Ostdeutschland Die letzten Kinder

23.000 Menschen leben in Weißwasser in Sachsen. Jedes Jahr verlassen 1.000 Bewohner den Ort. Auch der 19-jährige Paul überlegt, ob es an der Zeit ist zu gehen

Alle wollen weg – vier wollen hin. Weißwasser in Sachsen verliert jedes Jahr rund tausend Einwohner, aber diese vier 16-Jährigen – sie haben nur das eine Ziel. In einem halb leeren Plattenbau in Weißwasser-Süd haben sie kürzlich eine Wohngemeinschaft aufgemacht: Attila aus Dresden, sein Kumpel Franz, Erik aus Berlin und der wortkarge Duncan aus Holland. Sie träumen von einer Karriere als Eishockeyprofi bei den Lausitzer Füchsen, die in der Zweiten Bundesliga spielen. Dafür nehmen sie alles auf sich. Sogar ein Leben in einer Stadt wie Weißwasser.

Der Alltag der vier besteht nur aus Schule und Training, Training und Schule. Sie hausen in einer Wohnung aus Sperrmüll, in der niemand auf Ordnung achtet, denn was ihnen wirklich wichtig ist, passiert auf dem Eis. Jürgen Hanke, der Nachwuchskoordinator des Eishockeyvereins, hat die Jungtalente bei anderen Vereinen abgeworben. Jetzt sollen sie möglichst schnell groß werden, den Puck verlässlich ins Tor schießen. Eine Wohnungsbaugesellschaft stellt die Bleibe kostenlos zur Verfügung. Das muss schon sein, denn in Weißwasser schafft es der Verein längst nicht mehr, genügend Nachwuchs zu rekrutieren. Es sind einfach keine Kinder mehr da.

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Vorbei die Zeiten, als sich in der so genannten Laufgruppe des Vereins aus 100 Kindern die Kufen-Talente herausfischen ließen. Heute kommen in der Laufgruppe gerade noch zehn Kinder zwischen vier und sechs Jahren zusammen, »und davon noch vier Mädels!«, klagt Hanke. Also lockt er jugendliche Eishockeyspieler von draußen an. Und sie werden herzlich willkommen geheißen, zur Belohnung gibt es für sie – einmalig in Weißwasser – auch noch eine Lehrstelle dazu.

Ein Glück, von dem andere in dieser Stadt nur träumen können. Wer hier lebt, braucht ein stabiles Gemüt. Das Kino, gleich nach der Wende geschlossen. Das Theater, Volkshaus genannt, ebenfalls dichtgemacht. Wer am Abend spazieren geht, tut dies vor der Kulisse von geräumten Plattenbauten, durch deren zerschlagene Fenster der Wind pfeift. Wenn die Menschen in Weißwasser von ihrem Leben während der letzten Jahre erzählen, klingt das so, als sei von einer Naturkatastrophe die Rede, die ihnen alles genommen hat, auch das, was ihnen das Liebste war.

Das Ehepaar Dederichs* zum Beispiel, er Automechaniker, sie Krankenschwester. Ihre beiden erwachsenen Kinder verschlug die Katastrophe nach Bayern. Der Sohn arbeitet in München, schraubt dort nun ebenfalls als Kfz-Mechaniker, die Tochter fand im Bayerischen Wald einen Job als Sozialpädagogin. »Ich vermisse sie sehr, ich bin da noch nicht drüber weg«, sagt Frau Dederichs. Sie und ihr Mann sind kürzlich in Weißwasser in eine kleinere Wohnung umgezogen, weil das Geld für die alte nicht mehr reichte.

Oder Klaus-Dieter Backert von der örtlichen Musikschule; sein Sohn lebt jetzt in Stuttgart. Beide sehen sich nur noch einmal im halben Jahr. »Er verdient dort als Krankenpfleger so viel wie ich in einer verantwortlichen Position«, sagt Backert. Seine Wochenarbeitszeit wie auch die der anderen im öffentlichen Dienst wurde gerade auf 35 Stunden reduziert, das Gehalt um 12,5 Prozent gekürzt.

Weißwasser baut die blühenden Landschaften im Westen auf

Wer kann, der geht, macht rüber in den Westen. Die Tochter von Jürgen Hanke, dem Koordinator im Eishockeyverein, arbeitet in München als Filialleiterin eines Supermarkts. Hankes eigener Job in Weißwasser dagegen ist eine befristete ABM-Stelle, eine Stelle, die Arbeitslosigkeit nur überbrückt. Die beiden Brüder des örtlichen CDU-Fraktionschefs beispielsweise, eines Beamten in der Kfz-Zulassungsstelle des Kreises, gingen nach Bielefeld, wo sie in einem Unternehmen als Kraftfahrer unterkamen. Und der Elektriker und Hobbykabarettist Hans Friedland hat zusammen mit seiner Frau den Sohn »mit seinem Köfferchen in Brühl bei Köln abgeliefert«, wo der seither als Koch am Herd steht. Eine Rentnerin im Plattenbauviertel Weißwasser-Süd meint lakonisch: »Unsere erwachsenen Kinder bauen im Westen die blühenden Landschaften auf! Schade – das war’s.«

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