Jahrzehntelang beneidete man bei Merck in Darmstadt den namensgleichen amerikanischen Wettbewerber. Merck & Co, die frühere US-Tochter, die durch die Enteignung im Ersten Weltkrieg ein unabhängiges Unternehmen wurde, entwickelte sich weit besser als die alte Mutter Merck KGaA. Während der Mittelständler aus Deutschland heute abgeschlagen auf Platz 23 der Pharma-Weltrangliste liegt, schaffte es der amerikanische Ableger immerhin auf Rang vier.

Doch mit dieser Spitzenstellung könnte es bald vorbei sein. Das US-Unternehmen nahm vergangene Woche sein Schmerzmittel Vioxx vom Markt. Die Arznei zählte zu den Bestsellern der Branche, jetzt steht die umfangreichste Rückholaktion der Pharmageschichte bevor. 120 000 Patienten schluckten das Medikament in Deutschland, weltweit nutzten es 84 Millionen Menschen. Doch keine Wirkung ohne Nebenwirkung, jetzt stellte sich heraus, dass die Pillen das Herz schädigen.

Für das Unternehmen aus New Jersey bedeutet das nicht nur Reputationsverlust, es muss sich auf Umsatzeinbußen und Schadenersatzklagen gefasst machen. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein solcher Fall eine Pharmafirma an den Rand des Ruins bringt. Der Wettbewerber American Home Products, der 1997 eine Diät-Pille vom Markt nahm, zahlte seither Entschädigungen von insgesamt 16 Milliarden Dollar. Um seinen belasteten Namen loszuwerden, hat sich das Unternehmen in Wyeth umbenannt. Vorher waren zahlreiche Versuche fehlgeschlagen, per Fusion einen Neuanfang hinzubekommen. Die Partner scheuten die Prozessrisiken.

Ähnliches bei Bayer in Leverkusen. Früher waren sich die Leverkusener zu fein zum Fusionieren, inzwischen findet sich in der Branche keiner mehr, der bereit ist, sein Wissen zu teilen. Bayer fehlt der Nachschub an lukrativen Pillen. Lipobay, einen der letzten großen Umsatzbringer, musste das Unternehmen vor drei Jahren vom Markt nehmen. Der Cholesterinsenker stand im Verdacht, Muskelschwäche zu verursachen. Seither ist Bayer nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Kooperationen mit Bio-Tech-Unternehmen kochen auf Sparflamme, die Labore in Japan wurden geschlossen. Und selbst vor dem Amerika-Geschäft macht der Rotstift nicht Halt. So verkündete Bayer-Chef Werner Wenning kürzlich eine Vertriebskooperation mit dem Wettbewerber Schering-Plough. Er versuchte, den Deal als Durchbruch zu verkaufen, doch in Wirklichkeit war es ein Rückzug vom wichtigsten Pharmamarkt der Welt. Bayer hat nicht mehr genug Pillen im Angebot, um sich dort eigene Vertreter zu leisten.

Bayer: Rückzug vom amerikanischen Markt

Das ist tragisch. Amerika ist der Markt, wo die Industrie das meiste Geld verdient, sagt Michael Steiner. Er weiß, wovon er spricht. Der Pharmaexperte arbeitet für Bain&Company in New York und berät die Großen der Branche. In Amerika, auf das knapp fünf Prozent der Weltbevölkerung entfällt, werden 40 Prozent aller Arzneien komsumiert. Nirgendwo machen Pharmahersteller höhere Profite: 20 Prozent vom Umsatz sind keine Seltenheit. Andererseits herrschen nirgendwo strengere Regeln. In keinem Land der Welt, das zeigt auch jetzt der Fall Merck, werden die Rechte der Verbraucher so vehement verteidigt wie in den USA.

So meldete die New Yorker Kanzlei Parker & Waichmann schon am Tag nach der Rücknahme Ansprüche für Hunderte Patienten an, die das Merck-Schmerzmittel genutzt hatten. In Amerika dürfen Rechtsanwälte von sich aus auf die Suche nach Opfern gehen, im Erfolgsfall bekommen sie etwa fünf Prozent des Schadenersatzes. Bei Auseinandersetzungen mit Pharmafirmen liegt die Entschädigungssumme bei Schuldsprüchen im Durchschnitt bei über zwei Millionen Dollar.