nahrungsmittel Acht Stück Zucker in einem Jogurt
Lebensmittel für Kinder wirken in Anzeigen und Werbespots besonders gesund. Wissenschaftler sehen das anders.
Was wäre Brandts Zwieback ohne das Kind mit den roten Backen? Undenkbar, für den Hersteller sowieso: Vermittelt der Strahlemann doch das Versprechen von Freude und Gesundheit durch ein Nahrungsmittel aus der Tüte. Man könnte das Brandtsche Gebäck als erstes Kinderlebensmittel bezeichnen. Später kamen der eisenhaltige Rotkäppchensaft, die Kinderschokolade mit der Extraportion Milch und der FruchtZwerge-Jogurt hinzu, der bis zur BSE-Krise sogar »so wertvoll wie ein kleines Steak« sein sollte. Von solchen Aussagen lassen sich laut dem Bundesverband der Verbraucherzentralen immerhin 36 Prozent der Eltern beim Einkauf leiten. Werbung vermittelt im Zusammenhang mit Kindernahrung oft Werte wie Gesundheit, Erfolg, Fitness und Intelligenz. Doch was ist dran?
Ein einziger Beweis sei erbracht worden, dass ein außergewöhnlicher und extra beigemischter Zusatzstoff messbaren Nutzen liefere, sagt Professor Hans Hauner, Ernährungsmediziner an der Technischen Universität Weihenstephan. »Patienten mit hohen Cholesterinspiegeln, die Becel-Pro-Activ-Margarine aßen, hatten nach einiger Zeit messbar verringerte Cholesterinwerte.« Für das Essen der Kleinen gelte indes: Studien zur Gesundheitswirkung von Kinderlebensmitteln gebe es so gut wie nicht. Ein Blick auf die Rezeptur von Bärchenwurst oder Pizza Ferdi Fuchs genügt, um das Gesundimage zu widerlegen – was die Stiftung Warentest in ihrem Juniheft getan hat. Sie beruft sich auf Studien des Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE) in Dortmund. Ihr Fazit: Kinderlebensmittel sind oft schädlich, wenn sie über längere Zeit auf dem Speiseplan der Kleinen stehen. Das Urteil der Stiftung Warentest zu Frühstückszerealien beispielsweise lautete: »Viel Zucker, wenig Ballaststoffe, daher eher als Süßigkeit zu betrachten. Üppige Vitaminzusätze. Suggeriert trotz intensiver Süße eine gesunde Ernährung und kann den Zuckerverzehr erhöhen.« Nestlé bewirbt seine Cookie Crisps unterdessen mit »gesundem Getreide, 8 Vitaminen und Kalzium«. Auf Anfrage erklärt das Unternehmen, den Frühstückszerealien für Kinder würden die Mineralstoffe Kalzium und Eisen zugesetzt, weil die Kleinen laut Ernährungsbericht aus dem Jahre 2000 damit generell unterversorgt seien.
Reicht das als Erklärung? Als unnötige Anreicherung bezeichnet die Ernährungswissenschaftlerin Mathilde Kersting vom FKE solche Beimischungen. »Eine leichte Unterversorgung ist nicht zu verwechseln mit einem Mangel«, sagt sie. Aussagekräftige Daten besitzt das FKE durch eine Langzeitstudie, die seit 1985 laufend den Speiseplan deutscher Kinder analysiert. »In der Studie gab es keinen Nährstoff, an dem es Kindern mangelte.« Nur Folsäure. An diesem B-Vitamin fehle es auch Erwachsenen, doch seien so leichte Nährstoffdefizite durch normale Lebensmittel schnell zu beheben, sagt Mathilde Kersting.
- Datum 05.08.2007 - 05:29 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 30.09.2004 Nr.41
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