EISERNE LADY Verklemmt und zugeknöpft

Die Kehrseite des Glamour-Revivals: Der strenge Sekretärinnen-Stil der achtziger Jahre ist wieder da. Eine Polemik

Manche haben es kommen gesehen. Es lag in der Luft, aber man konnte nicht sagen, in welcher Gestalt es sich als Erstes zeigen würde. Es hätte eine Farbe, eine Melodie sein können. Jetzt wissen wir: Es ist als Seidenbluse gekommen. Seit der Modenschau in New York, auf der Marc Jacobs seine Herbst/Winter-Kollektion 2004/05 vorstellte, wissen wir, dass die Maggie-Thatcher-Bluse wieder da ist. Die Schleifchen-und-Rüschen-und-Ärmelbündchen-Bluse, die Chefsekretärinnenbluse, auf grob Deutsch gesagt: die Hildegard-Hamm-Brücher-Bluse, die FDP-Frauen-Doppelnamen-Bluse ist zurück. Hilflos wäre zu fragen, warum.

»It’s all about finding Margaret Thatcher sexy«, hat Marc Jacobs gesagt. Der Mann hat ganz augenscheinlich eine geizige, vielleicht auch besonders vornehm bescheidene Vorstellung von Sex, aber er steht damit gewiss nicht allein. Wenn die Seidenbluse nur in Rom oder in Paris vorgeführt worden wäre, hätten wir gesagt, es ist ein ironischer Versuch, eine Spinnerei. Aber was in New York gezeigt wird, weiß immer schon, dass es einen Markt hat. In New York werden keine Follerien gezeigt, in New York wird dem echten Zeitgeist der echte Puls abgenommen, und es damit also amtlich: Das Damenhafte kommt zurück. Das Revival der achtziger Jahre ist da. Es ist da, da, da. Ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht .

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Das Revival konnte nicht ausbleiben. Denn auch die wirklichen Achtziger mit ihren überbreiten Schultern, den geschoppten Ärmeln, den Schottenröcken und karierten Pullovern haben sich nicht einfach so ereignet. Sie waren vielmehr der dialektische Gegenschlag zu den Siebzigern. Mit anderen Worten: In dem Moment, als die ersten siebzigerjahrehaften Plateausohlen, die ersten nabelfreien Tops und Pucci-Muster wieder auftauchten, konnte man auch darauf vertrauen, dass sie irgendwann von Seidenblusen, Schulterpolstern und Karottenhosen abgelöst würden. Es hat ein Weilchen gedauert, das Revival der siebziger Jahre währte fast so lange wie die echten siebziger, aber nun ist es passiert. Schluss mit Jugend! Schluss mit Hippie-Nostalgie und Flower-Power-Seligkeit! Jetzt kommen die strengen Bibliothekarinnen und Sekretärinnen auf ihren absatzlosen Ballerinas wieder ins Büro und brühen den extrastarken Kaffee zur extrastressigen Arbeit.

Denn geschenkt wird einem in den Zeiten von Hartz IV nichts mehr; und schon gar kein Sex-Appeal. Die Röcke enden wieder so unvorteilhaft wie möglich auf dem halben Knie oder knapp darunter, die Karottenhose wird dafür sorgen, dass selbst dem elfenhaftesten Wesen etwas bodenständig Gedrungenes zurückgegeben wird, und Burlington-Socks werden die Fesseln mit ihrer wärmenden Wolle verdicken. Überhaupt, Burlington! Burlington und Burberry, Karos werden, wohin das Auge blickt, das Schmale breit, das Hohe niedrig machen.

Auch die weiße Tennissocke wird unweigerlich zurückkommen, damit es unten, zwischen Hose und Schuh, blitzt und das Auge zuverlässig von weiter oben angesiedelten Reizen abgelenkt wird. Aber was heißt abgelenkt? Es werden keine weiblichen Reize (Pardon für das frivole Wort) zu sehen sein, denn die Seidenbluse ist natürlich weit, sehr weit, und wenn sie nicht weit genug ist, werden die berühmten Schulterpolster für die keusche Anmutung eines fest geschlossenen Garderobenschrankes sorgen. Die V-Silhouette! Sollte etwa jemand die VSilhouette vergessen haben? Die V-Silhouette ist dafür geschaffen worden, jede Ahnung von Rundung verschwinden zu lassen. Jede Frau ein Kerl, mit dem Brustkorb eines Schwimmers und den Lenden eines Sprinters.

Denn Mode ist ein System, und wenn eben noch die Bäuchlein sich zwischen Top und Hüfthose wölbten, dann müssen sie jetzt verschwinden, weggeschlossen und verleugnet werden. Denn die neue Frau ist wieder die niemals gebärende Geschäftsfrau, das supertaffe Wesen, die kalte, ehrgeizzerfressene und asketische Rechnerin. Das Augen-Make-up wird wieder weit über die Lider hinausgezogen werden, die Augen selbst werden schräg gestellte Schlitze sein, Raubkatzenaugen, aber denke niemand, dass man die Leopardenweibchen küsst! Der Kern dieser Mode, der innerste, unerbittliche Kern, wird die Münchner (oder Salzburger) höhere Tochter sein oder jedenfalls jene Tochter, die sich als höhere auf dem Heiratsmarkt platzieren möchte.

Reaktionäre Mode für adelsgeile höhere Töchter aus München

Der soziale Aufstieg ist der Imperativ der Seidenbluse. Darum werden auch die Perlenketten wiederkommen, die Verlobungsringe (ein Saphir, zwei Brillis), darum ist das Stichwort Maggie Thatcher so wertvoll, denn hat sich diese Eiserne Lady nicht auch eisern aus dem väterlichen Krämerladen hochgebissen? Das Hochbeißen ist die Botschaft der Katzenaugen, das Buckeln, nicht etwa das Schnurren und Kosen. Es steht uns vielleicht nicht zu, über die angelsächsische Welt zu urteilen, aber was in Deutschland (und Österreich) bei einem Revival der Achtziger aus eigenen Kräften zu gewärtigen ist, wird schlimm genug sein. Die Münchner Tochter wird im erneuerten Collegestil (denn von der New Bond Street kommt diese Mode niemals los) zur Jagd auf die reiche Partie aufbrechen, sie wird sich im Nahkampf erst einen, dann zwei, dann drei schmale bordeauxrote Gürtel verdienen, sie wird bordeauxrote Collegeschuhe tragen, eine bordeauxrote Handtasche, es wird überhaupt viel bordeaux sein, und wenn es ganz arg kommt, dann werden auch die Hufeisenschnallen von Aigner wiederkommen.

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