porträt Emigrant der allerletzten StundeSeite 4/4
Furtwängler sieht sich als Widerstandskämpfer
Wenige Wochen später war der Krieg vorbei und damit auch die angebliche Bedrohung des Dirigenten durch die Nazis. Dennoch machte er keinerlei Anstalten, nach Deutschland zurückzukehren. Durch Eingaben und Vorstöße Schweizer Freunde erreichte Furtwängler, dass er und die Familie in der Klinik am Genfersee bleiben konnten, wo er sich in aller Ruhe auf die Entnazifizierungsprozesse in Berlin und Wien vorbereitete. In Clarens verfasste der von seiner Unschuld vollkommen überzeugte Dirigent eine »Verteidigungsschrift«, die er im September 1945 seiner Bekannten Wanda Specht nach Wien schickte. »Mein Fall«, hält er im Begleitbrief fest, »ist durchaus eindeutig und klar, ich bin innerhalb des gesamten deutschen Musiklebens derjenige, der weitaus am aktivsten und konsequentesten gegen die N. aufgetreten ist. Alles in meinem Exposé mitgeteilte ist natürlich durch Dokumente, Erhebungen usw. jederzeit zu beweisen.«
Ende 1946 wurde Furtwängler in Wien und Berlin »entnazifiziert«, also von allem Naziverdacht freigesprochen, und sein seit Kriegsende bestehendes Arbeitsverbot aufgehoben. »Ich habe Deutschland nicht verlassen, weil ich glaubte, es sei meine Pflicht, den Widerstand im Innern zu ermutigen«, zitierte Agence France Presse den erleichterten Dirigenten. »Ich musste in Deutschland bleiben; es wäre von mir feige gewesen, das deutsche Volk in seiner Not im Stich zu lassen.«
Wohltönende, patriotische Worte. Im März 1947 musste die eidgenössische Fremdenpolizei allerdings mit Erstaunen zur Kenntnis nehmen, dass der prominente Ausländer, statt in seine geliebte Heimat zurückzukehren, in der Schweiz bleiben wollte. Man sei grundsätzlich nicht bereit, »deutschen Künstlern, die […] wie im Falle Furtwänglers Exponenten des Naziregimes waren, die dauernde Niederlassung zu bewilligen«, protestierte die Behörde. Außerdem fand man in Bern, es wäre »jetzt mutiger, in Deutschland das kulturelle Leben wieder aufbauen zu helfen, anstatt sich in einen ruhigen Winkel der Schweiz zurückzuziehen und sich von Schweizer Freunden unterstützen zu lassen«. Da aber der Kanton Waadt das Aufenthaltsbegehren unterstützte und Furtwängler in Deutschland wieder dirigieren durfte, gaben die Bundesbehörden im April 1947 nach.
1953 erhielt Furtwängler vom Kanton Waadt die Niederlassungsbewilligung, »da es sich bei ihm um einen Künstler handelt, der als Dirigent Weltruhm genießt«, wie die Kantonsbehörden stolz festhielten. 1954 erwarb er die Villa Le Basset-Coulon in Clarens, starb aber noch im selben Jahr in einer Klinik bei Baden-Baden. Bestattet liegt er in einem städtischen Ehrengrab auf dem Heidelberger Bergfriedhof, wo auch, seltsamer Zufall, ein anderer Lieblingskünstler Adolf Hitlers seine letzte Ruhe gefunden hat: Albert Speer.
Der Autor ist Historiker und lebt in Zürich. Sein Buch »Die Geborene. Renée Schwarzenbach-Wille und ihre Familie« erscheint dieser Tage im Zürcher Verlag Scheidegger & Spiess; 512 S., 30,– €
- Datum 07.10.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 07.10.2004 Nr.42
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