal, in dem einst die Schrift die Welt versammelte, öffnet sich ihm nun zum San Fernando Valley in Kalifornien, wohin er, buchstäblich auferstanden – »Da stand ich auf«, lautet der letzte Satz der Geschichte –, erlöst, zumindest befreit zurückkehrt.

Aber was, mag der weniger magisch inspirierte Leser fragen, ist denn nun mit Liebe, Krise und Beziehung? Muss man die Versenkung ins Andere nicht als ablenkende Deckfigur für ein Beziehungstrauma lesen statt als Aufbruch? Hebel und Balzac unterstützen eine Initiationsgeschichte, die auf den entscheidenden Punkt zuläuft, an dem das Imaginäre und weitgehend Unstoffliche der literarischen Arbeit in der Welt sinnlich spürbar wird: Das Wort war eine Vertiefung im Holz geworden. Das ist schön in einem essenziellen Sinne, aber eine Strapaze für Realitätsbeschwörer. Solche Leser werden nicht versteckt auf Transzendentes hingewiesen, sondern nach und nach genötigt, in Roths Sphäre einzutauchen.

So geschieht es zum Beispiel in den vier Geschichten von Starlite Terrace. Sie werden zusammengehalten von Ort, Zeit, Personal und einer Vielzahl von Motiven, von scheinbar beiläufigen Motiven wie wiederkehrenden Schauspielernamen bis hin zu apokalyptischen Visionen. Hier ist der Erzähler – ein Deutscher, den es nach Hollywood und in die Filmmythologie verschlagen hat – vor allem Zuhörer und Zeuge. So dicht sind die Geschichten, die ihm von vier Mitbewohnern des Appartementhauses Starlite Terrace erzählt werden, dass seine Funktion gelegentlich der des Psychoanalytikers auf der Couch gleicht, in dessen schwebender Aufmerksamkeit sich die Einzelheiten zu quasimythologischen Geschichten ballen. Gelegentlich erinnert auch er sich an früher, an die Eltern vor seiner Geburt, an den Vater, der ihm Filmsongs vorsang, aber in aller Regel trägt er sich vollständig in die gehörte Geschichte ein: Er erkennt, was ihm erzählt wird, als das Eigene.

Mit zehn, zwanzig Seiten werden ganze Romane erzählt

Die Dramaturgie der Geschichten ist immer gleich. Eine alltägliche Situation in Noah’s Deli, vor dem Starbucks, am Pool des Appartementhauses. Ein besonderes Ereignis ist eingetreten: Eine lange vermisste Verwandte kommt zum Geburtstagsbesuch. Ein Jesusjünger verliebt sich in eine Minderjährige. In der ersten, der reichsten Geschichte wird das Anlass gebende Ereignis erst im Nachhinein sichtbar: der bevorstehende Krebstod des alten Freundes Rex. Dann kommt ein Erzählen in Gang, in dessen Verlauf ein ganzes Leben in seinen dramatischen Umschwüngen und Katastrophen ausgebreitet wird. Hier hat es Patrick Roth zur Meisterschaft gebracht. Es sind ganze Romane, die auf zehn, zwanzig Seiten erzählt werden, in ihrer Überfülle trotzdem mitreißend, erzählchoreografische Kunststücke, die ihresgleichen suchen. Allein schon die ganz konkrete Verklammerung mit Hollywoodgeschichten (Walt Disney begrüßt eine Sekretärin), mit Filmszenen (Key Largo mit Humphrey Bogart), dem Leben von Stars (Marilyn Monroe als Starlet) oder den Storys aus der Produktionssphäre (ein Dreh in der atomverseuchten Wüste mit John Wayne) sind einzigartig. Die souveräne Kenntnis verdankt sich einem Ernstnehmen der Filmunterhaltung, das nur mit der leidenschaftlichen Lektüre religiöser Texte zu vergleichen ist.

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