Kapstadt

Brennende Hütten, Hungerkinder mit großen traurigen Augen, verzweifelte Flüchtlinge, arabische Milizen, die wie apokalyptische Reiter durch die Halbwüste preschen und morden, vergewaltigen und brandschatzen – wieder einmal füllten Schreckensbilder aus Afrika unser Sommerloch. Im vergangenen Jahr waren es die Kindersoldaten aus Liberia, diesmal die Reiterhorden aus Darfur im Sudan. Jetzt ist es Herbst, man beschäftigt sich wieder mit den wichtigen außenpolitischen Themen, Bush gegen Kerry, Irak, Israel und Palästina. Die Tragödie dort unten am Nil ist vergessen. Aus den Kameraaugen, aus dem Sinn.

Aber die Hungerkinder und die Heimatlosen sind immer noch da. Und die Reitermilizen, die Dschandschawid, gehen weiterhin ungestört dem Geschäft des Tötens nach. Man schätzt, dass im Zuge der "ethnischen Säuberungen" bislang 50000 Menschen umgebracht wurden, 1,2 Millionen sollen auf der Flucht sein. Aber das Regime in der Hauptstadt Khartum und seine Handlanger in Darfur haben von der Weltgemeinde vorerst wenig zu befürchten. Die Vereinten Nationen drohen mit Sanktiönchen, und der Sicherheitsrat hat soeben beschlossen, eine Kommission einzurichten, um zu prüfen, ob in Darfur ein Völkermord geschieht. Die Afrikanische Union (AU) ist da schon weiter.

Sie hat eine Mission entsandt, 120 Militärbeobachter und 270 Soldaten. Bald soll ihnen eine Friedenstruppe folgen, 3500 Mann mindestens. Ein winziges Häuflein in einem riesigen Territorium, mission impossible, unken Kritiker. Dennoch, der erste kleine Schritt ist gemacht. Für die Afrikaner ist es ein riesiger Schritt. Zum ersten Mal sind sie bereit, das seit dem Ende der Kolonialära unantastbare Prinzip der nationalen Souveränität wichtigeren Erwägungen unterzuordnen. Künftig sollen "unter schwerwiegenden Umständen, namentlich bei Kriegsverbrechen, Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit", militärische Interventionen in ihren 53 Mitgliedsstaaten möglich sein. So steht es jedenfalls im Gründungsprotokoll des Peace and Security Council, des ersten Sicherheitsrates, den sich ein Erdteil verordnet hat. Ein Genozid wie in Ruanda soll sich nie mehr wiederholen; dort starben vor zehn Jahren 800000 Menschen, die Afrikaner sahen genauso untätig zu wie der Rest der Welt. "Wir ersetzen das Prinzip der Nichteinmischung durch das Prinzip der Nichtgleichgültigkeit", sagt Said Djinni, der AU-Kommissar für Frieden und Sicherheit.

Aber die neuen Initiativen und Institutionen kosten Geld, viel Geld, und daran fehlt es den meisten Staaten im Süden der Sahara. Deshalb hoffen die Afrikaner auf Beistand aus dem Norden. Vor allem das reiche Europa soll im wohlverstandenen Eigeninteresse beim Aufbau eines Frühwarnsystems und einer Schnellen Einsatztruppe helfen, um kriegerische Konflikte zu verhindern oder einzudämmen. Bis zum Jahr 2010 ist eine schlagkräftige stehende Truppe geplant, 15000 Mann, verteilt auf fünf Brigaden, angeführt von den Regionalmächten Südafrika, Nigeria, Kenia und Ägypten. Doch der kontinentalen Feuerwehr fehlen neben den finanziellen auch die logistischen und personellen Ressourcen. Wer würde sie schon ernst nehmen, wenn sie in Darfur aufmarschierte wie jene sambischen Friedensstifter in Sierra Leone, die weder Gewehre noch Stiefel dabeihatten und von den Rebellen gleich als Geiseln genommen wurden?

Immerhin hat Brüssel einen Zuschuss von 250 Millionen Euro für künftige Friedenmissionen zugesagt. Das ist nicht besonders üppig, wenn man bedenkt, dass die laufende Operation in Burundi allein schon 123 Millionen Euro pro Jahr verschlingt. Aber vielleicht ist das ja mit der neuen Maxime gemeint: Afrikanische Lösungen für afrikanische Probleme – helft euch selbst, wir geben ein paar Almosen dazu.

Europa beschäftigt sich nur dann mit Afrika, wenn die Macht der Bilder zu groß wird. Wenn etwa ein Boot mit entkräfteten Flüchtlingen besonders medienwirksam an Italiens Küste strandet – eines von Tausenden. Dann kommen wehrhafte Innenminister wie Otto Schily auf die erzdeutsche Idee, sich das Dauerproblem Afrika durch "Auffanglager" im Maghreb vom Halse zu halten.