argument Die Klimaschützer freuen sich zu frühSeite 2/2
Nicht nur nach Lesart von Bundesumweltminis-ter Jürgen Trittin führt dieser Handel mit »heißer Luft« sogar zu mehr Emissionen. Wäre also die Ratifikation des Protokolls durch Russland wirklich ein »Anlass zur Freude«, wie Trittin die Nachricht aus Moskau kommentierte?
Allenfalls im Prinzip. Immerhin hätte die Menschheit damit freiwillig beschlossen, den Ausstoß von Treibhausgasen verbindlich zu deckeln. Doch gilt der Deckel nur für drei Dutzend Industrienationen und bremst dort allenfalls das Wachstum der Emissionen.
Um die Erderwärmung in erträglichen Grenzen zu halten, ist dagegen nach Auffassung der meisten Klimaforscher bis 2050 eine Minderung der globalen CO2-Emissionen um mindestens 30 Prozent erforderlich, in den Industrieländern sogar um 80 Prozent. Das gelingt nur, wenn die Energieeffizienz weltweit enorm gesteigert wird und letztlich Kohle, Öl und Gas durch Sonnenenergie ersetzt werden.
Der hohe und vermutlich weiter steigende Ölpreis stachelt Verbraucher und Unternehmer zwar an, Energie intelligenter zu nutzen und auf diese Weise nebenbei auch die CO2-Emissionen zu senken. Beim Klimaschutz aber allein auf den Markt zu setzen wäre ein Vabanquespiel. Ist Russlands Ratifikation erst einmal in Kraft, muss das Klimaschutzregime deshalb schleunigst verschärft werden.
Insbesondere gilt es, das rasante Emissionswachstum in China und Indien zu begrenzen. Zwar haben die Entwicklungsländer zur Anreicherung von Treibhausgasen in der Erdatmosphäre bisher nur wenig beigetragen; es ist deshalb gerecht, dass Kyoto-1 zunächst nur den alten Industrienationen Reduktionspflichten auferlegt. Kyoto-2 muss aber auch die armen Länder in die Pflicht nehmen, ohne ihre Entwicklungschancen zu schmälern.
Möglich wäre das, wenn sich die internationale Gemeinschaft zu einer Selbstverständlichkeit durchränge: jedem Menschen das gleiche Recht zuzugestehen, CO2 in die Atmosphäre zu blasen – und zwar insgesamt nicht mehr, als das Klimasystem verkraftet. Könnten diese Rechte international gehandelt werden, würden die Emissionen automatisch dort reduziert, wo es die geringsten Kosten verursacht. Das wäre nicht nur einfach und gerecht. Sondern auch ökonomisch.
- Datum 07.10.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 07.10.2004 Nr.42
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