Als Jacques Derrida an die Ecole Normale Supérieure kam, wo wir Studenten gerade unsere Examen vorbereiteten, ging ihm schon der Ruf als Frankreichs bestem Phänomenologen voraus. Wir kannten vor allem seinen hinreißenden Essay über Husserls "Ursprung der Geometrie", in dem er die Frage nach der Geschichtlichkeit der Wahrheit den soziologischen und psychologischen Debatten entriss. Derrida ging es um das Schwierigste: Um die Bedingungen der Möglichkeit von Beweisen, die nicht bloß formal garantiert, sondern auch in der Zeit reproduzierbar waren, womit er sein großes Thema der "Spur" bzw. der Verbindung zwischen dem Denken und der Materialität der Schrift vorwegnahm. In seinen Unterrichtsstunden war er äußerst eloquent und dabei zugleich sehr gewissenhaft. Mir wurde erst später klar, dass ich mir dank der Klarheit und der Kraft seiner Darlegungen die vollständige Entwicklung seiner Gedanken eingeprägt hatte. Dieser große Lehrer hat uns eine noch umfassendere Lektion erteilt. Trotz seiner internationalen Bekanntheit lehrte er weiterhin an der Universität, die er als wichtigsten Ort der philosophischen Tätigkeit verstand – auch wenn ihm Frankreich dafür nur wenig dankte. Derrida hat versucht, die Universität aus der Zwangsjacke der Hierarchien, disziplinären Borniertheiten und ihrem Nationalismus zu befreien (der in Frankreich besonders steril ist). Sein Ideal war eine Université sans condition, die jenseits der Grenzen und Kontrollen der Macht die gesamte menschliche Arbeit neu überdenkt und das Mögliche (und sogar das Unmögliche) in der Epoche der Mechanisierung und der Globalisierung zur Sprache bringt. 1967 veröffentlichte Derrida drei Manifeste dieser neuen Methode, die später "déconstruction" genannt wurde : La voix et le phénomène, De la grammatologie, L’écriture et la différence, die subtile Grenzgänge zwischen Philosophie und Literatur waren. Ich erinnere mich an die große Kontroverse mit Lévi-Strauss über die Lektüre von Rousseau und auch mit Foucault über das Werk von Descartes. Man kann diese Auseinandersetzung heute als Gründer-Streit des philosophischen Strukturalismus verstehen, weil sich darin die Abgrenzung von der Metaphysik und die Entstehung des Poststrukturalismus zeigt. Es ist die Kritik an der Idee der Struktur und deren Anspruch, Totalität darzustellen. Diese Kritik äußerte Derrida jedoch nicht aus der Perspektive des Humanismus oder der Freiheit des Subjektes, sondern aus der Sicht der "différences", die unsere Idee des Menschen komplizieren (also die "Ziele des Menschen" und dessen Rechte) und dabei die Ambivalenz hervorheben: Das Bewusstsein und das Unterbewusstsein, der Körper und der Buchstabe, das Männliche, Weibliche und das Neutrum – Begriffe, die als nicht reduzierbarer Überschuss aus binären, formellen Gegensätzen hervorgehen. Ein solcher Überschuss an Sinn – den er "supplément d’origine", zusätzlichen Ursprung, nennt, führt sowohl zu der Gewalt der Identitäts-Mechanismen und der Strategien der Weltaneignung als auch zum Phänomen des beständigen Wiederanfangs und der Vervielfältigung der Interpretationen. Hier findet man den Kern seiner großen, ausgereiften Themen: Seinen Begriff des "Ereignisses" als einer unberechenbaren Zukunft, in der die eigene bzw. kollektive Verantwortung bis zum Äußersten getrieben wird – nicht, weil wir dabei die Konsequenzen unserer Taten und Worte beherrschen, sondern weil wir bereits wissen, dass sie endlos zur Wiederholung und Neuformulierung des Problems des Rechts und der Gerechtigkeit führen.Mit der Unterstützung der tschechischen Dissidenten in der Association Jan Hus, dem Eintreten für die Rechte des palästinensischen Volkes, der Verteidigung des Asylrechtes in Europa haben wir als freie Intellektuelle zur Entstehung dessen beigetragen, was Derrida den "neuen Internationalismus" nannte. Obwohl wir uns in unseren Analysen und historischen Referenzen nicht immer einig waren, vertraten wir die gemeinsame Überzeugung, dass Intellektuelle und Künstler eine wichtige Rolle spielen im vielgestaltigen Widerstand gegen die Herrschaft von Staat oder Markt – indem wir die offiziellen Diskurse dekonstruieren und auch mit ehemaligen Gegnern in Dialog treten (wie es Derrida tat, als er sich mit seinem alten Widersacher Habermas verbunden hatte, um gegen die Propagandamaschine des unendlichen Krieges gegen den Terrorismus und die "Schurkenstaaten" anzugehen).Alle Reflexionen über die Zukunft der Universität, der Philosophie und die Verantwortung der Intellektuellen werden uns ohne Derrida sehr viel schwerer fallen. Doch wir werden nicht aufhören, aus seinem Vorbild unsere Kraft zu ziehen. Lebe wohl, lieber Jacques, oder besser gesagt: Bis morgen. *Etienne Balibar, Jahrgang 1942, lehrte Philosophie an der Universität Paris-Nanterre und an der University of California. Er veröffentlichte u.a. "Lire le Capital" (mit Louis Althusser), "Les frontières de la démocratie" und "Nous, citoyens d'Europe?" Aus dem Französischen von Michael Mönninger