Im Robbengehege des New-England-Aquariums von Boston ist Fütterungszeit. Die Seehundtrainerin Cheryl Clark stellt sich vor einen Schützling, kniet nieder, starrt ihm ins Gesicht. How are you?, fragt sie langsam und deutlich. Der Seehund Chuck wiegt den Kopf, öffnet weit den Mund und gibt die Frage zurück: How are you? Chucks Satz ertönt in klarem Englisch. Seine Stimme klingt tief, rauh und bellend. Der Seehund hört sich an wie ein Hafenarbeiter Mitte zwanzig oder ein Bierkutscher.

Die Zuschauer machen große Augen. Plappernde Papageien mögen noch angehen.

Aber ein sprechender Seehund? Forschern ist das Phänomen bekannt. In den 1980er Jahren machte so bereits Hoover Furore - Chucks Großvater. Als der ein Baby war, hatte ihn ein Fischer am Strand aufgelesen und ihm komplexe Phrasen wie Hey, you! Get outa there! beigebracht, die Hoover ähnlich raubeinig wie Herrchen zu intonieren pflegte.

Über Hoover erschienen wissenschaftliche Schriften. T. H. Culhane von der Universität Harvard, der dem Seehund wochenlang zugehört hatte, kam zu dem Schluss, dass Hoover seine Hand voll Sätze und sein Dutzend Wörter ohne erkennbares Muster benutzte. Offenbar plappere das Tier, ohne zu wissen, was es sagt.

Hoovers Nachkomme beginnt nun auch, die Forschung zu interessieren. Denn Chuck ist rhetorisch weitaus begabter als die Aquariumskollegen. Nach Hoovers Pionierleistung hatte es Salisbury zu einem Hello gebracht, Rigel schaffte ein Hi. Aber letztlich blieben die Statements nah an den speziestypischen Grunzlauten. Aus Rigels Paarung mit der Hoover-Tochter jedoch ging Chuck hervor. Der jetzt Neunjährige hat Großvaters Talent geerbt. Er produziert How are you?, Hi, How und Hahaha - eine Imitation des Lachens. Wie mag er die Laute gelernt haben?

Als Jungtier war er wegen einer Augeninfektion ständig in menschlicher Obhut, berichtet Clarks Kollegin Jenny Montague. How are you? könnte der kranke Heuler oft von seinen Pflegerinnen gehört haben. Im Jugendalter begann Chuck artuntypische Laute zu produzieren. Er stieß hohe Schreie aus wie in einem Horrorfilm, erinnert sich Montague. Gern schwamm er in einem Teil des Pools, wo Töne gut widerhallen. Dort bellte, schrie und knurrte er in allen Stimmlagen, als freue er sich an der guten Akustik und als wolle er sein Repertoire testen.

Aus den Klangabsonderungen hörte Clark ein How are you? heraus. Ich habe ihm den Satz immer wieder vorgesprochen, bis er ihn im letzten Herbst klar wiederholte. Das gelang dem Tier nach der Geschlechtsreife, wenn männliche Seehunde ihren Lautausstoß steigern, um Nebenbuhler von attraktiven Weibchen fernzuhalten.