Mal sollen es die Briten gewesen sein, die Telefonate von UN-Generalsekretär Kofi Annan in seinem New Yorker Amtszimmer abhörten, mal die Amerikaner, die dort geheime Verhandlungen des französischen UN-Botschafters belauschten. Das erklärt den regen Zulauf in der deutschen Botschaft in New York, die mit ihrer abhörsicheren Glaskanzel zum bevorzugten Treffpunkt für besorgte UN-Mitglieder wurden.Im Pariser Elysée-Palast dagegen hielt man solche Vorkehrungen bislang für unnötig, weshalb sich Präsident Jacques Chirac nun nicht wundern darf, dass seine Bemerkungen über George W. Bush offensichtlich nach Washington gelangt sind. "Der Präsident weiß genau, was Chirac über ihn denkt," erklärte jüngst ein US-Regierungsbeamter: "Auf der persönlichen Ebene ist das Verhältnis nicht mehr zu reparieren." Zwar hatte der französische Präsident sich und seinen Ministern streng verboten, öffentlich die USA zu kritisieren. Doch weil Chirac ein impulsiver Telefonierer ist, dem die technischen Vorbereitungen für verschlüsselte Gespräche zu umständlich sind, hat er über die normale Amtsleitung wohl Dinge von sich gegeben, die tief unter der diplomatischen Gürtellinie liegen. Zwar will der Elysée-Palast den Bericht der beiden Pariser Journalisten Vernet und Cantaloube von der Tageszeitung "Le Parisien" weder bestätigen noch dementieren. Doch ihr Buch Chirac contre Bush – l’autre guerre (Editions Lattès) zählt so viele gegenseitige Störmanöver im beiderseitigen Diplomatenkrieg um die Irak-Invasion auf, dass Chiracs Schimpftiraden wie Kavaliersdelikte wirken. Wörtliche Zitate geben die beiden Journalisten nicht, sondern deuten nur an, dass sich Chiracs Äußerungen eher im Bereich des Argots als in der Sprache der Académie française bewegen. Seitdem auch von Präsident Bush berichtet wird, dass er von Chirac vorzugsweise als "Jackass" spricht, ist man sich in Paris und Washington wenigstens in einem Punkt einig: Diesem Zerwürfnis kann man nicht mehr mit abhörsicheren Glaskanzeln, sondern nur noch mit einem Personalwechsel auf mindestens einer Seite des Atlantiks beikommen.