kommentar Eintrittskarten für die Arztpraxis
Der US-Präsidentschaftswahlkampf geht in die letzte Runde. Noch fünf Wochen bis zur Wahl und die Nation ist gespalten wie selten zuvor. Bei einem Thema sind die Unterschiede zwischen den Kandidaten besonders offensichtlich: den Reformvorschlägen für das Gesundheitssystem
2003 waren 45 Millionen Amerikaner ohne Krankenversicherung. Das sind knapp 16 Prozent der Bevölkerung und 1,4 Millionen mehr als im Jahr zuvor. Die neueste Zahl ist die höchste seit Beginn der Datenaufzeichnung durch die amerikanische Statistikbehörde im Jahr 1987. In George Bushs bisheriger Amtszeit stieg sie um 5,2 Millionen. Mehr als jedes zehnte Kind muss heute in den Vereinigten Staaten auf ausreichenden Krankenversicherungsschutz verzichten, in der Gruppe der Einwanderer aus Südamerika ist jeder Dritte ohne Absicherung und in den Bundesstaaten im Süden sind die Probleme am offensichtlichsten: In Texas war 2003 jeder Vierte nicht versichert.
Grund zur Beunruhigung hat inzwischen auch der Durchschnittsamerikaner. Längst sind nicht mehr nur Einwandererfamilien, Billiglohnbetriebe und Zeitarbeiter betroffen: Die Probleme haben den Mittelstand erreicht. Im Zuge der wirtschaftlichen Krise haben viele zuvor gut verdienende Amerikaner ihren Arbeitsplatz verloren und können sich die extrem hohen Prämien nicht mehr leisten. Eine Versicherungspflicht, wie sie in Deutschland besteht, oder eine gesetzliche Krankenkasse gibt es in den USA nicht. Gesundheit ist für die Gruppe der 19- bis 64-Jährigen entweder Privatsache oder an einen Arbeitsplatz gekoppelt. Zwei Drittel der US-Arbeitnehmer erhalten ihren Krankenversicherungsschutz über den Arbeitgeber und verlieren somit nicht nur den Job, sondern auch die gesicherte Gesundheitsversorgung.
Ein sicherer Arbeitsplatz steht aber noch lange nicht für eine bezahlte Krankenversicherung. Mit den steigenden Preisen für Versicherungsprämien - fast 60 Prozent in den vergangenen drei Jahren und einem durchschnittlichen Preis im Jahr 2003 von knapp 10.000 Dollar für eine Familienpolice - bieten immer weniger Unternehmen ihren Angestellten die Versicherungsoption an. Wer über den Arbeitgeber versichert ist, muss zudem einen stetig wachsenden Teil der Kosten selbst tragen. Zwei Fünftel der Amerikaner haben Probleme, ihre Arztrechnungen zu bezahlen - oft trotz bestehender Versicherung. Die Hälfte der privaten Insolvenzanträge in den USA resultiert zu einem Teil aus ausstehenden Gesundheitskosten. Die Betroffenen verschieben den dringend nötigen Arztbesuch, verzichten auf Medikamente oder die Untersuchung beim Spezialisten. Die Kosten durch verspätete Behandlungen sind enorm.
Sowohl Präsident Bush also auch sein Herausforderer John Kerry sind sich der Probleme bewusst. Beide haben unterschiedlich umfangreiche Reformvorschläge in ihre Wahlprogramme aufgenommen - dies sicher auch angesichts der Tatsache, dass für zwei Drittel der Wähler die Meinung der Kandidaten zum Gesundheitssystem ein wichtiger Faktor bei der Wahlentscheidung ist. Inhaltlich liegen zwischen den beiden Vorschlägen Welten. Wahlbeobachter sehen in diesem Bereich einen der wichtigsten Unterschiede zwischen George Bush und John Kerry. Gesundheitsexperten gehen allerdings davon aus, dass keiner der beiden Pläne die Probleme des US-Gesundheitssystems lösen kann.
George Bush setzt bei seinen Vorschlägen auf die Ausweitung bereits umgesetzter Projekte: Weitere Steuererleichterungen und die Stärkung der seit Anfang des Jahres vorhandenen Gesundheitssparkonten. Darauf kann steuerfrei Geld für Gesundheitsausgaben angespart werden, das später im Krankheitsfall zur Verfügung steht. Weitere Eckpunkte seines Programms sind mögliche Zusammenschlüsse von kleinen und mittleren Unternehmen, um gemeinsam Policen für Mitarbeiter abzuschließen, die Möglichkeit der privaten Krankenversicherung über die Bundesstaatsgrenzen hinaus, die Verringerung der Kosten für Medikamente und die Eröffnung von zusätzlichen Gesundheitszentren im ländlichen Raum. Sämtliche Vorschläge sollen den freien Markt stärken und den einzelnen Versicherten für seine Gesundheit verantwortlich machen. Experten gehen davon aus, dass die Umsetzung über einen Zeitraum von zehn Jahren 130 Milliarden Dollar kosten wird und 6,7 Millionen der heute Nichtversicherten Gesundheitsschutz erhalten.
Herausforderer John Kerry setzt auf den Ausbau des bestehenden Versicherungssystems aus arbeitgeberfinanzierter Versicherung, ergänzt durch staatliche Programme. Bush wirft ihm deshalb die geplante Verstaatlichung des System vor - für viele US-Wähler eine Schreckensvision. Nach dem Scheitern Bill Clintons Anfang der 90er-Jahre, eine universelle Krankenversicherung einzuführen, verzichtet der Demokrat allerdings auf ähnlich umfangreiche Vorschläge. Kerrys Pläne sollen trotzdem 95 Prozent der Amerikaner in das bestehende Versicherungssystem integrieren - darunter alle Kinder. Der Senator aus Massachusetts will die Kosten für Versicherungsprämien für Familien auf 1000 Dollar pro Jahr beschränken und es Unternehmen, Familien und Alleinstehenden ermöglichen, in das Versicherungsprogramm für Kongressabgeordnete einzusteigen. Steuererleichterungen sollen es kleinen Unternehmen ermöglichen, Versicherungen für ihre Angestellten abzuschließen und ältere Amerikaner erhalten die Möglichkeit, vorzeitig in das staatlich finanzierte Versicherungsprogramm für Senioren einzusteigen.
Im bisherigen Wahlkampf sind sowohl die Vorschläge als auch die Debatte über die nötigen Reformen des amerikanischen Gesundheitssystems neben Themen wie nationaler Sicherheit und dem Kampf gegen den internationalen Terror untergegangen. In Umfragen landet das Thema aber immer wieder ganz weit oben auf der Liste der drängenden innenpolitischen Probleme und steht bei den Wählern somit hoch im Kurs. Die in den USA für Wahlentscheidungen ausgesprochen wichtigen Fernsehdebatten bieten beiden Kandidaten die Möglichkeit, sich mit ihren Plänen zu profilieren. Egal wer am Ende gewinnt: An der Umsetzung dringend nötiger Reformen wird kein künftiger Präsident vorbeikommen.
- Datum 30.09.2004 - 14:00 Uhr
- Serie cvd
- Quelle (c) ZEIT.de, 30.09.2004
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