Es war John F. Kennedy, der den Anstoß gab. 1961, als die Arbeitslosigkeit in Europa und Japan gering und in Amerika beunruhigend hoch war, forderte der amerikanische Präsident eine Überholung der Arbeitsmarktstatistiken. Nicht zum Pfuschen, sondern um die Wahrheit zu ergründen. Es sei von "vitaler Bedeutung", Arbeitslosigkeit erst einmal international vergleichbar zu erfassen. Nur so könne man sinnvolle politische Schlussfolgerungen ziehen.

Inzwischen arbeiten das amerikanische Bureau of Labor Statistics (BLS), die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD), die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) und das statistische Amt der Europäischen Union (EuroStat) allesamt mit Arbeitsmarktzahlen, die ähnlich definiert sind, ähnlich gemessen oder in ähnlichen Umfragen ermittelt werden. Nur die Umstände haben sich geändert. Folgt man zum Beispiel den "international vergleichbaren" Zahlen der OECD, dann ist die amerikanische Arbeitslosigkeit im Sommer auf 5,4 Prozent geschrumpft – während sie im Durchschnitt der europäischen OECD-Länder bei 8,9 Prozent liegt und in Deutschland gar bei 9,9 Prozent.

Doch obwohl sich die Statistiker heute einig sind, lassen sich Arbeitslosenzahlen international immer noch schwer vergleichen. "Sie können den Leuten überall die gleiche Frage stellen: Sind Sie arbeitslos?", sagt David Howell, ein Arbeitsmarktexperte an der New Yorker New School University. "Doch was die Befragten unter arbeitslos verstehen, kann sehr unterschiedlich sein." In Deutschland wie in Amerika ist es der Eintrag in die Arbeitslosenregister; in Spanien fühlt sich manch junger Mann "arbeitslos", der zu Hause bei den Eltern wohnt und mit unregistrierten Gelegenheitsjobs einen beachtlichen Lebensstandard finanziert. In Mexiko ist mancher "beschäftigt", wenn er vergangene Woche einen Tagelohn kassieren konnte.

Ökonomen zerbrechen sich darüber meist nicht den Kopf: Für alltägliche Fragestellungen ist die Vergleichbarkeit der absoluten Zahlen weniger wichtig als das Erkennen von Trends. Wenn in Italien die Arbeitslosenziffern sinken und in Deutschland auch, geht es der Wirtschaft in beiden Ländern besser. Der internationale Vergleich wird erst wichtig, wenn es um politisch geladene Fragen geht. Vor allem diese: Hat sich der amerikanische Arbeitsmarkt wirklich als so viel leistungsfähiger erwiesen als der europäische?

Wenige Arbeitsökonomen glauben, dass allein die Arbeitslosenquote darüber verlässliche Aussagen zulässt. Schließlich funktioniert ein Arbeitsmarkt erst dann gut, wenn er den Unternehmen effizient Arbeitskräfte zuführt – und zugleich die größtmögliche Wohlfahrt der Arbeitskräfte garantiert. Wie ist vor diesem Hintergrund der britische Arbeitsmarkt der neunziger Jahre zu beurteilen, in dem die Arbeitslosenzahlen sanken, sich aber zugleich eine Masse frustrierter männlicher Arbeiter ganz aus dem Markt zurückzog? Wie steht es um den amerikanischen Arbeitsmarkt, dessen Statistiken zu konjunkturellen Spitzenzeiten nahezu Vollbeschäftigung ausweisen, auf dem aber ein beachtlicher Teil der Beschäftigten unfreiwillig im Niedriglohnsektor feststeckt und mit seinen Einkommen allein keine Familie ernähren kann?

Statistiker beim BLS und bei EuroStat haben daher zusätzliche Indizes konstruiert, die verschiedene Arten unfreiwilliger Nicht- oder Unterbeschäftigung einbeziehen. Andere Forscher warten mit Kennziffern auf, die das Aufkommen von Billigjobs in einer Volkswirtschaft negativ werten, wenn es um die Qualifizierung der "Leistungsfähigkeit" eines Arbeitsmarktes geht. Je nach Zuschnitt liegen die USA mal unter Europa, mal darüber, und man merkt es schon: Objektiv können solche Modelle nie sein. Notgedrungen gehen schon in ihre Konstruktion Werturteile und politische Ansichten ein.

Das gilt für die Erhebung und Auslegung fast aller Wirtschaftsdaten. Betrachtet man das Wirtschaftswachstum dies- und jenseits des Atlantiks, ist der Eindruck auf den ersten Blick eigentlich klar: Die OECD, stets bedacht auf die internationale Vergleichbarkeit ihrer Kennzahlen, rechnet das amerikanische Wirtschaftswachstum für das laufende Jahr auf 4,7 Prozent hoch und das in Euroland auf schlappe 1,6 Prozent. In Deutschland sind es sogar nur 1,1 Prozent. Korrekturen können da immer noch kommen, aber der ausgewiesene Trend ist klar: Über die vergangenen zehn Jahre ist das amerikanische Bruttoinlandsprodukt im Schnitt stets schneller gewachsen als das in Euroland.