Madeleine Schickedanz ist reich, ihr Vermögen wird auf 1,65 Milliarden Euro geschätzt. Madeleine Schickedanz ist verschwiegen, niemals äußert sie sich öffentlich zu wirtschaftlichen oder finanziellen Themen. Allenfalls spricht sie über ihre Kinderkrebs-Stiftung und darüber, wie ihre Tochter die Krankheit besiegte. Und Madeleine Schickedanz dürfte sehr ins Grübeln gekommen sein, seit es mit dem Handelskonzern KarstadtQuelle bergab geht.

Die 60-jährige Unternehmerin ist die Tochter und Erbin von Grete und Gustav Schickedanz, der Ende der zwanziger Jahre im bayerischen Fürth das Versandhaus Quelle gründete. Als dieses 1999 mit dem Warenhauskonzern Karstadt zur KarstadtQuelle AG fusionierte, wurde der Schickedanz-Clan zum größtem Aktionär. Gemeinsam mit ihrem Familienzweig hält Madeleine Schickedanz heute 41,55 Prozent an dem Handelsimperium, das so dringend Geld braucht, weil ihm Kunden und Konzepte fehlen. So ist die aktuelle Krise von KarstadtQuelle auch die Krise einer Unternehmerfamilie, die über Weltkrieg, Wirtschaftswunder und Wiedervereinigung hinweg die Konsumgewohnheiten der Deutschen entscheidend geprägt hat.

Das Geld, das KarstadtQuelle braucht, dürfte größtenteils das Geld von Madeleine Schickedanz sein. Noch in diesem Jahr soll eine außerordentliche Hauptversammlung den Weg für eine Kapitalerhöhung frei machen, die 500 Millionen Euro bringen soll. Madeleine Schickedanz, so der Konzern, habe "ihre grundsätzliche Bereitschaft erklärt, die Kapitalerhöhung entsprechend ihres Anteils zu zeichnen". Das würde sie und ihren Familienstamm mehr als 200 Millionen Euro kosten. Insgesamt könnte es für die Schickedanz-Nachfahren aber noch teurer werden, schließlich verbirgt sich auch hinter dem als "Riedel-Holding" bezeichneten Großaktionär ein Teil der Versandhaus-Familie. Ingo Riedel vertritt, unter anderem als Mitglied des Aufsichtsrats, den Familienstamm von Madeleines verstorbener Halbschwester Louise Dedi. Zur geplanten Kapitalerhöhung hat er sich noch nicht geäußert.

Die entscheidende Rolle im Poker um die Zukunft von KarstadtQuelle spielte aber allemal Madeleine Schickedanz selbst. Unternehmenskenner berichten, dass sie es war, die den ehemaligen Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff bewegte, im Juli dieses Jahres den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden im Konzern zu übernehmen. Kennen gelernt hätten sich Schickedanz und Middelhoff, so heißt es jedenfalls, vor Jahren über den Medienverbund maul-belser in Nürnberg, an dem sowohl KarstadtQuelle als auch Bertelsmann Anteile besitzen. Der prominente und direkt auftretende Middelhoff war es denn auch, der den Sanierungsbedarf bei KarstadtQuelle durch ein Interview im Spiegel erstmals benannte. Die schlechten Nachrichten musste der Aufsichtratschef deshalb selbst verkünden, weil den Vorstandschef zu dieser Zeit noch kaum jemand kannte.

Außerhalb des Schickedanz-Imperiums wussten bis vor ein paar nur wenige mit dem Namen Christoph Achenbach etwas anzufangen. Schließlich verbrachte der 45-jährige Betriebswirt fast seine gesamte Laufbahn in der Nähe der Quelle-Erbin. Direkt nach seiner Promotion (Thema: "Standortbezogene Unternehmenspolitik der Warenhäuser") heuerte Achenbach bei der Quelle Schickedanz AG & Co. an, im Bereich Strategische Planung. Seine freundliche und verbindliche Art gefiel der Familie offenbar – und ermöglichte Achenbach eine glänzende Karriere im Versandhaus. Man ließ ihn zunächst die Geschäfte der Fotohandelskette Optofot leiten, an der die Familie indirekt beteiligt ist. Es folgten Führungspositionen im Vorstandssekretariat und in der Unternehmensstrategie in der Familienholding. Anfang 1997 vertraute man ihm erst den Posten des Kommunikationschefs an und hievte ihn wenige Monate später an die Spitze der damals noch nicht mit Karstadt fusionierten Quelle AG. Christoph Achenbach war der Chef des größten deutschen Versandhandels-Unternehmens und bis dahin ein König von Madeleines Gnaden.

Achenbach wurde einfaches Vorstandsmitglied des neuen KarstadtQuelle-Konzerns und beerbte im Mai 2004 den geschassten Wolfgang Urban an der Spitze. Aber welche Rolle spielte Madeleine Schickedanz bei diesem Führungswechsel? Glaubte sie bis zuletzt an Wolfgang Urban, und musste dieser nur gehen, weil der andere Teil der Familie es so wollte? Weil dieser Teil gemeinsam mit dem damaligen Aufsichtsratschef Hans Meinhardt gegen Wolfgang Urbans Sanierungsbemühungen opponiert hatte, wie Kritiker argwöhnen? Weder Meinhardt noch die Schickedanz-Familie wollen sich dazu äußern. Im Frühjahr, als bereits Gerüchte über seine Abberufung die Runde machten, soll Madeleine Schickedanz den angeschlagenen Wolfgang Urban angerufen und ihm versichert haben: "Wir stehen zu Ihnen." Das berichten Insider.

War Urban am Schluss ein Opfer im Familienzwist? Neu wären die Meinungsverschiedenheiten im Hause Schickedanz jedenfalls nicht: Regelmäßig hatten sich die beiden Familienstämme über die Zukunft des Konzerns gestritten. Das war auch einer der Gründe für die Spaltung des Aktienpakets in zwei Teile. So haben beide Stämme immerhin die Möglichkeit, bei einem guten Angebot getrennt auszusteigen. Am Dienstagabend machte das Gerücht die Runde, die amerikanische Investmentgesellschaft Blackstone sei an einer Übernahme von KarstadtQuelle interessiert. Der Aktienkurs des Konzerns sprang um fast 25 Prozent nach oben – und das, obwohl Blackstone eilig dementierte.

"Madeleine ist ein scheues Reh", heißt es aus ihrem Umfeld in Nürnberg. Dass sie auf ein Angebot wie das von Blackstone eingeht, ist angesichts ihrer versprochenen Beteiligung an der geplanten Kapitalerhöhung zwar nicht ausgeschlossen, allerdings wenig wahrscheinlich. Außerdem würde Madeleine Schickedanz mit ihrem Anteil von KarstadtQuelle nicht einfach eine beliebige Unternehmensbeteiligung aufgeben, sondern auch ein Stück Konzern gewordener Familiengeschichte und Versandhaus-Tradition.