Beringers Passion
Der Windsbacher Knabenchor ist zu Weltruhm und Ehre gelangt – durch Höchstleistungen, zu denen ihn der Dirigent Karl-Friedrich Beringer mit großer Härte antreibt. Wie weit darf er dabei gehen? Ein Konflikt zwischen Künstler und Eltern
Man muss mit der Musik anfangen, weil sich um die Musik alles dreht in Windsbach. Ohne Musik ist Windsbach bloß ein verschlafenes 5000-Seelen-Nest südöstlich von Nürnberg. Aber für alle, die klassische Chormusik hören, ist Windsbach ein grandioser Knabenchor, um den herum ein Städtchen steht. Aus der Tiefe der fränkischen Provinz singen 140 Kinder für die Welt. Sie leben – wie alle Sänger berühmter Knabenchöre – in einem Jungeninternat, in dem von morgens bis abends Musik erklingt, vor allem geistliche zum Lobe des Herrn. Der evangelische Windsbacher Knabenchor hat nicht die lange Tradition der Regensburger Domspatzen oder des Leipziger Thomanerchors, dessen Knaben einst unter der Leitung von Johann Sebastian Bach sangen, es gibt ihn erst seit 1946. Aber er gehört heute in die Liga der Knabenchöre von internationalem Renommee, was vor allem am Einsatz des Chorleiters Karl-Friedrich Beringer liegt. Das bestreiten auch jene nicht, die Beringer für eine pädagogische Katastrophe halten und in diesen Wochen erbittert dafür kämpfen, dass er seinen Posten verliert.
Wer mag glauben, dass es Neun-, Zehnjährige sind, deren Kinderstimmen, fein und spitz wie Sonnenstrahlen, die Musik der großen Komponisten in dieser Vollendung zum Leben erwecken? Begleitet werden sie von den Männerstimmen jener Halbwüchsigen, die den Stimmbruch gerade hinter sich gelassen haben. Aus dem Chorsaal dringen die kompliziert verschlungenen Fugen des Johann Sebastian Bach, bei denen jede einzelne Stimme für sich genommen Sinnloses singt und nur der fehlerlos aufeinander abgestimmte Einsatz von Sopran, Alt, Tenor und Bass das gewaltige Klanggebäude eines Chorals entstehen lässt. Wie können Kinder solche Präzisionsarbeit leisten? Wie viel Mühsal mag solcher Akkuratesse vorausgegangen sein? Brahms -Requiem oder Matthäuspassion – dieser Knabenchor traut sich die größten Zumutungen der Chormusik zu. Und er hat Erfolg. Schon Jahre im Voraus ist der Windsbacher Knabenchor ausgebucht: Konzertreisen in die USA, nach England, Japan, Taiwan, Australien, Brasilien und Polen, Aufnahmen für den Rundfunk und für CDs, Auftritte in allen großen Konzertsälen Deutschlands, im Fernsehen, vor Prinz Charles, Richard von Weizsäcker und Johannes Rau.
Für den Fall interessierte sich sogar ein ehemaliger Bundespräsident
Doch am ersten Tag des neuen Schuljahres 2004, dem 13. September, tritt der Chorleiter Karl-Friedrich Beringer allein auf. Sein Publikum sind die Eltern der Sänger, die ihre Söhne ins Internat begleitet haben. Beringer berichtet von schweren Anschuldigungen, die auf ihm lasten: Ihm werde vorgeworfen, Kinder in den Chorproben nicht nur anzubrüllen und auszuschimpfen, sondern gezielt zu demütigen, zu würgen und zu misshandeln, wenn die erwartete sängerische Leistung ausbleibe. Ein Ausschuss, eingesetzt vom Hauptfinanzier des Chors, der evangelischen Kirche Bayerns, befasse sich mit der Aufklärung der Vorwürfe. Beringer räumt vor den Eltern ein, tatsächlich in besonders verfahrenen Proben außer sich zu geraten, zu toben und zu schreien. Aber niemals in den 26 Jahren, die er den Chor jetzt leite, habe er ein Kind misshandelt oder gedemütigt.
Am 16. Juli war im Büro des bayerischen Landesbischofs die E-Mail eines aufgebrachten Chorvaters eingegangen, der seinen Sohn kurz zuvor überraschend aus dem Internat geholt hatte. Sein Sohn, schrieb der Vater, habe bei der Chorprobe am 8. Juli allein vor dem Chor vorsingen müssen, und als er Fehler gemacht habe, sei Beringer »in seinem rauhen Ton« mit ihm ins »Gericht gegangen«. Er habe, um den Muskeltonus am Bauch des Sängerknaben zu prüfen und ihm das so genannte Stützen beizubringen, dem 13-Jährigen »mit seinen Händen so stark in die Seite gedrückt, dass dieser weinen musste«. Er, der Vater, habe daraufhin ehemalige Windsbacher Sänger kontaktiert und dabei von »Hämatomen« am Halse eines Knaben erfahren, die beim »Würgen« in der Chorprobe entstanden sein sollen. Sein Sohn habe bestätigt, dass Kinder im Chor gewürgt würden, dass der Chorleiter Kinder am Hals oder an den Ohren aus den Sitzreihen gezogen habe, sie »im Würgegriff durchgeschüttelt« und ihnen an den Kopf geklopft habe mit der Bemerkung, sie sollten doch ihr Hirn einschalten. Auch von Verbalattacken weiß der Vater zu berichten. »Wisst ihr, wie es ist, von Arschlöchern wie euch abhängig zu sein?«, pflege Beringer seinen Choristen entgegenzuschleudern, oder: »Die Scheiße in den Stimmen singt jetzt mal nicht mit!«
Wenige Tage später schreibt das betroffene Kind selbst – und zwar gleich an den gerade aus dem Amt geschiedenen Bundespräsidenten Johannes Rau, einen Bewunderer des Windsbacher Knabenchors. Erneut schildert der 13-Jährige die Schikanen, denen der Chor ausgesetzt sei, und bittet dringend um Unterstützung von höchster Stelle. Rau wendet sich an den bayerischen Landesbischof und bittet ihn um »eine Stellungnahme«. Doch dem zornigen Vater scheint alles nicht schnell genug zu gehen: Er fordert eine Untersuchung der Vorgänge noch in den Ferien. Er droht, den Staatsanwalt einzuschalten und Beringer wegen »Misshandlung Schutzbefohlener« vor Gericht zu bringen. Auch das Gewerbeaufsichtsamt schaltet er ein, zwecks Prüfung, ob es sich bei den Chorproben – immerhin 15 Stunden pro Woche – nicht längst um »Kinderarbeit« handle.
Ermuntert von diesem einen Vater, wenden sich nun auch einige andere Eltern schriftlich an das Büro des Landesbischofs, um sich bitter über den Chorleiter zu beschweren. »Derbe Schimpfwörter« und »unerträgliche Tiraden« hätten sie, vor dem Chorsaal wartend, mit anhören müssen, schreiben Nürnberger Eheleute, die ihr Kind aus dem Chor genommen haben. Ihr Sohn habe die Chorzeit über in Angst und Schrecken gelebt, es sei »die schlimmste Zeit seines Lebens« gewesen. Doch auch viele andere Briefe gehen ein: Beringer-Fanpost, in der von der »hohen menschlichen Intensität und Einfühlsamkeit« des Dirigenten die Rede ist. »Von keinem seiner Lehrer spricht mein Sohn mit solchem Respekt«, schreibt ein Professor für Theologie, »keinem fühlt er sich menschlich so verbunden wie ihm.« Und ein Musikstudent wendet sich aus Frankreich an den Chorleiter persönlich: »Der Windsbacher Knabenchor ist das Beste, was mir im Leben passiert ist.«
Wer Karl-Friedrich Beringer aufsucht, um ihn nach den Vorfällen zu fragen, wird prompt hereingebeten und trifft auf einen selbstbewussten Mann, der sichtlich ein gutes Gewissen hat. 1986 hat Beringer das Bundesverdienstkreuz erhalten – seiner außerordentlichen Verdienste um die Jugend wegen. Seine Chorproben, sagt er, seien öffentlich, jedermann könne sich hineinsetzen und sich selbst ein Bild machen von seinen Methoden.
Zu denen auch Würgen gehört?
Der strenge Chorleiter sagt, er habe sich nichts vorzuwerfen
»Ich muss den Sängern an den Hals fassen, um ihnen zu zeigen, wie sie die Kehle aufmachen müssen. Das ist ganz normal«, erwidert Beringer. Wenn der Hals eng sei, könne sich die Tonsäule nicht aufbauen. Das sei das Gartenschlauchprinzip, quetsche man den Schlauch in der Mitte ab, komme eben kein Wasser mehr. »Solche Demonstrationen am Hals als Würgen zu bezeichnen heißt den Unterricht absichtlich missverstehen.«
Und der brutale Ton in den Proben?
Der Windsbacher Knabenchor sei kein netter Singverein für kleine Kinder, sondern ein Hochleistungschor von internationalem Rang, deshalb verlange er, Beringer, das Äußerste. Das sei jedem, der in diesem Chor aufgenommen werde, bekannt. »Natürlich bin ich sehr streng. Aber mit Freundlichkeit und Freude allein komme ich doch bei 140 Jungens zwischen 9 und 19 Jahren nicht weiter.« Der Dirigent schüttelt den Kopf. Die Proben seien hartes Training, bei dem auch er selbst – gerade wenn Konzerte vor der Tür stünden und ganze Teile des Soprans dem Stimmbruch zum Opfer gefallen seien – bisweilen an den Rand der Verzweiflung gerate. Dann rutschten ihm Verbalinjurien heraus, das komme vor, und er bedauere das. Aber sonst, findet Beringer, habe er sich nichts vorzuwerfen. »Jeder, der etwas erreichen will, ob Langstreckenläufer oder Pianist, weiß, dass Erfolg erkämpft werden muss, dass man Niederlagen und harsche Kritik einstecken lernen muss und begreifen muss, dass das Leben nicht nur aus Streicheleinheiten besteht.« Allerdings habe die herrschende Spaßgesellschaft kein Verständnis für diese, seine Ansichten: »Meine Arbeit – geistliche Musik und Hochleistung mit Kindern – liegt quer zu allem, was momentan politisch korrekt ist.«
Jene verhängnisvolle Probe am 8. Juli war offenbar so eine Verzweiflungsprobe. »Der Gesang war schlecht«, erinnert sich Thomas Miederer, Leiter des Internats, der zufällig selbst als Hörer im Saal saß. Konzerte hätten bevorgestanden, der Chor sei zäh und unkonzentriert gewesen, eine Reihe neuer Soprane hätte eingearbeitet werden müssen, und Beringer habe entsprechend »unter Dampf« gestanden. Tatsächlich habe er den besagten Jungen vorsingen lassen und ihn an den Bauch gefasst und gerufen: »Jetzt stütz doch!« Der Knabe habe Tränen in den Augen gehabt und nicht viel herausgebracht, aber solche Szenen kämen eben manchmal vor und seien meistens rasch vergessen.
Diesmal aber nicht: Ausgerechnet das Kind, das als Paradesopran galt, bringt den Chorleiter in arge Bedrängnis. Ein Jungstar, der als engagiert, diszipliniert und auffällig begabt geschildert wird, schreibt nun Flehbriefe an den Bundespräsidenten. Wer das Kind auf Chorfotos sucht, erblickt einen Traum von einem Sängerknaben: ein helles Gesicht über schwarzem Anzug, den Blick nachdenklich auf die Noten gerichtet. »Die Sonne geht auf«, rief Beringer, wenn der Kleine charmant und munter den Saal betrat. Und sein Vater, der den Chorleiter jetzt mit Bezichtigungsschreiben verfolgt, hatte drei Jahre lang zu den verzücktesten Anhängern der Windsbacher Sänger gehört und den Stolz und die Begeisterung, dass sein Junge einer von denen sein dürfe, unverhohlen vor sich hergetragen. Was also ist geschehen? Hat ein Halbwüchsiger die Unzufriedenheit des hochverehrten Dirigenten nicht ertragen? Fühlte sich ein Königskind – das Lob und Zuwendung gewohnt war – durch das öffentliche Zurschaustellen seiner schlechten Leistung so tief verletzt? Hat die Kampagne gegen den Chorleiter ihre Ursache im Himmelssturz eines Soprans?
Der Vater des Jungen wirkt auch Wochen nach dem Probenvorfall aufgewühlt und erschüttert. Er redet ohne Punkt und Komma, ein Wasserfall enttäuschter Liebe stürzt aus ihm. Es sei wie ein Wetterumschwung gewesen, sagt er. »Plötzlich sind mir die Augen aufgegangen, was in Windsbach wirklich los ist.« Er wolle den Chor nicht zerstören, aber die Anforderungen überstiegen die Kräfte der Kinder bei weitem. »Worum geht es in diesem Internat überhaupt noch?«, fragt er. »Will man den besten Chor des Universums oder zufriedene, gesunde Kinder?« Einen solchen Verlust an kindlicher Lebensqualität sei auch die Spitzenqualität des Chors nicht wert. Und im Umgang mit den Sängern überschreite der Dirigent dauernd seine Grenzen. »Der Chor ist eng mit der Kirche verbunden, er singt zum Lobe Gottes, und mein Kind wird mit Worten angeschrien, die bei uns zu Hause verboten sind«, sagt der Vater. »Beringer ist der einzige Erwachsene im Raum, er hat sich im Griff zu haben!«
Ein Getriebener, dessen Kopf von brausenden Chorälen erfüllt ist
Der Vater hat sich mit dem Chorleiter selbst niemals auseinander gesetzt, er ist jedem klärenden Gespräch ausgewichen und hat es gleich auf einen Skandal ankommen lassen. Warum ist ihm erst nach drei Jahren stürmischer Begeisterung plötzlich aufgefallen, wie unpädagogisch es im Chor zugeht? Beringer ist ein Musik -maniac, das erlebt jeder Sänger, das hört jeder Konzertbesucher, und das weiß jeder Chorvater. Er ist ein Getriebener, dessen Kopf von brausenden Chorälen und schmetternden Posaunen erfüllt ist. In solchen Leistungssphären ist von kindgerechten Methoden manchmal nicht viel übrig. Doch die Mehrzahl der kleinen Sänger nimmt Beringers Schattenseiten klaglos hin, offenbar, weil sie die Nähe eines Menschen suchen, der aus purer Leidenschaft zu seiner Sache besteht. Vielleicht ahnen die Kinder aber auch, dass in der Tiefe der menschlichen Seele Schätze verborgen sind, die die Pädagogik nicht heben kann.
Chorprobe für Sopran und Alt. Etwa 55 Kinder zwischen 10 und 14 Jahren sitzen im Chorraum. Geprobt wird Johannes Brahms, fünfstimmige Motette Schaffe mir, Gott, ein reines Herz. Man kann sich vorstellen, dass Beringer – wild gestikulierend, den Takt mitstampfend, über 55Stimmen hinwegbrüllend – angsteinflößend wirken kann, gerade auf die Gemüter jener zarten Knaben, die den Kopf in den Nacken legen müssen, um dem Dirigenten ins Gesicht zu sehen. Beringer reitet heute auf einem einzigen Satz aus dem 51. Psalm herum: Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir . »Es heißt nicht hoiliger Goist, es heißt heiliger Geist«, ruft Beringer, »merkt euch das.« – »Verwirf mich nicht von deinem Angesicht«, singen die Knaben. »Angesicht, Angesicht, Angesicht«, schreit Beringer, »ver-, ver-, ver, ver-, verwirf mich nicht.« Über den ersten Reihen geht ein feiner Speichelregen nieder. »Ich kann dieses lahmarschige Gesinge nicht mehr hören«, schallt es jetzt vom Konzertflügel herüber, wo Beringer in die Tasten haut, »dahinten sitzen welche, die singen irgendwas. So geht das nicht, es ist alles sinnlos. Wenn ihr das nicht schafft, seid ihr Flaschen.« Doch plötzlich, nach all den Schimpfkanonaden, liegt ein Ton im Raum – so fein und rein wie klares Licht: »Verwirf mich nicht…« – »So«, sagt Beringer versöhnlich, »das waren jetzt 60 Prozent von dem, was ich will. Die restlichen 40 Prozent kriegen wir auch noch.« Später, als die Chorprobe zu Ende ist, steht eine Traube Jungen um Beringer herum, um persönliche Dinge zu besprechen oder Witze zu machen.
Ganz links hat eben noch der kleine D. gesungen, dessen Mutter, eine Ärztin, ebenfalls zu den Beschwerdeführern gegen Beringer gehört. Im Juni 2001 hat sie schon einmal erbittert an den Chorleiter geschrieben, damals ging es um den großen Bruder, den Beringer – laut Brief – »beleidigt und tätlich attackiert« hatte. Der Chorleiter sei ihrem älteren Sohn damals an die Gurgel gefahren, erzählt die Mutter mit Tränen in den Augen. Der Junge habe das als »fürchterlich« empfunden. Frau D. ist Witwe und eine herzensgute, um das Wohl ihrer Kinder schmerzlich besorgte Mutter. Ihre Söhne hat sie auf die Montessori-Schule geschickt, »wo Kinder respektiert werden«, bevor sie in Windsbach im autoritären Charakter des Chorleiters das Gegenprogramm erlebten. Es habe damals eine Aussprache gegeben zwischen ihr, ihrem Großen und Beringer. Und danach habe der Sohn selbst unbedingt zurückgewollt in den Chor. »Denn Windsbach«, sagt die Mutter, »war für ihn die Erlösung.« Auch Beringer erinnert sich noch gut an die Aussprache. »Ihr Sohn ist ein ganz faules Aas«, habe er zur Mutter gesagt. »Er macht den Mund auf und zu, singt aber nur mäh. Er ist abwesend und lahm, und er macht mich wahnsinnig.« Wie erstaunt sei er deshalb gewesen, als Frau D. kurz danach mit dem zweiten Sohn zum Vorsingen erschienen sei. »Wollen Sie sich das wirklich antun?«, fragte er die Mutter. »Ja«, war die Antwort, der Kleine singe so gern, und er brauche eine feste Hand.
Gibt es ein Beispiel, das die innere Zerrissenheit des modernen Erziehungsberechtigten besser illustrierte als das Verhalten der Frau D.? Fleiß und Disziplin sollen ihre Söhne lernen, sollen die Erfahrung von großer Leidenschaft und großem Erfolg machen dürfen. Und gleichzeitig will sie sie bewahren, vor Erschöpfung, vor harscher Kritik, vor Grobheiten und jedem bösen Wort. Mancher Vater, manche Mutter ist befremdet vom Auftreten des Karl-Friedrich Beringer, das klingt bei Gesprächen mit Eltern immer wieder durch, aber die meisten akzeptieren seinen Stil irgendwann – und das nicht, weil sie paralysiert wären vom Ruhm des Chores oder weil sie über dem eigenen Stolz das Wohl ihres Kindes vergessen hätten, sondern weil sie sehen, wie froh ihre Söhne der Gesang im Windsbacher Knabenchor macht. Nur sehr wenige Eltern nehmen ihre Kinder wegen Beringer aus dem Chor – und dann meistens gegen den Willen des Sängers.
»Sehen Sie? Die Buben sind doch glücklich«, sagt Herr A. und hält das Video an. Sein Sohn verharrt auf dem Fernsehschirm mit aufgesperrtem Mund. Der Vater lässt das Band in Einzelbildern weiterlaufen. »Schauen Sie, welche lustigen Gesichter die machen.« Herr A. hat die Aufnahme bei einem Konzert der Windsbacher selbst gemacht. Er ist Pädagoge, Direktor einer Realschule und seit sieben Jahren Vater eines Sängerknaben. Sein Sohn sei durch den Chor völlig selbstständig geworden, sagt er, pünktlich und zuverlässig. Er sei in der Lage, sich selbst zu organisieren, sei fähig zu engen, schönen Freundschaften und übernehme Verantwortung. Er sei flexibel und freundlich im Umgang, denn er habe sich auf Konzertreisen oft in ausländischen Gastfamilien zurechtfinden müssen. Der Chor sei eine großartige Sache, und niemals habe sein Sohn erlebt, dass der Dirigent ein Kind »fertig gemacht« habe. Der 17-Jährige leite jetzt selbst einen Kirchenchor in der Nachbargemeinde. Herr A. zuckt die Achseln: »Wird man so, wenn man gepiesackt und gedemütigt worden ist?«
Vor dem Untersuchungsausschuss, der vom ehemaligen Präsidenten eines bayerischen Landgerichts geleitet worden ist, haben alle Parteien ausgesagt. Auch vier Chorknaben sind gehört worden, die einen durchaus selbstbewussten Eindruck hinterließen. Furiose Proben und cholerische Anfälle wurden bestätigt, aber nicht weiter schwer genommen. Von Misshandlung und Würgen war nicht mehr die Rede. Auch ein Sachverständiger wurde gehört: der Heldentenor Siegfried Jerusalem, der selbst Gesang unterrichtet und Vater eines Windsbacher Sängerknaben ist. Und am Ende der Anhörung waren die Beschuldigungen gegen den Chorleiter erklärt oder relativiert oder ganz in sich zusammengefallen. Übrig geblieben ist der Vorwurf der rüpelhaften Ausdrucksweise und des groben Benehmens. Aus ihm resultiert die dringende Bitte, Beringer möge sich künftig zusammenreißen. Das Dilemma zwischen Passion und Pädagogik, zwischen großem Anspruch und großem Behüten ist nicht gelöst worden. Und wird sich wohl auch nicht lösen lassen.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 07.10.2004 Nr.42
- Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







