Auf der Wand des New Yorker Mietstudios standen lauter Fotografennamen mit Filzstift geschrieben. Ein Who’s who der internationalen Fotografenprominenz. Nein, sagte das Mädchen ins Telefon, Studio eins, zwei und drei seien die ganze Woche gebucht, sie hätten ein Shooting mit Avedon.

Avedon. Sie sprach den Namen aus wie eine Kellnerin an der Westküste eine französische Vorspeise. Selbst in seiner Heimatstadt New York hatte man sich nie an den exzentrischen Fotografen gewöhnt, der für eine Fotosession gleich drei riesige Studios buchte, um ganz sicher zu gehen, dass alles, was ablenkte, draußen blieb. In den Hallen vor dem eigentlichen Studio parkten Kleiderständer, endlose Tische mit Requisiten sowie ein Catering, das ein paar Straßen weiter Bandenkriege ausgelöst hätte. Dazwischen standen die Auftraggeber der Session, rauchten für New Yorker Verhältnisse skandalöse Mengen Zigaretten und versuchten sich bei Latte Macchiato selbst davon zu überzeugen, dass es richtig war, von der eigenen Session ausgesperrt zu sein.

Den Set hielt er sauber wie seine Fotos. Als hätte ein unbedachtes Wort die Begegnung zerstören können. Hinter der letzten Studiotür wäre für die Wartenden Folgendes zu sehen gewesen: der übliche Papierrollenhintergrund, die üblichen Blitzaggregate, ein sündhaft teures Modell in gewöhnungsbedürftigem Styling und davor die riesige, gierige Plattenkamera mit den drei Assistenten. Und erst am Fuße dieser Kamera, spannungsvoll auf einer Apple-Box sitzend, der Meister, den Drahtauslöser in der Hand, wie er mit metallischer Stimme immer größere Intensität vom Modell verlangte.

Der Champion war zurückgekehrt zu dem, was er zeitlebens zum Seinigen gemacht hatte. In den glamourösen Zeiten der Modefotografie hatte er die Fotografie hinausgetragen in die damals fast verbotene Wirklichkeit der Straße oder in aufwändige filmsetartige Szenerien. Nun war er heimgekehrt ins Studio, vor die weiße Wand, als hätte er beweisen wollen, dass man den production value auf einem Foto nicht sehen, sondern nur ahnen darf.

Wenn Sie ein Foto vor einem weißen Hintergrund machen, sagte er, und Sie machen alles genau wie ich, dann kommt dabei ein Passfoto heraus. Wenn ich es mache, ist es ein Avedon.

Warum?, fragte ich. Weil ich etwas in Menschen berühre und sie etwas in mir berühren, und dieser Moment ist das Bild, sagte Avedon.

Der Ursprung des legendären weißen Hintergrunds ist schnell erzählt – in seiner Militärzeit musste Avedon Tausende Passfotos von Rekruten machen. Kritiker hatten sich darüber mokiert, dass er seine weißen Hintergründe sogar auf Kriegsschauplätzen aufgebaut hat. In seinem Buch über den amerikanischen Westen, für ihn Befreiungsschlag von der Modefotografie, musste er die weiße Leinwand an Scheunentüren und Wäscheleinen festmachen, um die Porträts einfacher Leute buchstäblich auf die Platten zu bannen. Avedon reiste mit kleinem Team in Landesteile, wo die Straßen nur noch feine Linien auf die Landkarten schreiben, und fotografierte Menschen wie Dinge. Am Ende sahen die Bilder selbst aus wie Straßenkarten des jeweiligen Lebens, unfasslich detailliert, fast sachlich, wäre da nicht der Moment des intensiven Blickkontakts mit der Kamera, mit Avedon selbst.

Self Portrait heißt das Buch, das sein Lebenswerk in die Bereiche gliedert, die ihm wichtig waren: das Porträt, die Inszenierung, die Wirklichkeit. Sein Leben lang hat er diese drei Aspekte gemischt: von den frühen Modeproduktionen für Harper’s Bazaar und Vogue, die ihn selbst zu einem Star machten, bis zu den unzähligen Porträts der vielen Berühmtheiten und Unbekannten und dazwischen immer wieder Reportageversuche über den Tod, den Wahnsinn. Bei keinem Fotografen klaffte eine solch große Lücke zwischen dem, was er für sich als Kommerz, und dem, was er für sich als seine Kunst definierte.