kommentar Kerry reitet die Attacke
In der ersten Fernsehdebatte mit Präsident George Bush hat Amerika einen großen Auftritt des Herausforderers erlebt
Albuquerque, New Mexico Wenn diese Fernsehdebatte dem Herausforderer nicht hilft, dann wird ihm nichts mehr helfen. Amerika hat den besten John Kerry gesehen, seit er Kandidat wurde; und Amerika hat den schlechtesten George Bush gesehen, seit er Präsident wurde.
Von der ersten Sekunde an nahm John Kerry seinen Gegner unter Feuer klar, intelligent, zielgenau. Die Irak-Politik dieses Präsidenten gibt ein riesiges Ziel ab und der Herausforderer hat nicht daneben geschossen. Am Ende dieses Argumentationsfeuerwerk bleibt nur noch die Frage: warum erst jetzt? Warum muss Kerry mit dem Rücken zur Wand stehen, bevor er zeigt, was er kann? Warum hat er den Präsidenten bisher so geschont?
Von George Bush war nicht zu erwarten, dass er den ehemaligen Debatten-Meister der Universität Yale ausstechen würde, geistig beweglicher und rhetorisch geschulter aussehen könnte. Er durfte nur nicht untergehen. Aber sogar dieses Minimalziel hat er nicht erreicht. Bush wirkte hölzern, unkonzentriert, manchmal geradezu hilflos. Ein amtierender Präsident, der seinem Herausforderer nicht gewachsen schien. Üblicherweise muss ein Präsident, der wiedergewählt werden will, eine gloriose Bilanz präsentieren. Stattdessen fand sich Bush beständig in der Defensive wieder. Nicht mal seine größte Stärke, die ihn bisher in jeder Debatte gerettet hat, konnte er nutzen. Es ist die Ausstrahlung eines geradlinigen Kumpels von nebenan, die jeden Zuschauer erreicht und mitfühlen lässt.
Doch der sympathische Nachbar Bush fühlte sich diesmal sichtbar unwohl. Wenn Kerry sprach, zog er beständig die Mundwinkel herunter und rollte in sichtbarer Missachtung die Augen. Genau dieselbe Mimik hat vor Jahren Al Gore Kritik eingetragen und am Ende den Debatten-Sieg gekostet. George Bush muss nun dieselbe Kritik abwehren. Er steht unter Druck.
Viele Amerikaner haben die Debatte nicht gesehen. Sie werden in den Medien darüber erfahren. Dort können sie die missmutige und verächtliche Mimik Bushs nicht sehen, die Hilflosigkeit und die ewigen Wiederholungen. In den ersten medialen Interpretationen ist allerdings von einem großen Auftritt Kerrys nichts zu lesen und zu hören. Parteigänger beider Seiten reklamieren den Sieg für sich. Das war zu erwarten. Es lässt aber aufmerken, dass viele Fernseh-Kommentatoren ein Unentschieden erkennen. Und sogar jene, die von leichten Vorteilen für Kerry sprechen, glauben, dass sie nicht groß genug sind, die Dynamik des Präsidentschaftsrennens noch zu verändern. Solche Kommentare besagen mehr über Zustand und Ausrichtung des amerikanischen Fernsehens. Erst die Auswertung in den Zeitungen wird ein komplettes Bild ergeben.
Die Fernsehzuschauer kommen nach Blitz-Umfragen jedenfalls zu einem anderen Urteil als die Kommentatoren. Sie haben einen Sieger gesehen.
- Datum 30.09.2004 - 14:00 Uhr
- Serie cvd
- Quelle (c) ZEIT.de, 01.10.2004
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