terrorismus Das Antlitz des TerrorsSeite 2/2

In Sachen Extremismus, berichten Wegbegleiter, sei Sarqawi schon immer herausragend gewesen. »Als er ein Trinker war, war er ein extremer Trinker. Wenn er gewalttätig war, war er extrem gewalttätig«, schrieb der New York Times- Reporter Jeffrey Gettleman nach einer ausführlichen Recherche über Sarqawis Leben.

Ahmed Fadil Nasal al-Chalayleh, so sein Geburtsname, wuchs in der Industriestadt Sarqa auf, dem Ruhrgebiet Jordaniens, wenn man so will. Er stammt aus einer armen Beduinenfamilie mit zehn Kindern. Mit 17 verließ Ahmed die Schule, fing an zu trinken und in die Kleinkriminalität abzurutschen. Dann begann er sich an Höheres zu klammern. Er beschloss, seinen Glaubensbrüdern in Afghanistan beizuspringen, um die Sowjettruppen zu vertreiben, die das Land besetzten. Doch als er am Hindukusch ankam, waren die Russen schon weg. 1989: Die Mudschahedin hatten gesiegt.

Fortan träumt der junge Mann davon, das haschemitische Königshaus in Jordanien zu stürzen und ein Kalifat zu errichten – ebenso wie sein großer Inspirator Osama bin Laden die Saud-Dynastie in seinem Heimatland niederwerfen will. Zurück in Jordanien, gründete Sarqawi die Islamistenbewegung Dschund al-Schaam. 1992 wurde er verhaftet und saß bis 1999 im Gefängnis. Dort arbeitete er hart an sich. Mit selbst gebastelten Hanteln trainierte er seine Muskeln, mit brutalem Auftreten seine Autorität. Bald hatte er den Zellenblock im Griff. »Er konnte Befehle schon dadurch anordnen, dass er nur seine Augen bewegte«, sagte der Gefängnisarzt Dr. Abu Sabha der New York Times. Nach seiner Freilassung, berichten Freunde, habe Sarqawi kurz darüber nachgedacht, sich einen Pritschenwagen zu kaufen, einen Obststand zu eröffnen und sich um seine zwei Kinder zu kümmern.

Doch aus diesen eher kleinbürgerlichen Träumen wurde nichts: Im Jahr 2000 verwandelte sich der islamistische Haudegen Ahmed Fadil Nasal al-Chalayleh in den Vollzeitterroristen Abu Musad al-Sarqawi. Er zog zunächst in die streng religiöse Stadt Peschawar an der pakistanisch-afghanischen Grenze zu Afghanistan und eröffnete dort, im Land der Taliban, Ende 2000 ein Terror-Trainingscamp: Das berichtet der amerikanische Geheimdienst.

Nach dem 11. September 2001 marschierten dann die Truppen der Nato am Hindukusch ein. Sarqawi musste wie viele andere al-Qaida-Anhänger aus der Taliban-Heimstatt fliehen. Er fand Zuflucht in den Kurdengebieten des Nordiraks. Dort avancierte er zum militärischen Führer der Ansar al-Islam, einer Untergrundarmee, die in den Hochgebirgstälern eine Art Mini-Gottesstaat errichtet hatte. Doch ab März 2003 bombardierte die amerikanische Luftwaffe auch deren Camps.

Diesmal ergriffen Sarqawi und verbündete Kurdenmilizen angeblich die Flucht in den nahegelegenen Iran. Von dort aus, vermuten westliche Nachrichtendienste, sickerten sie später in das irakische Kernland ein. Seitdem hat sich Sarqawi unter anderem für einige der schlimmsten Anschläge im Land verantwortlich erklärt: den Anschlag auf das Hauptquartier der Vereinten Nationen und das Bombenattentat auf die Imam-Ali-Moschee im Sommer 2003 sowie die parallelen Explosionen während des schiitischen Aschura-Festes im März 2004. Mittlerweile hat Sarqawis Gruppe nach einer Zählung der US-Regierung mehr als 700 Menschenleben auf dem Gewissen.

Von Anfang 2004 an etablierte sich Sarqawi im sunnitischen Dreieck des Iraks als Führungsfigur des islamistischen Widerstands. In einem Strategiepapier, das US-Nachrichtendienste ihm zurechnen, rechtfertigte er Bombenanschläge auf Schiiten und löste sich damit von der offiziellen al-Qaida-Linie. Die Schiiten seien zwar Glaubensbrüder, aber, so Sarqawi, Ziel sei es schließlich, »die islamische Nation in eine Schlacht zu stürzen, auf die sie nicht vorbereitet ist«. Zudem erklärt er sämtliche Mitglieder der neuen irakischen Regierung zu Zielen seiner Gruppe. Sarqawi, so viel ist klar, führt im Irak eine selbstständige Schlacht. Bin Ladens ehrgeiziger Lehrling meldet einen eigenen Führungsanspruch an.

 
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