Ihr Debüt wurde zum Lebensstil. Seit dem Erfolg von Bonjour Tristesse 1954, dem 30 weitere Bücher mit einer Gesamtauflage von über 30 Millionen Exemplaren folgten, wurde Françoise Sagan durch ihre Abenteuer zur Verkörperung ihrer Romanfiguren. Weil ihr Vater sie warnte, dass ihr früh verdienter Reichtum gefährlich sei, entschloss sie sich, ihr Geld schnell auszugeben. Jahrelang lud sie die halbe Pariser rive gauche in einen verschlafenen Fischerort an der Côte d’Azur ein – und erfand damit St. Tropez als Wallfahrtsort der Jeunesse dorée. 1957 starb sie beinahe bei einem Autounfall, seither hatte die Frau mit dem Bubikopf und den großen Kinderaugen die Aura eines weiblichen James Dean. Bei einer Studentenversammlung im Pariser Odéon 1968 fuhr sie mit ihrem Sportwagen vor und gab auf die Frage "Ist die Kameradin mit ihrem Ferrari gekommen, um die Revolution zu unterstützen?" die Antwort: "Falsch, es ist ein Maserati." Sie verstand sich als Linke, obwohl sie schon früh hellsichtige Reportagen über die Schattenseiten der Castro-Revolution in Kuba schrieb, die ihr den Zorn der Intellektuellen einbrachten. Sie unterstützte den Unabhängigkeitskrieg in Algerien, der zum Untergang der IV. Republik führte, kämpfte für die Abtreibung und hielt sich trotzdem den Feministinnen fern: "Mein Bauch gehört nicht mir, sondern dem Mann, den ich liebe."

Ihre Exzesse mit Drogen, Glücksspiel, Autos und Affären lassen fast vergessen, wie sie mit 18 ein Wunderwerk schuf, dem der Nobelpreisträger François Mauriac "eine unvergleichliche Schwingung, einen Puls, eine Seele, eine Vernehmlichkeit ohne jede Lautheit" attestierte. Mit Bonjour Tristesse lernte eine ganze Generation zwischen Moskau und New York vielleicht zum letzten Mal Französisch als Weltsprache kennen. Und es war auch das Nachkriegs-Frankreich selbst, das sich in der federleichten Transparenz dieser von Sinnlichkeit getriebenen Selbstbeschreibung der Sagan neu erfand.

Nach der Lebenslüge der Selbstbefreiung 1944, die ein brüchiger Gründungsmythos der IV. Republik war, brauchte Frankreich ein literarisches Dokument zur Neubestimmung und Idealisierung seiner Lebensweise. Sagan, das Wundermädchen aus reicher Familie, beschrieb, wie ein Wundermädchen aus reicher Familie sich der bittersüßen Leichtigkeit des Lebens hingab, in der alles Leid getilgt war und persönliche Verantwortung nichts zählte. Die Autorin war verblüfft, dass ihr Buch nur deshalb zum Skandal wurde, weil darin ein Mädchen mit einem Mann schlief, ohne schwanger zu werden und zu heiraten. Sie sah die Ungeheuerlichkeit darin, wie dieses Mädchen aus Egoismus einen anderen Menschen in den Selbstmord trieb.

Trotz der späten Freundschaft mit Sartre wälzte sie nie existenzphilosophische Fragen, sondern lebte ihre Lust an Autonomie und Normbruch literarisch wie biografisch aus. So erschuf sie ein verlockendes Erscheinungsbild Frankreichs, ohne das die gaullistischen trente glorieuses, die drei Jahrzehnte des Aufstiegs zur modernen Industriemacht, wie ein staatssozialistisches Kommandounternehmen gewirkt hätten. Die Sagan wurde zum Exportschlager, erfolgreicher noch als Edith Piaf und Chanel No5. Otto Preminger verfilmte Bonjour Tristesse, Simon & Garfunkel huldigten mit The Sound of Silence, und Chamade gab Cathérine Deneuve eine erste Glanzrolle und Renault einen Namen für ein Erfolgsmodell – der R19 Chamade.

Mit Françoise Sagan wurde die Friedensgeneration geschlechtsreif. In der Befreiungsperiode zwischen Pille und Aids hat sie den französischen Frauen zu einem Selbstvertrauen verholfen, wie es die Feministinnen anderer Ländern nie erreichten. Doch zunehmend rückten Kritiker ihre Arbeiten in die Nähe von Groschenromanen. Schon lange war die kranke und verarmte Autorin aus dem öffentlichen Bewusstsein gefallen. Nun hat ihr Tod im Alter von 69 Jahren in Frankreich große Volkstrauer ausgelöst. Regierung und Académie française erinnerten an Sagans Glücksversprechen einer ewigen Jugend. Manchen fiel dabei erst jetzt auf, dass die lebenshungrige Frau eine tiefe Melancholikerin war, die ihre Bücher stets mit "Avec toutes mes condoléances" – "Mit herzlichem Beileid" signierte.