Kabul

Zehn Komma vier Millionen – diese Zahl führt heute jeder in Afghanistan im Mund. Politiker, Diplomaten, Generäle, Berater, Investoren, einfach jeder Mensch, der derzeit in Afghanistan arbeitet. 10,4 Millionen von etwa 29 Millionen Afghanen haben sich für die Präsidentenwahlen registrieren lassen. Hätten Sie das gedacht? Sehen Sie, die Afghanen wollen die Demokratie. 10,4 Millionen sind der Beweis. Nicht die Taliban, nicht bin Laden und seine Kumpane stehen vor den Toren Kabuls. Die Demokratie kommt, und zwar machtvollen Schrittes.

Zum Beispiel US-General David Barno, Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Afghanistan. Der schreitet zackig in einen Saal und stellt sich dem Interview, geradlinig, offen, ein bisschen kampfbereit auch. "Gentlemen?!", sagt er, und danach wehrt er alle Fragen ab, die irgendetwas mit dem Militärischen zu tun haben. Der General spricht nur über Politik, "Afghanistan erlebt einen historischen Moment!", und derlei Sätze mehr. Zum Thema Taliban belässt er es bei Vagheiten, ebenso bei den Kriegsherren, derer sich die US-Armee zumindest eine Zeit lang in ihrem Kampf gegen die Taliban bedient hatte. Barno bleibt politisch, das heißt: wenig konkret.

Der General hat sich diese Fähigkeit wahrscheinlich im Laufe seiner Karriere aneignen müssen. David Barno ist nämlich ein erfahrener Demokratie-Exporteur. 1981 beteiligte er sich an der Invasion der karibischen Mini-Insel Grenada, 1989 an der Invasion des unbotmäßigen Vasallenstaates Panama, und 2003 bildete er in Ungarn die Iraqi Freedom Fighters aus, die persönliche Garde des inzwischen im Sumpf der Korruption versunkenen irakischen Politikers Achmed Tschalabi. Die Iraqi Freedom Fighters waren ein Flop, aber es kann eben nicht alles gut gehen.

Auch das Unternehmen demokratisches Afghanistan ist von derart geschichtsumwälzender Natur, dass nicht alles perfekt sein kann. Wer Einwände formuliert, gerät schnell in die Defensive. Wollen sie etwa den Leuten das Wahlrecht verwehren? Glauben Sie etwa, die Afghanen sind nicht reif für die Demokratie? Der US-Botschafter für Afghanistan, Zalmay Khalilsad, bringt die Problematik auf den Punkt: "Afghanistan muss gleichzeitig krabbeln, gehen und laufen lernen. Das müssen Sie verstehen. Alles geschieht gleichzeitig!"

Damit hat Khalilsad Recht. Afghanistan muss wieder aufgerichtet werden, denn nahezu alles ist durch 25 Jahre Krieg zerstört worden. Die Blaupause für den Wiederaufbau des Landes liefert der so genannte Bonner Prozess, der mit der Konferenz auf dem Petersberg im Dezember 2001 in Gang kam. Afghanistan lässt sich als eine Art sich entfaltendes Gesamtkunstwerk internationaler Politik verstehen. Die einzelnen Ausformungen sind nicht so entscheidend, der Prozess muss am Laufen gehalten werden, das ist das Wichtigste. Keine Ermüdung ist erlaubt, sonst fällt Afghanistan zurück in den alles verschlingenden Bürgerkrieg. Zalmay Khalilsad sagt deswegen auch immer wieder: "Wir unterstützen den politischen Prozess. Das ist entscheidend!"

Freie Wahlen mit ungleich verteilten Chancen