Man müsse einen Prozess vom Ende her denken, lautet eines von Angela Merkels strategischen Erfolgsrezepten. Bisher ist sie damit ziemlich weit gekommen. Umso verwunderlicher, wie sie sich nun in eine Lage manövriert hat, in der ihr Erfolg ganz vom Wohlwollen ihrer innerparteilichen Gegner abhängt.

Dabei tritt die CDU-Vorsitzende noch immer so auf, als stünde der Ausgang der schwierigen Reformverhandlung mit der CSU allein in ihrer Macht. Sie definiert die Bedingungen für eine vernünftige Gesundheitsreform, und sie ist es, die den Zeitplan für eine Einigung vorgibt, die in Wahrheit nichts anderes bedeuten soll als das Einschwenken der CSU auf die Vorstellungen der CDU. Dabei wäre es schon merkwürdig, wenn Edmund Stoiber in einer zentralen Reformfrage freiwillig auf sein Mitspracherecht verzichten würde. Doch so, wie Angela Merkel ihre Linie zum Nonplusultra erklärt hat, gerät nun jeder Kompromiss zur Niederlage.

Ohnehin ist die Position der Vorsitzenden derzeit alles andere als komfortabel. Denn obwohl die Union als Sieger aus den 14 Wahlen dieses Jahres hervorgegangen ist, geht sie verunsichert, ja angeschlagen in die zweite Halbzeit der Legislaturperiode. Die Klärung der inhaltlichen wie machtpolitischen Streitpunkte zwischen den Schwesterparteien misslingt. Der Kanzler hingegen scheint noch einmal in der Rolle eines präsidialen Reformers mit Augenmaß reüssieren zu können. Alle Proteste des Sommers haben die Akzeptanz der Reformen, gegen die sie gerichtet waren, eher befördert. Doch ist das Land von Reformeuphorie nach wie vor weit entfernt. Viel eher scheinen Regierung und Öffentlichkeit zu meinen, dass man sich nach den anstrengenden Monaten nun eine Reformpause verdient habe. Vor weiteren unkalkulierbaren Einschnitten will man erst einmal die Effekte der bisherigen Bemühungen abwarten. Das entspricht zwar nicht der Lage des Landes. Und doch könnte aus dieser Genügsamkeit bei entsprechender konjunktureller Unterstützung noch einmal eine rot-grüne Machtperspektive entspringen.

Dagegen hat sich Angela Merkel für den konträren Ansatz entschieden. Sie will weder die schwankende Stimmung im Land noch die aktuelle Kondition der politischen Akteure als Maßstab künftiger Politik gelten lassen. Die Krise des Landes ist nicht überwunden, das Reformfeld gerade erst eröffnet. Bei Gesundheit, Rente und Pflege haben die wirklichen Veränderungen nicht einmal begonnen. Darauf besteht die CDU-Vorsitzende. Das, so ihre Überzeugung, ist nicht nur verantwortungsethisch geboten, es wird, auf mittlere Sicht gesehen, auch der Union und ihr selbst nutzen.

An diesem Punkt tritt die CSU auf den Plan, der Merkels rigider Reformidealismus auf die Nerven geht. Politik ist komplizierter, meinen die Bayern, ein Spiel mit vielen Bällen: Mit einer gewissen Beweglichkeit lassen sich Wahlen eher gewinnen als mit protestantischer Prinzipienfestigkeit. Geht es nach Stoiber, bleibt die Union flexibel, postiert sich mal rechts mal links von der Koalition, agiert mal prinzipienstark, mal populistisch. Nur dem Credo der Radikalreformerin an der CDU-Spitze soll sie sich nicht verschreiben. Dass ihr das schaden wird, nimmt man in München gern in Kauf.

Mangelnde Kommunikation, schwindender Rückhalt in den eigenen Reihen und handwerklicher Dilettantismus, so lauten die Vorwürfe von Angela Merkel an die Adresse des Reformkanzlers. Selbst jedoch hat sie es versäumt, auf diesen Feldern eigene Überlegenheit wenigstens anzudeuten. Weder hat sie die Radikalität ihres Ansatzes überzeugend begründet, noch hat sie ein seriöses Konzept vorgelegt. Auch das, nicht nur die Missgunst ihrer Gegner, hat ihre Position untergraben.

Angela Merkel hat sich mit ihrer Reformoffensive vor einem Jahr ziemlich einsam an die Spitze der Union gestellt. Und sie ist einsam geblieben.