Sie kommen in den Irak, weil andere verschwinden. 80 Mitarbeiter der britischen Geisel-Hilfsorganisation Control Risks Group schlugen im vergangenen August ihr Büro in Bagdad auf. Heute arbeiten dort bereits 300 ihrer Leute. Es sind derzeit wahrscheinlich die einzigen ausländischen Helfer im Land, deren Zahl wächst. Firmenbosse aus dem Westen bitten die Gruppe um ihre Dienste, auch Iraker suchen Beistand. Manchmal sogar Regierungen. Denn die Mitarbeiter von Control Risks sind Profis für Verhandlungen mit Geiselnehmern.

"Wir versuchen den Angehörigen der Geiseln klar zu machen, dass auch sie einen Einfluss auf das Geschehen haben", sagt Christopher Grove, ein leitender Angestellter der Londoner Firma. "Schnell ein hohes Lösegeld zu zahlen ist nicht immer die beste Lösung. Und ganz sicher ist es nicht im Interesse der Gesellschaft."

Damit ist auch schon das grundlegende Dilemma des Geschäfts mit der Ware Mensch beschrieben: Einerseits provoziert jeder Erfolg der Geiselnehmer Nachahmung. Andererseits hat jeder Erpresste verständlicherweise nur ein Ziel im Auge: seinen Verwandten, seinen Mitarbeiter freizubekommen. Kidnapping ist ein unmenschliches Geschäft mit der Menschlichkeit. Und es funktioniert umso besser, wenn – wie jetzt im Irak – ganze Nationen zu Angehörigen der Entführten werden.

Ob Mitarbeiter der Control Risks Group (zumeist ehemalige Diplomaten und Geheimdienstler) auch die Verhandlungen über die französischen Reporter unterstützen, die noch immer festgehalten werden, oder ob sie an der Freilassung der beiden italienischen Helferinnen teilnahmen, darüber schweigt die Londoner Zentrale.

Doch besonders im Irak, zuvor aber auch schon auf den Philippinen und in der Sahara, entwickelt sich eine neue Art des "sanften" Geiselgeschäfts, das nur mit Regierungen funktioniert. Die Entführer beginnen mit politischen Forderungen an westliche Regierungen und geben sich später mit kaschierten Geldzahlungen zufrieden. Das garantiert jeder Seite einen kleinen Erfolg: den Entführern Geld, den Regierungen ein gutes Image. Wenn Präsidenten oder Premiers, wie jüngst Italiens Regierungschef Berlusconi, dann auch noch lautstark beteuern, sie hätten kein Lösegeld gezahlt, können sie der Bevölkerung die Freilassung sogar als das Ergebnis allein ihres Verhandlungsgeschicks verkaufen. Dass gleichwohl regelmäßig Dollar fließen, lehrt zum einen der gesunde Menschenverstand. Warum sollten die Entführer die Geiseln umsonst übergeben? Zum anderen berichtet Christopher Grove von der Control-Risks-Gruppe, es sei im Irak bisher noch in keinem Fall gelungen, Geiseln ohne Lösegeld freizubekommen.

Ist es ein "glückliches Ende", wenn gezahlt wird?

Auch die Bundesregierung ließ sich offenbar schon erweichen. Nach der Freilassung der deutschen Familie Wallert auf der Insel Jolo sickerte aus philippinischen Regierungskreisen durch, Libyens Staatschef Muammar al-Ghaddafi habe für jede Geisel eine Million Dollar Lösegeld transferiert. Und als im Sommer des vergangenen Jahres 31 europäische Sahara-Touristen (unter ihnen 16 Deutsche) nach Monaten der Verschleppung freikamen, steckten anonyme US-Militärs der New York Times, die deutsche Regierung habe dem Geiselnehmer Ammari Saifi fast sechs Millionen Dollar überwiesen. Damit sei der Islamist auf einen Schlag zu einem der vermögendsten Terroristen Nordafrikas aufgestiegen. Wie dem auch sei, die Medien bezeichneten das Ende des Geiseldramas als "glücklich".

Lösegelderpressungen sind heute ein weltweites Geschäft. An ihm beteiligen sich ebenso politische Extremisten wie Mafiabanden und kriminelle Kleingruppen. Verlässliche Statistiken gibt es nicht, aber Experten schätzen, dass jedes Jahr etwa 12000 Menschen entführt werden, um Lösegeld zu erpressen. Das Zentrum der Entführungsindustrie ist Südamerika. Allein in Kolumbien tragen sich seit den neunziger Jahren etwa 3000 Fälle pro Jahr zu.