Der Ausgang der Wahlen entscheidet sich weitab vom Glanz und Flitter New Yorks und der Bürokratie Washingtons, der die meisten Amerika ohnehin zutiefst misstrauen. Politiker gehen auf Wahlkampftour durch das amerikanische Hinterland, und weil Schmeichelei die einfachste Form der Verführung ist, dürfen wir wohl noch mehr Reden wie diese erwarten, die vor den Bewohnern einer kleinen Stadt in North Carolina gehalten wurde: "In dieser Stadt hatten die Leute stets ein breites Lächeln und große Herzen, hier war man für einander da, ging sonntags zur Kirche, und danach kam die Familie auf Besuch. Vor allem der Freitag und der Highschool-Football, Dinge, die uns prägen, lagen den Menschen am Herzen – und natürlich Gott, Familie, Fahne und Nation. Und genau diesen Werten wollen John und ich in der Führung dieses Landes wieder einen Ort geben."

Nur der letzte Satz wird die Leser überraschen. Denn die Rede wurde nicht von Republikanern gehalten, die ihre Truppen ordnen, sondern von John Kerry bei einem Auftritt in John Edwards Heimatstadt. Beide wissen genau, dass die Fundamentalisten bei der letzen Wahl das Zünglein an der Waage waren. Dank ihrer Stimmen zog Bush junior bis auf knapp eine halbe Million mit Al Gore gleich. Verschiedene Umfragen führen zu verschiedenen Ergebnissen, aber bis zu 53 Prozent (nach einer Umfrage der Zeitschrift Time) aller amerikanischen Erwachsenen bezeichnen sich selbst als "Fundamentalisten", die auf die bevorstehende Wiederkehr Jesu und die im Neuen Testament beschriebenen apokalyptischen Umwälzungen warten.

89 Prozent aller Amerikaner sagen, sie glaubten an den Himmel, 72 Prozent glauben an den Teufel und die Hölle – obwohl nur vier Prozent darin ihren künftigen Aufenthaltsort sehen. Sogar diejenigen, die von eher konservativen Schätzungen ausgehen, wissen, dass die politische Macht der Fundamentalisten weitaus größer als ihre Zahl ist. Hunderte Millionen von Dollar haben es ihren Denkfabriken ermöglicht, langfristige Strategien zu entwerfen: Sie bilden junge Journalisten und Arbeiter für die Basis aus, sorgen dafür, dass ihre Autoren in prominenten Talkshows auftreten, und betreiben Lobbyarbeit im Kongress. Donald Hodel, der unter Ronald Reagan sowohl Minister für Energie als auch Innenminister war, schrieb kürzlich: "Es ist eine Tatsache, dass es ohne die harte Arbeit und die Stimmen von Millionen Christen, die nicht schweigen wollten, keine republikanische Mehrheit in beiden Häusern des US-Kongresses gäbe, keine Präsidentschaft Bushs, nur wenig republikanische Gouverneure und bloß eine Hand voll Landtagsgebäude in republikanischer Hand." Die Linke mag zwar die Weltanschauung der Fundamentalisten für simpel halten, aber sie muss erst noch eine politische Organisation aufbauen, die sich mit der fundamentalistischen an Raffinesse und Größe messen kann.

So soll es sein: George W. Bush, von der Trunksucht zum Glauben bekehrt

Was für eine Politik wollen die Fundamentalisten? Ganz oben auf der Agenda stehen die innenpolitischen Fragen, die in der Rhetorik unter family values laufen. Mit dem, was man in Europa unter Familienpolitik versteht, hat das gar nichts zu tun: Den Fundamentalisten geht es nicht um Beihilfe für kinderreiche Familien oder um die Vereinbarkeit von Arbeit und Kindererziehung. Im Gegenteil, sie verhinderten, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter durch einen Zusatz in die Verfassung aufgenommen wurde, und sorgten dafür, dass die USA zu den wenigen Ländern gehörten, welche die Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination Against Women nicht ratifizierten.

Die Fundamentalisten wollen Abtreibung, Homosexuellenehe und Pornografie verbieten. Auf lokaler Ebene gelingt es ihnen oft, Schulbücher umzuschreiben, in denen dann die Evolution nur als eine Theorie unter anderen bezeichnet wird, und dass auf den "Kreationismus", die biblische Schöpfungsgeschichte, gleich viel Unterrichtsstunden fallen. Nicht annähernd so zahlreich, aber dennoch einflussreich sind die "Reconstructionists", die an die Stelle des weltlichen das biblische Recht setzen möchten. Für die Radikalen unter ihnen müssten Homosexualität, Ehebruch und Blasphemie mit dem Tod durch Steinigen bestraft werden, kleinere Vergehen mit Sklaverei. Die Chancen, dass sich etwa in Georgia eine christliche Version der Schariah durchsetzt, sind gleichwohl null. Dennoch, so William Martin, Professor für Religionswissenschaften an der Universität Texas, unterhalten gemäßigte Fundamentale viele Beziehungen zu den Radikalen, "als würden sie das im Grunde wollen, aber erkennen, dass es politisch nicht opportun, ja schädlich wäre".

Der Einfluss der christlichen Rechten auf die Außenpolitik ist noch beunruhigender. Unter Reagan drangen die Fundamentalisten auf Unterstützung für das südafrikanische Apartheidsregime und für rechte Diktaturen in Mittelamerika, blieben ansonsten aber eher wirkungslos. Heute sind sie die treibende Kraft hinter der ablehnenden Haltung gegenüber internationalen Verträgen wie dem Kyoto-Protokoll und, was am schwersten wiegt, hinter der amerikanischen Nahostpolitik.

Der politische Einfluss der Fundamentalen verzeichnete Hochs und Tiefs, seit der Wahl George W. Bushs aber ist er im Steigen begriffen. Dass Bush bei den Vorwahlen über den gemäßigten Republikaner John McCain siegte, hatte er geballter Lobbyarbeit der christlichen Rechten zu verdanken, die im jüngeren Bush, anders als in seinem Vater – einem aufrechten Anglikaner – einen der Ihren erkannte. Welchen Kandidaten sie im Präsidentschaftswahlkampf unterstützen, entscheiden Fundamentalisten danach, wie die Antwort auf Fragen ausfällt wie: "Was würden Sie dem Herrn sagen, damit er Sie in den Himmel lässt?" Der ältere Bush verscherzte es sich mit ihnen, weil er eine falsche Antwort gab: "Ich war ein guter Mensch und habe mein Bestes getan."