Ausgerechnet der 72-jährige Innenminister Otto Schily will die Privilegien der Älteren im öffentlichen Dienst antasten. Künftig soll das Einkommen eines Beamten weniger von seinen Dienstjahren und seinem Familienstand abhängen als von seinen jeweiligen Aufgaben. Mit leistungs gerechter Vergütung hat das noch nicht viel zu tun, es geht vor allem um aufgaben bezogene Bezahlung. Die Unterschiede in der Entlohnung von Kollegen, die gleiche Arbeiten erledigen, aber verschieden alt sind, werden also nicht verschwinden, aber die Differenz wird etwas kleiner werden.

Bisher hat beispielsweise ein junger Polizist zwei Möglichkeiten, sein Gehalt spürbar zu steigern: Er kann heiraten und Kinder zeugen – oder sich einen neuen, privaten Arbeitgeber suchen. Will er beides nicht, braucht er Geduld. Nur mit den Dienstjahren steigt sein Einkommen – und das automatisch.

Das frustriert nicht nur junge, engagierte Arbeitnehmer. Dieses System macht es auch öffentlichen Arbeitgebern schwer, neben privaten Konkurrenten zu bestehen. Das spüren etwa die Leiter von Pflegeheimen, die jungen Mitarbeitern erklären müssen, warum eine ältere Kollegin, die exakt das Gleiche tut, dafür bis zu dreißig Prozent mehr Geld bekommt. Gerade die Kommunen haben deshalb auf Veränderung gedrängt.

Schaut man nur auf die Nöte des öffentlichen Dienstes, dann hat Schily mit seiner Reform bloß einen kleinen Schnitt getan. Die Verwaltungen bleiben ein Hort bizarrer, wenig effizienter Strukturen, und die Verbesserungen im Dienstrecht wurden mit einem Stillstand in anderen Bereichen erkauft. Die öffentlichen Arbeitgeber werden auch in Zukunft Beamte für Tätigkeiten einsetzen, die genauso gut von Angestellten verrichtet werden könnten, weil es dazu eines besonderen Treueverhältnisses zum Staat nicht bedarf. Es bleibt das alte Problem: Die Pensionszusagen für die Beamten belasten die öffentlichen Haushalte von morgen und übermorgen.

Ebenso wenig wagt Schily es, die Sparprinzipien der jüngsten Rentenreform in voller Härte auf die Beamten zu übertragen. Und auch in Zukunft wird in den Berliner Ministerien die antiquierte Welt der Umlaufmappen fortbestehen, in der Staatssekretäre, Minister, Abteilungsleiter jeweils mit eigener Farbe Vermerke gegenzeichnen und in der wenig Transparenz über Kosten existiert, weil die kameralistische Buchführung dies erschwert. Ein moderner öffentlicher Dienst sieht anders aus. Immerhin kann jetzt ein Abteilungsleiter kaum noch dafür verklagt werden, dass er statt eines 50-Jährigen einen Mittdreißiger befördert.

Blickt man aber über das Beamtentum hinaus, hat Schily einen großen Reformschritt getan: den Abschied vom Senioritätsprinzip. In der alternden Gesellschaft werden Geburts- und Dienstjahre immer seltener als Unterscheidungsmerkmal für die Bezahlung taugen. Der Abschied vom beruflichen Aufstieg allein aufgrund des Lebensalters wird überall kommen – und er wird für alle anstrengend sein: für Alte und für Junge, für Beamte, Angestellte, Arbeiter und vor allem für ihre Chefs.