DIE ZEIT: Kinder ausländischer Eltern schneiden in unseren Schulen meist miserabel ab. Das haben die Pisa-Studie gezeigt, ebenso Statistiken über Bildungsabschlüsse. Besonders gilt das für Jugendliche türkischer Herkunft. Was glauben Sie, woran liegt das?

Bilge Buz: Dieses schlechte Abschneiden ist eine Sache, die auf Gegenseitigkeit beruht. Viele türkische Leute, die ich in Berlin kenne, machen sehr viele Fehler, die bilden ihre eigenen Gruppen, schotten sich ab. Auf der anderen Seite werden doch aber auch ausländische Schüler an manchen Schulen von den Lehrern ausgegrenzt. Immer wenn in der Schule was falsch läuft, geben die Lehrer die Schuld den Eltern. Vor allem in der Grundschule ist das so. Ich habe einen Nachhilfeschüler, einen Türken, ein intelligenter Junge. Der hat von seinem Lehrer nur Schulempfehlungen bekommen für Schulen, die weiter weg sind von seinem Zuhause. Schulen, an denen es fast nur Türken gibt.

Timur Husein: Ja, das hat mehrere Ursachen, meist stammen die Kinder aus bildungsfernen Schichten. Deren Eltern sind keine Akademiker, hatten keine große Schulausbildung. Ein anderes Problem ist tatsächlich eine Art Ghettobildung. Ich komme aus Kreuzberg, da gibt es Schulen mit einem Ausländeranteil von über 90Prozent. Und wenn das dann nur Türken sind, dann wird unter den Schülern eben auch türkisch gesprochen. Ich werde mein Kind einmal nicht in eine Grundschule stecken, in der 90 Prozent Türken sind. Es gibt Familien, die schauen nur türkisches Fernsehen, sie haben türkische Ärzte, sie haben türkische Anwälte. Sie wollen und sie müssen sich nicht integrieren. Ich persönlich habe von deutscher Seite aus nie Ausgrenzung erlebt. Ich glaube auch, dass es in der Eigenverantwortung von jedem selber liegt, was er aus sich macht.

Hülya Ates: Der erste Schritt muss schon immer von den Ausländern kommen. Wenn ich nicht auf die Leute zugegangen wäre, hätte auch mit mir keiner gesprochen. Ich hatte an der Schule sowohl deutsche als auch türkische Freunde. Manche Ausländer haben aber auch trotzig und ungeduldig reagiert, gesagt, die wollen uns doch nicht aufnehmen, dann machen wir unser Ding, und haben sich abgekapselt.

ZEIT: Sie haben eine glatte Schulkarriere hingelegt, studieren jetzt oder fangen demnächst damit an – was ist bei Ihnen anders gelaufen?

Buz: Bei mir haben die Eltern eine entscheidende Rolle gespielt. Mein Vater hatte in Stuttgart Bauingenieurwesen studiert, und auch meine Mutter konnte schon gut Deutsch, als wir nach Berlin kamen. Ich habe zum Beispiel mit meinem Papa noch in der 11. und 12. Klasse zusammen Physik gelernt. Ohne seine Hilfe wäre die eine oder andere Klausur sicher schlechter ausgefallen. Und ich hatte immer sehr viel Glück mit meinen Lehrern. Zu meiner Grundschullehrerin habe ich immer noch Kontakt, sie hat uns zu Hause besucht, hat die Eltern zu sich geholt und sie immer über die Lage ihrer Kinder informiert. Manchmal haben wir im Unterricht nur über unsere Ziele geredet. Sie hat uns immer gesagt, wie wichtig es ist, Ziele zu haben.

Ates: Aber leider machen das zu wenige Lehrer. Und wenn die Eltern, wie bei Bilge, diese Bildung haben, ist das natürlich schön, meine Eltern haben sie nicht. Mein Vater war Gastarbeiter im Bergbau, spricht nur gebrochen deutsch, und meine Mutter versteht es nur, spricht es aber nicht. Ich selbst spreche fließend deutsch. Es kommt also auch auf die Person, auf das Kind selber an.