Der Exodus aus dem Elfenbeinturm ist im Gange. Ökonomen erforschen heute jene irrationalen Motive und Ängste, die sie früher aus ihren Modellen wegdefiniert haben. Und auf ihrem Kongress in München diskutieren die deutschen Soziologen überraschend offen ein hochpolitisches Thema: Ungleichheit in Deutschland - und ob die Regierung sie über das erträgliche Maß hinaustreibt.

Die Gerechtigkeitsdebatte wird realistisch. Und verletzend. Denn der - zumeist soziologische - Reflex, die ungerechte Einkommensverteilung zu beklagen und die Politik zur Umverteilung aufzufordern, ist nicht mehr statthaft. Zwanzig Jahre lang hat sich der Sozialstaat mit aller Kraft gegen die Erosion der Gleichheit gestemmt. Nun müssen die Rufer nach sozialer Gerechtigkeit eingestehen, dass sie das System überfordert und in ihrer Fixierung auf die Einkommen alle anderen Schieflagen übersehen haben. Nichts ist in diesem Land so ungleich verteilt wie Zukunft. Millionen Langzeitarbeitslose beweisen das ebenso wie die Tatsache, dass der Werdegang der Jungen immer abhängiger von ihrer Herkunft wird. Und selbst die Verteilung der Einkommen hat gelitten - wohlgemerkt, bevor die Deutschen den Namen Hartz noch buchstabieren konnten.

Ökonomen haben die Gerechtigkeitsdebatte lange kaum beachtet. Nun lenken ihre Verhaltensforscher den Blick darauf, dass Menschen ihren Wohlstand und ihre Chancen nicht absolut bewerten, sondern im Vergleich zu anderen. Die Bürger können verstehen, dass sich die weltwirtschaftlichen Bedingungen verändern und ihr Existenzrisiko zunimmt. Akzeptieren werden sie das nur, wenn sie nicht mit ansehen müssen, wie einige in der Gesellschaft abräumen, ohne Besonderes zu leisten.

Das hat nichts mit Neid zu tun, aber alles mit Gerechtigkeit - und mit dem Gelingen der Reformen.