terrorismus Das Antlitz des Terrors

Abu Musab al-Sarqawi ist Chef-Geiselnehmer im Irak

Wenn Osama bin Laden der Grandseigneur der al-Qaida ist, dann darf man Abu Musab al-Sarqawi getrost als den Straßenjungen des islamistischen Terrorismus bezeichnen. Der 37-Jährige produziert im Irak derzeit ein Enthauptungsvideo nach dem anderen. Es ist der grauenerregende Höhepunkt einer Terroristenkarriere, die ihm kaum jemand zugetraut hätte.

Niemand, der Sarqawi begegnet ist und darüber berichtet hat, beschrieb ihn je als intelligent. Nicht seine Cousins, mit denen er sich in jordanischen Kindertagen gern auf der Straße prügelte. Nicht sein Anwalt, der ihn später wegen islamistischer Aufrührerei verteidigte. Nicht der Mitinsasse im Gefängnis, dem Sarqawi das Lesen von Romanen verbieten wollte. Und auch nicht die Geheimdienstler, die heute Sarqawis Machenschaften im Zweistromland beobachten. Nach taktvoller Einschätzung des Bundesnachrichtendienstes weist er »nicht das intellektuelle Format von Osama bin Laden« auf. Anders als andere al-Qaida-Größen wird Sarqawi in den Geheimdienst-Dossiers nicht als »Militärchef« oder »Führer« eingestuft, sondern lediglich als »Operateur«.

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Nur ein Henker also, kein Denker?

Immerhin ist der Kopf der Islamistengruppe Tawhid wa Dschihad (Göttliche Einheit und Heiliger Krieg) gleich hinter Osama bin Laden der meistgesuchte Terrorist der Welt. 25 Millionen Dollar bietet die amerikanische Regierung für seine Ergreifung. Präsident Bush hält Sarqawi, IQ hin oder her, für den »Mastermind«, den Drahtzieher des islamistischen Terrorismus in der Golfregion. Diese zweifelhafte Wertschätzung hat in amerikanischen Sicherheitskreisen Tradition: Sarqawi galt vor dem Irak-Feldzug als lebender Beweis für die vermeintliche Terroristen-Ehe zwischen Osama bin Laden und Saddam Hussein. Schließlich, so ließ Außenminister Colin Powell verlauten, habe sich Sarqawi in bin Ladens Ausbildungslagern als Gotteskrieger gestählt und sich später in Bagdad von einer Beinverletzung kuriert. So wenig ein Verband bereits eine Verbindung beweisen mag – glaubwürdig sind die Erkenntnisse über zahlreiche internationale Kontakte, die Sarqawi zu militanten Islamisten in Europa und im Nahen Osten pflegt.

Mindestens 116 mutmaßliche oder verurteilte Terroristen, die in Frankreich, Italien, Spanien, Großbritannien, der Türkei, Jordanien und Saudi-Arabien festgenommen worden sind, hielten nach dem Fachblatt Jane’s Intelligence Review Kontakt zu Sarqawi. So auch Abu Dhees, der Anführer der Al-Tawhid-Zelle, deren Mitglieder derzeit vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf stehen. Ihnen wird vorgeworfen, Anschläge auf jüdische Einrichtungen in Deutschland geplant zu haben. »Ich schwöre dir, Scheich, wenn du mir den Tod befehlen würdest, ich täte es«, soll Abu Dhees dem Strippenzieher Sarqawi am Telefon versprochen haben.

Mittlerweile jagen amerikanische Truppen Sarqawi mit ähnlicher Energie wie vor kurzem noch den flüchtigen Staatschef Saddam Hussein. Luftschlag um Luftschlag führen die Streitkräfte gegen die mehrheitlich sunnitisch bewohnte Stadt Falludscha, wo sie das Hauptquartier der Tawhid wa Dschihad vermuten. Es scheint ganz so, als wolle Sarqawi der US-Regierung den Gefallen tun, sich in die zugedachte Rolle des prominenten Oberbösewichts zu fügen. Denn obwohl längst nicht alle Entführungen und Morde von Ausländern im Irak (über 170 wurden seit Anfang des Jahres verschleppt und mindestens 29 getötet) auf sein Konto gehen, fällt der erste Verdacht regelmäßig auf Sarqawi. Was ihm nicht ganz ungelegen kommen dürfte. Denn Angst ist das Kapital des Terroristen – je mehr er erzeugt, desto mächtiger erscheint er.

Tatsächlich bereiten den meisten Irakern die täglichen Entführungen von Angehörigen viel größere Sorgen als Sarqawis politische Erpressungsversuche. Kidnapping ist im Nachkriegschaos zum lukrativen Geschäft geworden. Über dieses Massenphänomen wird im Ausland bloß kaum berichtet.

Hingegen hat Sarqawi die Medien als willige Helfer entdeckt. Der Satellitensender al-Dschasira präsentiert seinem Publikum die Enthauptungsfilme, auf denen Sarqawi angeblich persönlich zu sehen ist, in voller Länge. Im Westen ist das nicht nötig. Dort lösen schon die Anfangssequenzen seiner widerlichen Inszenierungen Schauer aus. Obendrein sind die Vollversionen im Internet verfügbar.

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