Medizin

Rund und gesund

Übergewichtige fühlen sich von Gesundheitsaposteln verfolgt. Dabei ist der Zusammenhang zwischen Fettpolstern und frühzeitigem Tod nicht eindeutig belegt. Ein kritischer Blick auf eine Debatte, die zunehmend hysterische Züge trägt

Im US-Bundesstaat Arkansas verschicken die Schulen dieses Jahr erstmalig »Fettbriefe«. Darin bekommen die Eltern den aktuellen Body Mass Index (BMI) ihres Kindes eröffnet. Der BMI verrät, ob der Schüler mit seinem Gewicht noch in der Norm liegt oder darüber, wie rekordverdächtige 38 Prozent der Mitschüler in Arkansas. Im Internet, unter www.achi.net , ist der detaillierte Gewichtsreport jeder einzelnen Schule abrufbar.

Mit der Kopfnote für den BMI erreicht der Krieg der Taillen in den USA eine neue Dimension. Aber auch in Deutschland stehen Beleibte inzwischen über die üblichen Hänseleien hinaus unter Druck. Sat.1 hat gerade die TV-Soap Mein großer dicker peinlicher Verlobter gestartet, übergewichtige Kinder werden in Moby-Dick-Kurse geschickt, und Renate Künast plädiert in ihrem in dieser Woche erschienenen Buch Die Dickmacher für ein normalgewichtiges Deutschland - als Standortvorteil. Vordergründig warnt die Ministerin vor einem »Tugendterror« wie in den USA - platziert aber ihrerseits vorwurfsvoll eine subtile Botschaft: Wer zu viel schlemmt, könnte auf Dauer der Gesellschaft schaden. Also kümmert sich Künasts Verbraucherschutzministerium um die Volksgesundheit. Am Mittwoch stellte es die Plattform Ernährung und Bewegung in Berlin vor. In einer konzertierten Aktion wollen Agrar- und Lebensmittelwirtschaft, der Bundeselternrat, die Krankenkassen, Ärzte, Wissenschaftler, Sportfunktionäre und die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten gegen das Übergewicht vorgehen. Deutschland ist erst jüngst ins Visier der Fettpolizei geraten, in angelsächsischen Ländern wird die Überfettung schon länger beklagt. Unter Betroffenen regt sich Widerstand. Die britische Aktivistin Vicki Swinden protestiert analog zur Rassismusdebatte gegen den neuen »Fettismus«. Ihr Slogan: »Fett ist das neue Schwarz.« Und Sharron Dalton, Autorin des Buchs Our Overweight Children , geißelt die Stigmatisierung übergewichtiger Kinder bis hin zum Harry Potter -Roman. So erstrahle Harrys Heldenmut erst richtig im Kontrast zur Charakterschwäche von Cousin Dudley Dursley, einem dummen, fiesen, verhätschelten und vor allem fetten Jungen.

Aber haben die Warner nicht Recht? Stimmt es nicht, dass ein zu hohes Gewicht Diabetes, Schlaganfall, Herzinfarkt, Bluthochdruck und ein kürzeres Leben beschert? Ist nicht gesichert, dass unser Gesundheitssystem unter den Tonnenlasten verfettender Körper unbezahlbar wird? Paul Campos, Autor von The Obesity Myth , bestreitet den Zusammenhang zwischen leichtem Übergewicht, Krankheit und Tod. Der Jurist von der University of Colorado arbeitet mit wissenschaftlicher Akribie. Was definitionsgemäß schon als bedenklich gilt, so seine Botschaft, müsse keineswegs schlimme Folgen zeitigen. Als das eigentliche Übel bezeichnet Campos den Diätwahn einer essgestörten Mittelklasse und ihrer »Anti-Fett-Krieger«.

Die Auseinandersetzung trägt hysterische Züge. Im Geschrei gehen wichtige Details unter, sie gerinnen in den Köpfen zum Bild von Hamburger mampfenden Kolossen wie in der Kino-Dokumentation Super Size Me . Es beginnt damit, dass der Laie Fettsucht nicht von Übergewicht unterscheidet. Kennzahl für die Zuordnung ist der BMI (siehe Grafik). Ein BMI unter 25 gilt als akzeptabel, wer zwischen 25 und 30 liegt, gilt als übergewichtig und soll bereits ein leicht erhöhtes Gesundheitsrisiko in seinen Rundungen tragen. Jenseits der 30 beginnt das Land der Adipositas, der Fettleibigkeit und Fettsucht. Sicher, wer bei einer Körpergröße von 1,76 Meter 124 Kilogramm (BMI 40) mit sich herumschleppt, hat ein Gesundheitsproblem. Aber Renate Künast zielt mit ihren Kampagnen auch auf die Menschen, die nach der Formel übergewichtig, aber nicht fettleibig sind - immerhin fast 50 Prozent der Deutschen. »24,7. Das ist in Ordnung, gerade noch«, warnt die Ministerin in ihrem Buch.

Sie hält für bewiesen, dass Übergewicht mit höherer Sterblichkeit einhergehe. Näher betrachtet, ist dies allerdings ungewiss. Die Analyse einer Messaktion an 1,8 Millionen Norwegern kam 1983 zu dem Ergebnis, dass die Bandbreite eines gesunden Gewichts sehr weit ist. Und jemand mit einem mageren BMI um 20 kann ein ebenso hohes Sterberisiko haben wie jemand, der bei 1,80 Meter offiziell 30 Kilo Übergewicht auf die Waage wuchtet. »Die Daten können als große Toleranz des Körpers gegenüber Gewichtsunterschieden interpretiert werden«, folgerten die Autoren.

Schlankheitsfanatiker könnten einwenden, Menschen mit Speckrollen stürben zwar nicht wesentlich früher, seien aber häufiger krank. Wer sich indes die Gesundheitsstatistiken ansieht, stößt auf eine unübersichtliche Indizienlage. Fast alle Erhebungen belegen eine Zunahme der Krankheitskosten erst ab einem BMI von 29, und in Nordkalifornien lagen die Gesundheitskosten in der idealgewichtigen Gruppe sogar höher als bei der amtlich übergewichtigen Klientel. Aus Kostengründen hätte man vielen Versicherungsnehmern durchaus empfehlen können, ein paar Pfund zuzunehmen. Vorausgesetzt, kein Risikofaktor wie Diabetes liegt vor. Dann nämlich können wenige Pfund Erleichterung das Risiko des endgültigen Diabetes-Ausbruchs auf die Hälfte reduzieren. Das Gemeine ist nur: Das Sterberisiko dieser Menschen bleibt dasselbe. Abnehmen ist nicht gleichbedeutend mit Verbesserung der Gesundheit. Im Gegenteil, wer Gewicht verliert, dessen Sterblichkeit nimmt laut einer dänischen Untersuchung zu. Am deutlichsten wies der Sportmediziner Steven Blair in einer Langzeitstudie mit über 70.000 Amerikanern nach, dass einen schon moderates Abspecken ins Grab bringen kann. Verlieren Männer mit einem BMI von 26 bis 29 über fünf Prozent ihres Gewichts, verdoppeln sie ihr Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Krankheit zu sterben.

Eine allgemeine Gefährdung durch Übergewicht ist nicht zu belegen. Schwarze Frauen zum Beispiel müssten sich schon einen BMI von 37 aneignen, um statistisch ein Lebensjahr zu verlieren. Dies zeigt eine Studie der Johns Hopkins University in Baltimore (USA). Nicht dass sich Fett ansammelt ist besonders relevant, sondern wo . Schwillt der Bauch an, ist dies ungesünder als üppige Oberschenkel und ein pralles Gesäß. Um mit Körpermaßen überhaupt Aussagen zur Gesundheit machen zu können, fordern daher Kritiker anstelle des BMI ein geeigneteres Maß: das Verhältnis von Hüft- zu Taillenumfang.

Der BMI taugt höchstens als Dow Jones der internationalen Gewichtsentwicklung. Fast täglich melden die Medien neue Höchststände. Diese Hinweise sind zwar notwendig, verändern aber auch das Wohlfühlklima. Zunehmend geraten sogar Menschen unter Druck, die sich auf sicherem Terrain fühlen könnten. Jeden Tag sitzen einige von ihnen vor Thomas Rotthoff von der Universität Düsseldorf. In seiner Klinik wurde eine umfangreiche Studie zum Zusammenhang zwischen Fettleibigkeit und Sterblichkeit erstellt. Laut dieser steigt überraschenderweise die Sterblichkeit bei Frauen erst ab einem BMI von 36 bis 40. Ohne weitere Risikofaktoren, sagt Rotthoff, reiche es, wenn die Patienten ihr Gewicht hielten.

Jetzt muss der Arzt seiner Klientel, die zwar sehr dick ist, aber normale Fettwerte hat, die Diät ausreden. Das wollen die Patienten oft gar nicht hören. »Der Druck«, sagt Rotthoff, »ist enorm gewachsen.« Die Menschen fühlen sich in ihrer Haut nicht wohl, weil sie bestimmten Idealen nicht entsprechen. Ein Drittel seiner Klienten sei psychologisch auffällig und kaum von einer weiteren Diät abzubringen.

Dann unterziehen sich die Unglücklichen strenger Askese, die allzu oft das Gegenteil bewirkt. Viele Studien zeigen inzwischen, dass der Diätwahn sich negativ auf die Gesundheit auswirkt. Gerade erst verkündete die Britische Diät-Vereinigung, dass vier von zehn Frauen nach einer Atkins-, South-Beach- oder anderen Schlankheitskur rückfällig wurden und hinterher dicker waren als vorher.

Die ungesunde Jagd nach dem richtigen BMI kam mit Adolphe Quetelet in die Welt. Auf der Suche nach einem Maß für den Durchschnittsmenschen hat der belgische Statistiker im 19. Jahrhundert den größenunabhängigen Index erfunden. Quetelet hätte heute seine Freude, denn die drei Buchstaben haben sich zu einem Mantra für Normbewusste entwickelt. Zusammen mit der grammgenauen digitalen Waage, die auch noch den Fettanteil des Körpers akkurat vermerkt, kann sich der Mensch täglich davon überzeugen, wie abnorm und willensschwach er ist.

Das Heil liegt eher darin, gar nicht erst zuzunehmen oder aber das Übergewicht zu halten. In seiner aktuellen Ausgabe weist das Journal of the American Medical Association (Jama) den Weg zum längeren Leben im Alter jenseits der 70. Bewegung garantiert am ehesten das Überleben, gefolgt von Tabakabstinenz, einer mediterranen Diät und moderatem Alkoholkonsum. Vom gesunden Gewicht ist gar nicht erst die Rede - dabei waren 60 Prozent der Probanden übergewichtig. Bewegung als Allheilmittel empfehlen fast alle medizinischen Disziplinen. Wer körperlich aktiv bleibt, beugt Herzkrankheiten vor, verhindert Diabetes, verbessert die Gedächtnisleistung bei Demenz.

Fettpolster verlieren ohnehin mit zunehmendem Alter an Bedeutung. Den krassesten Freispruch formulierte im August der Epidemiologe Kaare Christensen: Bei den Alten ab 70, so hat der Däne ermittelt, bewirken Übergewicht, Alkoholkonsum und Rauchen keine höhere Sterblichkeit (weil die genannten Faktoren die Anfälligen bereits früher umgebracht hätten). Die Studie aus Baltimore erhebt üppiges Kurvenmaterial sogar zum Überlebensvorteil im Alter, zumindest bei schwarzen Männern und Frauen: Über 70-Jährigen schenkt massives Übergewicht (BMI 31 und höher) rund zwei Lebensjahre. Nicht einmal ein gigantischer BMI von 45 trübt diese Bilanz.

Anders die Einschätzungen bei Heranwachsenden. Allgemein gelten Fettpolster als problematischer, je jünger die Klientel ist. Da können sich verheerende Wirkungen zeigen. Den Extremfall bilden jugendliche Fettsüchtige: Jeder Dritte leidet an Herz-Kreislauf-Störungen, Fettleber und Haltungsschäden, einige an Diabetes und Gallensteinen. Bei einem 24-Jährigen steigt das Risiko schon bei einem BMI von 29 deutlich an. Nach unten extrapoliert, lässt dies für die dicken Kinder tatsächlich nichts Gutes ahnen. Und gerade unter Kindern nimmt die Korpulenz unbestritten zu. Der Eindruck hat sich festgesetzt, eine grotesk schwergewichtige Generation XXL rolle auf die Welt zu. Auch da lohnt der genauere Blick.

Die Statistikerin Bärbel-Maria Kurth vom Berliner Robert Koch-Institut leitet zurzeit eine bundesweite Erhebung gesundheitsrelevanter Daten von 18.000 Kindern und Jugendlichen. Neuerdings bemerkt Kurth in den Medien eine alarmistische Stimmung: »Im März las ich, jedes sechste Kind sei übergewichtig, dann war es plötzlich jedes fünfte, und kürzlich war die Rede von 40 Prozent.« Die Extreme bei Über- und Untergewicht, sagt sie, seien tatsächlich häufiger anzutreffen. Im Mittel aber habe sich nicht viel bewegt. Auch für die oft zitierte Behauptung, der Altersdiabetes nehme unter Kindern enorm zu, findet Kurth noch keine eindeutigen Belege: »Wir haben unter Tausenden Kindern in unserer Studie noch keines mit Typ-II-Diabetes gesehen.« Die Krankheit sei so selten, dass es selbst bei einer Verdoppelung der Fälle wenige blieben.

Elke Bruns-Philipps vom niedersächsischen Landesgesundheitsamt bestätigt, dass Kinder im Mittel etwas schwerer geworden sind. Ihr Amt hat vergangene Woche Zahlen von Eingangsuntersuchungen an 260.000 Schulanfängern veröffentlicht. »Besonders die türkischen Mädchen, die keinen Sport treiben können, haben erheblich zugenommen.«

Dieser XXL-Nachwuchs muss oft zum Arzt. »Wir sehen jede Woche Kinder mit erhöhten Zuckerwerten, erhöhten Fetten und Bluthochdruck«, sagt Thomas Danne, Leiter des größten deutschen Diabeteszentrums für Kinder in Hannover. Er lässt den Hinweis auf spezielle Situationen einzelner Gruppen nicht gelten. Ihm ist der Ton, der angeschlagen wird, noch zu moderat. Jede abwiegelnde Betrachtung hält er für kindergefährdend und bevorzugt die US-Sprachregelung vom »Krieg gegen das Fett«. Der Feldzug soll bis zum Jahr 2015 die Zahl adipöser Kinder in Niedersachsen um 20 Prozent senken. Danne will in Kindergärten und Familien aufklären.

Sicher lohnt eine möglichst frühe Intervention, denn die Chancen für einen Erfolg nehmen rapide ab. Bis zum Alter von drei Jahren verwächst sich noch viel Babyspeck. Die Hälfte aller übergewichtigen Siebenjährigen läuft bereits Gefahr, auf den Pfunden bis ins Erwachsenenalter sitzen zu bleiben. Als am schlimmsten gefährdet gilt, wer dünn ins Leben startet und fett heranwächst. Der adipöse 15-Jährige schließlich wird die Pfunde kaum mehr los. Was Hänschen zulegt, verliert Hans nimmermehr. Und im Erwachsenenalter wird es ihm zu schaffen machen.

Unklar ist nur, ob ein aufgeheiztes Klima wie in den USA der richtige Weg zum schlanken Kindergarten ist. In einem Land, in dem sich schon Fünfjährige lieber einen Arm abnehmen lassen würden, als zu dick zu sein, haben es amtlich Übergewichtige schwer. Ob sie ihr Kind abtreiben würden, wenn es eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit hätte, dick zu werden, wurden junge amerikanische Paare gefragt. 75 Prozent antworteten mit ja. »Wenn dieses Denken typisch ist«, sagt Sharron Dalton in Our Overweight Children , »dann wären die Überlebenschancen für einen zukünftigen Luciano Pavarotti sehr gering.« Auch in Deutschland, am Robert Koch-Institut, ist bereits aufgefallen, dass übergewichtige Kinder häufiger als früher extrem unglücklich über ihren Zustand sind. »Die Lebensqualität nähert sich der von stigmatisierten Krebskranken«, sagt Bärbel-Maria Kurth.

Moby Dick, Obeldicks, Donald-Dick-Club heißen die neuen Schulungsprogramme für Moppelige. Doch noch ist nicht erprobt, ob es eine gute Langzeitstrategie für dicke Kinder gibt. Laut der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) konnten nur 15 Prozent von 177 Initiativen Dokumentationen über Erfolge ihrer Arbeit vorlegen. Sogar AGA-Sprecher Martin Wabitsch, mitbeteiligt an Künasts Aktionsprogramm, rät zur Besonnenheit. Der Ulmer Kinderarzt ist gegen stigmatisierende Sonderkurse. Er empfiehlt mehr Sport für alle: »Ich halte nichts von Sonderbehandlungen für Einzelne.«

Die dicken Kinder werden zurzeit mit Leistungsdruck, Schönheitsidealen, Gesundheitsmaximen und vielen allzu wohlfeilen Forderungen konfrontiert. Unter dem Stichwort »Dickmacher Fernseher« will die eifrige Ministerin Künast die Kids von der Mattscheibe vertreiben. Dabei konnte jüngst eine Studie mit 44.707 kalifornischen Kindern und Jugendlichen den oft behaupteten Zusammenhang von Fernsehkonsum und Übergewicht nicht feststellen.

Derzeit aber hat Gewicht, was Schlankheit verspricht. Die Kinder müssen jede Theorie aushalten - und den daraus resultierenden Aktionismus.

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