"Wir wollen forschen – in Deutschland" nennt sich eine Initiative, der sich innerhalb einer Woche bereits 7000 Wissenschaftler angeschlossen haben. Doch was patriotisch klingt, ist in Wahrheit eine Drohung, die Heimat bald zu verlassen. Gedroht wird von jenen Forschern, die hier keinen Dauervertrag haben und denen damit im deutschen Wissenschaftssystem zurzeit jede Perspektive fehlt.

Als Ende Juli das Bundesverfassungsgericht die Bestimmungen zur Juniorprofessur für nichtig erklärte, räumte es nämlich gleichzeitig die gesamte Gesetzesnovelle aus dem Haus Bulmahn beiseite – inklusive der neuen Vorschriften zur Beschäftigung von jungen Forschern. Die sollten zwölf Jahre Zeit haben, sich zu qualifizieren. Diese Regelung – so sinnvoll sie für Nachwuchsforscher war – hatte für Ältere einen höchst schädlichen Nebeneffekt: De facto zwängte sie alle nicht Festangestellten ins Zwölfjahreskorsett. War die Zeit verstrichen, wirkte das Gesetz wie ein Arbeitsverbot. Ein Sturm der Entrüstung ("Eine Generation wird verschrottet") richtete sich gegen das Bulmahn-Ministerium.

Die Freude der Betroffenen über die Niederlage der Bundesbildungsministerin in Karlsruhe währte jedoch nur kurz. Denn nun herrscht völlige Verwirrung an Hochschulen und Instituten: Niemand weiß, was die alten Arbeitsverträge noch wert sind und wie neue aussehen könnten. Forschungseinrichtungen halten sich bei Neueinstellungen extrem zurück, alte Verträge werden nicht verlängert. Tausende von Wissenschaftlern fühlen sich nach wie vor in ihrer Existenz bedroht.

Hinter dem Drama steckt ein grundsätzliches Dilemma. Das deutsche wie das europäische Arbeitsrecht verbieten es, jemanden mit immer neuen befristeten Verträgen zu beschäftigen. Gerade diese "Projektstellen" auf Zeit jedoch sind an vielen wissenschaftlichen Einrichtungen das eigentliche Fundament und der Motor der Forschung. Zugespitzt formuliert: Nur Professoren und Hausmeister können in der Wissenschaft mit einer Beschäftigung auf Lebenszeit rechnen.

Was dagegen zu tun ist, liegt auf der Hand: Ein neuer, speziell auf die Situation von Wissenschaftlern zugeschnittener Tarif muss her. So muss es unter anderem möglich sein, einen Forscher fest anzustellen, wenn er sein eigenes Gehalt über Drittmittel finanziert – und ihn zu entlassen, wenn das Projekt beendet ist. Forschungsorganisationen fordern dies seit langem. Auch das Berliner Wissenschaftsministerium und alle Parteien unterstützen den so genannten Wissenschaftstarif. Doch vor seiner Umsetzung steht in Deutschland der nationaltypische Regelungswahn. Ihr Placet, sprich: ihren Senf dazugeben müssten das Innenministerium, die Gewerkschaften, die Bundesländer. Obendrein schießen die CDU-regierten Länder zurzeit quer. Sie verweisen darauf, dass die Zuständigkeiten zwischen Bund und Ländern in Sachen Bildung und Wissenschaft ohnehin bald neu geregelt werden. So geht es hin und her. Auf der Strecke bleibt das Beste, was die deutsche Forschung zu bieten hat: der wissenschaftliche Nachwuchs.