Er ist heute noch, fünfzig Jahre nach seinem Tod, einer der berühmtesten deutschen Dirigenten, eine Legende, wie man so sagt. Doch Wilhelm Furtwängler war in den dreißiger und vierziger Jahren auch der erfolgreichste, mächtigste und bestverdienende Musiker in Hitlers Reich, und nach wie vor scheiden sich die Geister an ihm und seinem Verhalten in jenen Jahren der Barbarei. Manche halten ihn für einen genialen Musiker, einzig der Kunst verpflichtet. Für andere war er ein skrupelloser Egoist, der sein Genie den Nazis zur Verfügung stellte und sich damit an deren Verbrechen mitschuldig machte. Doch schon als Carl Zuckmayer 1943/44 für den US-Geheimdienst einen Report über deutsche Kulturschaffende verfasste, schwankte er in der Beurteilung Furtwänglers und tat ihn zu den "Sonderfällen, teils positiv, teils negativ – nicht ohne weiteres einzuordnen". Vielleicht können da unbekannte Schweizer Dokumente aufschlussreiche neue Einblicke in das Verhältnis des Jahrhundert-Dirigenten zum NS-Staat gewähren.

Zur Schweiz hatte der 1886 in Berlin geborene Wilhelm Furtwängler zeitlebens enge Beziehungen. In Zürich lebten Verwandte, und hier erhielt er 1906 eine seiner ersten Stellen – als dritter Kapellmeister am Stadttheater. Auch als er später an weitaus bedeutenderen Häusern arbeitete, gab er regelmäßig Konzerte in der Schweiz. Gerade zum Leiter der Berliner Philharmoniker und des Leipziger Gewandhausorchesters aufgestiegen, hatte er sich 1922 zudem ein Ferienhaus in St. Moritz gekauft.

"Er hat uns wieder im Ausland große Dienste getan", notiert Goebbels

Auch im Zweiten Weltkrieg gastierte Furtwängler, der 1939 noch die Leitung der Wiener Philharmoniker übernommen hatte, in der Schweiz – erst im fünften Kriegswinter erregte dies Anstoß. Das sozialdemokratische Volksrecht nannte ihn im Januar 1944 "Musikdirektor des Nazireiches". Nichtsdestotrotz stellten die Behörden ihm im Sommer 1944 ein Visum aus, damit er an den Luzerner Festspielen teilnehmen konnte. Bei seiner Einreise Mitte August wurde der Musiker von seiner zweiten Frau Elisabeth und einem ihrer Söhne aus erster Ehe begleitet. Nach den Festspielen fuhren die Furtwänglers in ihr Ferienhaus im Engadin.

Ende September 1944 sprach der Dirigent in Bern vor, bei der Fremdenpolizei, um für seine im achten Monat schwangere Frau und deren Sohn eine Verlängerung des Visums zu beantragen. Der Beamte notierte in seinem Protokoll, Furtwängler habe erklärt, die Rückkehr seiner Familie sei "unter den heutigen Umständen in Deutschland sehr untunlich". Angesichts der fast täglichen Bombardements deutscher Städte leuchtete dies der Fremdenpolizei ein, sodass Elisabeth Furtwängler und ihr Sohn in der Schweiz bleiben durften.

Aus dem Protokoll geht jedoch auch hervor, dass der Dirigent seine Vorsprache dazu nutzte, sich "über sein Verhältnis zum heutigen Deutschland" zu äußern. Er sei von der Schweizer Presse zu Unrecht als Nazi dargestellt worden. Einzig "seine heutige Lage" habe es ihm "unmöglich" gemacht, "öffentlich zu diesen Angriffen Stellung zu nehmen". Er habe bisher geschwiegen, doch wenigstens gegenüber den Schweizer Behörden wolle er nun "seine Haltung klarlegen". Daraufhin setzte er zu einer detaillierten Beschreibung seiner Einstellung zu Hitler und den Nationalsozialisten seit 1933 an.

Furtwängler wies hin auf seinen Einsatz für die im "Dritten Reich" verbotenen Werke Paul Hindemiths. Diese Haltung hatte ihn 1934 alle seine Ämter und Stellungen gekostet. Seine Entscheidung, dennoch in Deutschland zu bleiben und dort von 1935 an wieder zu arbeiten, begründete er mit seiner ganz apolitischen Haltung sowie der Behauptung, er habe geglaubt, "als Deutscher nicht das Recht" zu haben, "sich außerhalb seiner Volksgemeinschaft zu stellen, auch wenn ihm persönlich das Regime nicht angenehm sei". "Natürlich" habe er "keinen Mendelssohn aufführen können", und zweimal sei es nicht zu "vermeiden" gewesen, "an den offiziellen Geburtstagsfeiern für den Führer die Berliner Philharmoniker zu dirigieren". Dennoch habe er sich von den Nazis niemals für ihre Ziele manipulieren lassen. Und "konsequent" habe er es vermieden, "in besetzten Gebieten zu dirigieren".

Vor allem aber erinnerte er die Schweizer Beamten an "eine große Zahl wertvoller jüdischer Freunde", darunter Max Reinhardt und Bruno Walter; sowohl seine langjährige Sekretärin Berta Geißmar als auch viele seiner besten Musiker seien Juden gewesen. Letztere habe er so lange wie möglich in seinem Orchester behalten…