Die Kleidung ist einfach, graue Strickweste über kariertem Hemd, aber der Auftritt zeugt von Selbstsicherheit. "Die Partei erlaubt es, nur in zwei von zehn Sätzen die Wahrheit zu sagen. Ich sage sie in allen zehn Sätzen." So präsentiert sich der 68-jährige KP-Veteran Wu Zhaoren in seiner Heimatstadt Hefei, der Hauptstadt der südostchinesischen Bauernprovinz Anhui.

Klare Worte. Das ist Wus Art. Sie hat den ehemaligen Vizedirektor des Landwirtschaftsamts von Anhui zum Berater von Premierminister Wen Jiabao in Peking und zu einem der einflussreichsten Landreformer Chinas gemacht. Achtmal haben Wu und Wen gemeinsam die Provinz Anhui bereist. Achtmal besichtigten sie das Elend der Bauern in einer der ärmsten Provinzen Chinas. Wus Botschaft an seinen Begleiter aber ist immer die Gleiche geblieben: "Die Bauern können nicht für immer schweigen."

Wie ein Donnergrollen hallen die Worte des alten Kommunisten durch die große Lobby des Dongyi-Hotels in Hefei. Viele Gäste bleiben stehen. Wu spricht mit einer Lautstärke, die nicht zur Plüsch-Atmosphäre des Hotels passt: "Marktreformen und Wanderarbeit haben das Bewusstsein der Bauern verändert. Sie sind sich ihrer Rechtlosigkeit zunehmend bewusst, ihr Hass auf die Reichen wächst. Deshalb kommt die Partei um die Bauernfrage nicht länger herum", dröhnt Wu.

Dass Wu heute so auftrumpfen kann , hat einen guten Grund. Seit vor zwei Jahren in Peking die Parteispitze wechselte und Wus Freund Wen Jiabao erst zur Nummer drei der Partei, dann zum Regierungschef aufstieg, hat die Landwirtschaft ihre zentrale Rolle in der chinesischen Politik zurückerobert. Kein wichtiges Parteidokument mehr, dass die Bauern nicht voranstellt, keine Regierungserklärung, in der der Kampf gegen die Armut auf dem Land nicht Priorität hat. Schon hat Wen zwei bahnbrechende politische Änderungen vorangetrieben: Die schrittweise Abschaffung der jahrtausendealten Bauernsteuern an die Zentralregierung und die direkte Subventionierung der einzelnen Landwirte durch Peking. Genau dafür hatte Wu immer plädiert.

In der Provinz Anhui, die aufgrund ihrer hohen Bevölkerungsdichte und typischen Bodenbeschaffenheit seit Kaisergedenken als Testfeld für Chinas Landwirtschaftspolitik dient, zeigen die Änderungen inzwischen Wirkung. Jahrelang warteten die Bauern hier umsonst auf Hilfe von oben. Stattdessen stiegen ihre Abgaben von Ernte zu Ernte. Anders in diesem Jahr: "Früher zahlten wir jährlich 140 Yuan (umgerechnet 14 Euro) Landwirtschaftssteuer pro Person, diesmal waren es nur noch 40 Yuan (4 Euro)", berichtet der Reisbauer Wang Benyun aus dem Dorf Wudahai am Chaohu-See in Anhui. Zudem wurden dem Bauern von der Bank 1,5 Euro Düngersubvention pro Feldeinheit ausgezahlt.

Besuche in mehreren, auch entlegenen Kreisen Anhuis bestätigen die positive Erfahrung von Bauer Wang. Da der Bargeldanteil des jährlichen Einkommens eines Bauern in Anhui bei durchschnittlich 180 Euro liegt, sind die Beträge erheblich. Hinzu kommt, dass die Getreidepreise seit August 2003 um 30 Prozent gestiegen sind, für die Bauern ein Glücksfall und auch das ein Ergebnis der neuen Pekinger Landwirtschaftspolitik. "Verkauft dem, der am meisten bietet", forderte Premier Wen die Landwirte auf, statt wie alle seine Vorgänger Festpreise zu garantieren, die den Produzenten nicht weiterhalfen. "Von Wohlstand keine Rede, doch es geht uns besser als vor einem Jahr. Wir spüren die neue Politik", sagt Wang.

Das ist die größte Überraschung: Die Chinesen sind an politische Maßnahmen gewöhnt, die sich im Sand eines korrupten Partei- und Staatsapparats verlaufen. Jetzt wird den Bauern Hilfe versprochen, und sie kommt tatsächlich an. Grund dafür ist die von Reformern wie Wu in Peking vermittelte Erkenntnis, dass den Bauern nur hilft, was sich direkt in ihren Geldbörsen auszahlt. Inzwischen sieht Wu echten Fortschritt: "Das Jahr 2004 markiert die erste grundlegende Wende der chinesischen Bauernpolitik seit der Auflösung der Kommunen vor über 20 Jahren."

Der Kurswechsel kommt spät. 800 Millionen Chinesen, über sechzig Prozent der Bevölkerung, leben auf dem Land. Fast jeder siebte Mensch auf der Welt ist ein chinesischer Bauer. Doch ihre Masse hat den Bauern nie genützt. Gerade weil Mao Tse-tung schon mit seinem ersten großen Essay aus dem Jahr 1927 den "Ernst der Bauernfrage" ins Zentrum seiner Revolutionstheorie gestellt hatte, waren es die Bauern, die später unter seiner Politik am meisten litten. So endete Maos Versuch der Zwangsindustrialisierung der Bauern, der "Große Sprung nach vorn" (1958 bis 1961), in einer Hungerkatastrophe mit schätzungsweise 30 Millionen Opfern. Anders als die Kulturrevolution, der mehrheitlich Intellektuelle zum Opfer fielen, wurde der "Große Sprung nach vorn" in China gesellschaftlich nie aufgearbeitet – die Bauern sollten dumm bleiben. Bis heute gilt: Da auch die postmaoistische Volksrepublik noch das Attribut Bauernstaat für sich reklamiert, muss die Not ihrer Landbewohner verschwiegen werden (siehe Kasten).